
Das passiert in der Pilotfolge von MacGyver 2016:
Angus MacGyver (Lucas Till, „X-Men“) arbeitet für das Department of External Services, kurz DXS, eine ultrageheime Abteilung der US-Regierung, deren Aufgabe darin besteht, die Interessen der Vereinigten Staaten im In- wie Ausland zu wahren. Zusammen mit seiner Chefin Patricia Thornton (Sandrine Holt, The Returned (2014)), seinem Freund und Kollegen Jack Dalton (George Eads, CSI: Crime Scene Investigation) und der IT-Spezialistin Nikki (Tracy Spiridakos, Revolution), mit der MacGyver liiert ist, reist er an den Comer See nach Italien, wo auf einer höchst illustren Party eine Massenvernichtungswaffe unbekannter Art zum Verkauf stehen soll.
MacGyver schafft es, das Kaufobjekt an sich zu bringen. Es handelt sich um eine biologische Waffe. Kaum sind er und Jack den Schergen des Verkäufers entkommen, da verlieren sie den Behälter mit dem Virus aber auch schon wieder. Der Waffenhändler John Kendrick (Vinnie Jones, Galavant) hat Nikki in seine Gewalt gebracht - und zwingt MacGyver zu einem Austausch. Kaum hat Kendrick die biologische Waffe in seinen Händen, erschießt er Nikki trotzdem. Und auch MacGyver selbst bekommt eine Kugel ab.
Drei Monate später: MacGyver hat sich gerade erst von der Schussverletzung erholt, da will ihn seine Chefin auch schon wieder unbedingt in den aktiven Dienst zurückholen. Es ist zu einem ersten Einsatz der biologischen Waffe gekommen, wobei es sich allerdings zunächst wohl nur um so eine Art Verkaufsdemonstration gehandelt hat.
Um an die Aufzeichnungen auf Nikkis Computer zu kommen, rät Jack dazu, sich die Hilfe der aktuell im Gefängnis einsitzenden Hackerin Riley Davis (Tristin Mays, The Vampire Diaries) zu sichern, obwohl ihn und Riley eine etwas komplizierte Vergangenheit verbindet, da er wohl einst mit ihrer Mutter zusammengewesen ist. Sei es wie es sei: Mit Rileys Unterstützung gelingt es MacGyver, die Spur von Kendrick wieder aufzunehmen. Dabei macht er jedoch eine schockierende Entdeckung: Nikki ist noch am Leben. Und wie es scheint, arbeitet sie mit Kendrick zusammen. Ja, sogar mehr als das: Sie arbeitet nicht für den Waffenhändler. Er arbeitet für sie...
Freitag
Bevor man als Kritiker etwas über MacGyver 2016 schreibt, empfiehlt es, zwei Dinge in Erinnerung zu rufen, die der ehemalige NBC- und FOX-Programmplaner Preston Beckman jüngst in einem Artikel auf The Ringer gesagt hat.
In dem Text geht es zwar konkret um den Erfolg der ABC-Sitcom Dr. Ken - trotz vernichtender Kritiken. Die Lehren daraus lassen sich jedoch sehr gut auf MacGyver 2016 übertragen: Erstens, die Zuschauer haben freitags nach einer langen Arbeitswoche keine Lust, sich etwas Anspruchsvollem auszusetzen, bei dem man all zu viel nachdenken muss. Zweitens, der Sender ist ausschließlich daran interessiert, eine Serie zu finden, die zu einem bestehenden Erfolg passt. Sprich: eine Serie, die möglichst viele Zuschauer der vorangegangenen Serie hält (oder im Falle einer umgekehrten Reihenfolge: übergibt), ganz gleich was die Kritiker sagen.
Dr. Ken passt unter diesem Gesichtspunkt gut zu Last Man Standing. Und MacGyver 2016 scheint speziell darauf zugeschnitten, als Begleiter (und eines Tages vielleicht: Ersatz) von Hawaii Five-0 zu funktionieren. Hawaii Five-0-Showrunner Peter Lenkov war sogar für das Drehbuch der Pilotfolge von MacGyver 2016 verantwortlich.
So gesehen sollte man von MacGyver 2016 erst mal nichts anderes erwarten als das, was die Erfordernisse von CBS an den Sendeplatz am frühen Freitagabend sind: Leichte Action-Unterhaltung zu bieten - ohne irgendeinen Tiefgang, einfach zum Die-Füße-hochlegen und Vor-der-Glotze-abhängen.
Handwerklich solide
In dieser Hinsicht funktioniert MacGyver 2016 auch recht gut. Die Pilotfolge The Rising ist handwerklich solide gemacht. So niedrig, wie man die inhaltlichen Erwartungen besser ansetzen sollte, wenn man sich der Serie nähert, kommt es dramaturgisch sogar einer positiven Überraschung gleich, dass der Tod der Freundin nun nicht als MacGyvers Motivation für den Rest der Serie herhalten muss, sondern einen Spin erhält, welcher sogar zu einem fortlaufendem Handlungsstrang zu führen scheint. Denn die Handlung um Nikki ist mit der Pilotfolge nicht vorbei, sondern mündet in einen Cliffhanger.
