Luther 3x02

„...a little slow, a little late.“ Fast über den gesamten Verlauf der wieder einmal großartigen zweiten Episode der dritten Staffel von Luther scheint dieses Lead-in-Zitat aus der The Wire-Episode The Pager zuzutreffen. Auf der Jagd nach dem Shoreditch Creep Paul Ellis (Kevin Fuller) kommen Chefermittler Luther (Idris Elba) und seine Kollegen zunächst immer einen Moment zu spät. Zu Beginn der Episode wird eine weitere Leiche entdeckt. Was die Ermittler schnell herausfinden, weiß der Zuschauer schon vorher, denn Ellis schickt eine - für ihn verhängnisvolle - Bildnachricht an seinen zweifelhaften Mentor William Carney (Ned Dennehy).
He came to me. The boy is a pilgrim
Carney ist ein wegen Mordes Verurteilter, der 25 Jahre im Gefängnis saß, weil er eine asiatische Prostituierte erdrosselt hatte. Zudem galt er als Verdächtiger in einer Reihe weiterer Mordfälle, seine Schuld konnte jedoch nie eindeutig bewiesen werden. Der führende Ermittler damals: Ronnie Holland. Ebenjenen fanden DSU Schenk (Dermot Crowley) und Kollegen bei den Ermittlungen zu den jüngsten Serienmorden tot in seiner Wohnung auf. Über ihn kam auch die Verbindung zu Carney zustande, denn mit diesem pflegte Holland ein merkwürdiges Verhältnis.

Im Suff und in seiner ganzen Frustration rief er den schwerkranken und mittlerweile aus der Haft entlassenen Carney in dessen Pflegeheim regelmäßig nachts an. Schenk weiß diese Beziehung in Worte zu fassen: „Man was a born predator and Ronnie Holland knew it.“ Doch nicht nur der verzweifelte Holland hielt Kontakt zu Carney, auch Paul Ellis suchte regelmäßig seine Nähe. Erst gegen Ende der Episode klärt Carney selbst die Ermittler über deren verhängnisvolles Verhältnis auf. Luther glaubt, Carney habe Ellis' Mutter ermordet. Der kleine Junge habe sich damals im Schrank versteckt und die ganze Tat beobachtet. Auf Rache dürstend, habe er sich auf den Weg zu Carney gemacht. Dem jedoch ist es gelungen, dem Jungen seine Rachegelüste auszureden: „I gave him a purpose. I explained him how much fun it was, you see. Killing his mother.“
Zwischen Carney und Ellis formte sich also eine wahre Creep-Freundschaft. Die Darsteller der beiden spielen ihre Widerlinge denn auch mit soviel Verve, dass es - im positiven Sinne - kaum auszuhalten ist, ihnen dabei zuzusehen. Schnell finden die Ermittler also die Identität von Paul Ellis heraus, doch bei der Stürmung von dessen angsteinflößend ausgestatteter Wohnung finden sie ihn nicht vor. Er befindet sich längst auf der Flucht - und auf dem Weg zu seinem nächsten Opfer. Luther versucht herauszubekommen, um wen es sich dabei handeln könnte, Carney jedoch bleibt stumm, erfreut sich gar an der Pein, die er im manisch-genialen Ermittler auslöst. Als Luther schließlich glaubt, den Kreis der potenziellen Opfer eingrenzen zu können, gibt Carney seine Scharade auf: „Nicely done. But you may be a little late.“
Und da ist es wieder: „...a little slow, a little late.“ Dieses Mal jedoch gelingt es Luther, Ellis in eine Falle zu locken. Der befindet sich mitten in seinem Mordritual an einer Schwester aus Carneys Pflegeheim, Jodie (Laura Pyper), und deren Freundin Eve (Alexandra Moen), als er von einer weiteren Pflegerin, Ayesha (Orlessa Altass), überrascht wird. Luther nutzt sie als Köder - es funktioniert und sorgt für einen echten Überraschungsmoment. Als Ellis gerade zum Mord ansetzen will, spaziert Luther in das Zimmer, in all seiner Lässig- und Überheblichkeit. Den anschließenden Kampf entscheidet er für sich. Ellis bleibt nur der Sprung aus dem Fenster.
If you can't get steak you have to settle for hamburger
Über diese Szene dürfte die Meinung von Zuschauern und Kritikern auseinandergehen. Es erscheint recht unlogisch, dass Luthers Kollegen und Vorgesetzte ihm erlauben, das Leben einer Unschuldigen zu riskieren. Wenn weiterhin der Verdacht bestanden hätte, Ellis könnte sich schon im Haus befunden haben, wäre ein früheres Eingreifen unbedingt notwendig gewesen. Hier haben sich die Autoren für die spektakulärere Variante - den überraschenden Auftritt Luthers - entschieden, vielleicht, weil die Episode bis zu diesem Zeitpunkt von recht gewöhnlicher Ermittlungsarbeit geprägt war. Nötig wäre dies nicht gewesen, verliehen die Bösewichte-Darsteller der Episode doch ausreichend Dringlichkeit und Spannung, vor allem in der Szene, als Ellis das Pärchen heimsucht.