Handwerklich auszusetzen gibt es allerdings, dass die Macher bei den Explosionen statt auf gute, alte Pyrotechnik lieber auf CGI setzen, was einen jedes Mal wieder aus der Folge herausreißt. Dabei handelt es sich aber möglicherweise um eine Geschmacks- oder Altersfrage. Wer heute primär durch Computerspiele mediensozialisiert ist, dem fallen die CGI-Explosionen vielleicht gar nicht so negativ auf.
Team MacGyver
Schwerer fällt da schon die konzeptionelle Austauschbarkeit ins Gewicht. Die Serie ist - zumindest im Piloten - so sehr um die bereits zuvor erwähnte Anschlussfähigkeit an Hawaii Five-0 bemüht, dass ihr praktisch jede inhaltliche Spezifik fehlt. Es ist irgendeine CBS-Serie über irgendein generisches Team, welches Fälle löst. Ja, MacGyvers besondere Fähigkeiten, sich unter fantasievoller Verwendung aller zufällig vorhandener Ressourcen aus kniffligen Situationen zu befreien, spielt zwar durchaus eine Rolle, ist jedoch nur ein Element unter vielen. Genau wie MacGyver selbst nur eine Figur unter mehreren ist.
In den 90er Jahren gab es mal eine kurzlebige Serie namens „Team Knight Rider“. Damals dachten Universal und RTL: „Ach, nur einen Typ im Auto herumfahren lassen, ist doch blöd. Setzen wir doch lieber gleich mehrere Leute auf Motorräder.“ Mehr ist aber nicht immer besser. Ein bisschen kommt einem MacGyver 2016 so vor, als hätte man die Serie auch „Team MacGyver“ nennen können.
Der Vergleich
Und an dieser Stelle lässt es sich dann doch nicht ganz vermeiden, den Vergleich zur Originalserie MacGyver zu ziehen: Diese lebte von ihrem Fokus auf - Überraschung! - MacGyver. Eine der Besonderheiten der Serie war gerade, dass er keinen festen Partner und kein festes Team um sich herum hatte. Die einzige andere durchgehende Figur der Serie war sein Chef Pete Thornton, gespielt von dem markanten Charakterkopf Dana Elcar. Die Freundschaft zwischen den beiden war so etwas wie der emotionale Anker der Serie.
Petes Entsprechung in der neuen Serie, Patricia, bleibt dagegen weitgehend konturlos. Ihr denkwürdigster Moment ist das Herabsteigen einer Treppe in einem eleganten Kleid. Genau das scheint auch die Ansage an die Casting-Abteilung von MacGyver 2016 gewesen zu sein: Hauptsache jung und gutaussehend. Eine Ausnahme bildet hier allenfalls CSI-Veteran George Eads, der auf den Typ rauhbeiniger-Abenteurer-mittleren-Alters getrimmt ist.
MacGyver-Darsteller Lucas Till ist gar nicht mal ein schlechter Schauspieler. Sein jugendliches, fast noch bubihaftes Gesicht macht es jedoch sehr schwer, ihn in seiner Rolle ernst zu nehmen, was wiederum die Wahrnehmung befördert, dass MacGyver in der nach ihm benannten Serie gar nicht wirklich präsent ist. Till wäre möglicherweise eine gute Wahl für die Rolle - in neun bis zehn Jahren, wenn er das Alter erreicht hat, das Richard Dean Anderson, damals 35, bei seiner ersten Folge als MacGyver hatte. Im Augenblick wäre Till jedoch wohl besser in einer Highschool-Serie aufgehoben.
Fazit
Mit MacGyver 2016 verhält es sich wie mit der Titelmusik: Es gibt ein paar Anklänge an die Originalserie MacGyver, ansonsten ist die Serie jedoch kaum etwas für Nostalgiker. Wer bei einer Actionserie wirklich nur abschalten will, der kann sich MacGyver 2016 zwar durchaus geben. Auch den Zuschauern, die am Freitag lieber etwas denkfaul sind, wird jedoch vermutlich sehr bald auffallen, dass der Serie - gerade im direkten Vergleich mit Hawaii Five-0 - das Besondere fehlt.
Hawaii Five-0 hat im Reboot einen bemerkenswerten Fokus auf seinen namensgebenden Handlungsort gelegt, was die Serie unter anderen Actionserien herausstechen lässt. MacGyver 2016 lässt sein titelgebendes Element, den Helden MacGyver, dagegen durch ein verfehltes Casting und die Einzwängung in eine Teamstruktur geradezu verschwinden.