Ein Merkmal, das in den bisher gelaufenen Episoden der dritten Staffel von Luther besonders hervorsticht, ist die hohe atmosphärische Dichte der Erzählung. Autoren und Produktionsteam schaffen es, den Zuschauer beinahe durchgehend zu fesseln. Kaum gibt es Verschnaufpausen, die Szenen sind von solch hoher Intensität, dass man sich dabei ertappt, sich selbst ans Atmen zu erinnern. Dies gilt nicht nur für den Erzählstrang um die Jagd nach dem Mörder, sondern auch für die Nebenhandlungen.
Schließlich weht Luther auch aus den eigenen Reihen kräftiger Wind entgegen. Der auf ihn angesetzte DSU George Stark (David O'Hara) hat zwar ein Alkoholproblem, lässt aber gemeinsam mit DCI Erin Gray (Nikki Amuka-Bird) nicht locker, Luthers engsten Vertrauten DS Justin Ripley (Warren Brown) zu einer Aussage gegen seinen Mentor zu drängen. Brown porträtiert Ripley hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Luther und ebenjener zu seinem Amt. Schließlich stimmt er unter Bedingungen zu einer umfassenden Aussage zu - und gibt den Ermittlern nichts. Er preist Luther in den höchsten Tönen und versichert, dieser habe trotz seiner unorthodoxen Methoden niemals das Gesetz gebrochen.
Bei all dem Drama ist dies ein wunderbarer Moment der Erleichterung - sowohl für Luther als auch den Zuschauer. Und auch für die Ankündigung eines weiteren Highlights ist Ripley verantwortlich. Als seine Vernehmung beginnt, nimmt er Stark, Gray und den Zuschauer auf eine kurze Zeitreise in die eigene Vergangenheit und sein erstes Aufeinandertreffen mit Luther. Die beiden ermittelten gemeinsam in einem Mordfall. Die Hauptverdächtige damals: Alice Morgan.
Fazit
Als Zuschauer möchte man in diesem Moment laut aufschreien: „Yeah, Alice is back!“ Zuvor jedoch war der Verlauf der BBC-Dramaserie Luther so spannend inszeniert, dass der Gedanke an die Vorankündigung des Senders, Alice Morgan (Ruth Wilson) zurückzubringen, beinahe gänzlich verschwunden war.
Die hohe atmosphärische Dichte, generiert durch ein geniales Zusammenspiel zwischen Drehbuch, Technik und darstellerischen Leistungen, sorgt dafür, dass dem Zuschauer keine Zeit bleibt, um über Eventualitäten nachzudenken. Eine kleine Einschränkung muss dabei jedoch vorgenommen werden. Bisweilen schießen die Autoren nämlich mit ihrem Hang zum großen Auftritt über das Ziel hinaus.
Im Review wurde bereits die etwas zweifelhafte Dramaturgie des Ergreifens von Paul Ellis beleuchtet. Auch die Bildbotschaft von Luther und den drei traumatisierten Schwestern an William Carney kommt wenig glaubhaft herüber. Nach dem Erlebnis der Gefangennahme in Todesangst haben die Frauen sicherlich Besseres zu tun, als in rebellischer Teenager-Manier zu posieren. Deswegen erscheint auch die Frage Luthers an seinen Ermittlerkollegen Benny (Michael Smiley) - „You called him a dickhead?“ - recht unpassend.
Angesichts der ansonsten überragenden Dramaturgie, der äußerst gelungenen technischen Umsetzung und den großartigen Schauspielleistungen sollen diese kleinen Kritikpunkte die Endnote jedoch nicht allzu sehr schmälern. Luther befindet sich in absoluter Höchstform.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 24. Juli 2013(Luther 3x02)
Schauspieler in der Episode Luther 3x02
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