Lovecraft Country: Kritik zum Start der HBO-Horrorserie

Lovecraft Country: Kritik zum Start der HBO-Horrorserie

Mit Lovecraft Country präsentieren Misha Green, Jordan Peele und J. J. Abrams bei HBO einen der spektakulärsten Serienstarts des Sommers. Es geht um Horror und Rassismus, der ja gefährlicher ist als jedes fiktive Monster...

Jonathan Majors in Lovecraft Country (c) HBO
Jonathan Majors in Lovecraft Country (c) HBO
© onathan Majors in Lovecraft Country (c) HBO

In unserer überfüllten Serienwelt müssen Schöpferinnen und Schöpfer ihren Werken gleich von Beginn etwas Besonderes mitgeben, damit sie Überlebenschancen haben. Sogenannte Eröffnungsszenen werden immer wichtiger. Dem neuen HBO-Horrordrama Lovecraft Country ist nun die spektakulärste Ouvertüre der jüngsten Vergangenheit gelungen. Ein absolut übertriebener Mischmasch verschiedenster Gruselgestalten - selbst Cthulhu lässt sich bereits blicken -, typisch amerikanisch inszeniert. Ein visuell überwältigender Fiebertraum, der sofort klar macht: Hier lohnt es sich dranzubleiben!

Und eigentlich konnte man das schon anhand der namhaften Serienmacher ahnen: Underground-Urheber Misha Green hat nicht etwa eine Geschichte von H. P. Lovecraft selbst adaptiert, sondern den Matt-Ruff-Roman „Lovecraft Country“. Dieser leiht sich zwar die Lore des alten Schriftstellers, doch thematisiert auch dessen problematischen Hang zum Rassismus (man google einfach mal den Namen seiner Katze). Ebenfalls involviert sind J. J. Abrams (Lost, Fringe) und Jordan Peele („Get Out“, „Wir“), dem derzeit vielleicht interessantesten Horrorregisseur, dessen erste Serienprojekte, The Twilight Zone und Hunters, bislang aber hinter den Erwartungen zurückblieben. Lovecraft Country liegt ihm scheinbar deutlich mehr.

Worum geht's?

Im Zentrum der Geschichte steht der afroamerikanische Koreakriegsveteran Atticus Freeman, gespielt von Jonathan Majors (When We Rise). Auf der Suche nach seinem verschollenen Vater reist er gemeinsam mit seinem belesenen Onkel George - grandios gecastet mit Emmypreisträger Courtney B. Vance (American Crime Story) - und seiner vorbildlich emanzipierten Freundin Letitia - die wiederum mit der heimlichen Hauptattraktion Jurnee Smollett (Underground) besetzt wurde - durch die Vereinigten Staaten der 50er Jahre. Die rassistischen Jim-Crow-Gesetze gelten noch, so dass die drei Schwarzen in jeder Stadt Gefahr laufen, gelyncht zu werden. Zumal gerade die korrupte Polizei es auf sie abgesehen hat.

Und wo besteht jetzt der Bezug zu H. P. Lovecraft? Ganz einfach: Atticus' Vater, aber auch er selbst sowie sein Onkel, sind regelrecht besessen von der verrückten Fantasie des amerikanischen Autors. In einem kryptischen Abschiedsbrief hinterließ der Vermisste sogar direkte Verweise auf das Werk von seinem Lieblingsschriftsteller Lovecraft. In der etwas mehr als einstündigen Pilotepisode, die unheilvoll als „Sundown“ betitelt wurde, wagen sich die drei Helden also in den mysteriösen Landstrich vor, an dem tagsüber die irdischen Rassisten und nachts Kreaturen des Schreckens ihr Unwesen treiben.

Bevor die Serie jedoch die versprochenen Gruselgefilde betritt, lässt das Übernatürliche in Lovecraft Country zunächst lange auf sich warten. Dass es dabei trotzdem alles andere als langweilig zugeht, spricht für die hervorragende Charakterzeichnung der Produzenten. Schlechte Horrorserien vergessen gern, dass sie uns die Hauptfiguren überhaupt erstmal sympathisch machen müssen, damit wir wirklich um ihr Leben fürchten können. Bei Atticus, George und ganz besonders Letitia gelingt das ohne den geringsten Zweifel. Auf subtile Weise führt man uns die komplizierte Familiendynamik der Freemans vor und zeigt, dass sie trotz aller Ungerechtigkeiten, die sie im Leben erleiden müssen, unfassbar viel Humor besitzen.

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Mindestens genauso viel Zeit wie für die Vorstellung der Hauptfiguren verwenden der Drehbuch-Schreiber Green und Pilot-Regisseur Yann Demange (Top Boy) für die Darstellung des strukturellen Rassismus in Amerika. Atticus und Co schreiten mit einer ständigen Mischung aus Wut und Angst durchs Leben, immerhin wieder bedroht und provoziert von weißen Mitbürgern, die sie lieber tot sehen würden. Schon in Folge eins kommt es zu zwei gefährlichen Verfolgungsjagden, in denen die Jäger mit scharfer Munition auf ihre angedachten Opfer feuern. Sie haben nichts Verbotenes getan, außer natürlich Schwarz zu sein...

Lovecraft Country ist nicht nur an sich eine geniale Aufarbeitung rassistischer Gewalt, sondern trat gewissermaßen auch mit genialem Timing auf. Die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung nach der Ermordung von George Floyd haben das Thema auch für Weiße aktueller denn je gemacht, während es für Schwarze ohnehin nie an Relevanz verloren hatte, da die meisten Probleme seit den 50ern kaum gelöst wurden. In dieser Hinsicht ist die Beteiligung von Peele ebenfalls ein Glücksfall, der mit „Get Out“ vor ein paar Jahren einen völlig neuen Weg gefunden hat, Rassismus auch im Horrorgenre aufzugreifen. Ohne zu viel zu verraten: Folge zwei der Serie erinnert extrem an Peeles oscarprämierten Streifen.

Übrigens ist es eine der großen Stärken von Lovecraft Country, dass die Serie, die in ihrer Auftaktstaffel zehn Episoden umfasst, die immer seltener werdende Kunst der echten Einzelfolge zu beherrschen scheint. Soll heißen: Es handelt sich nicht um den inzwischen leidigen 10-Stunden-Film, der die letzten Jahre so angesagt war, sondern um eine Serie im klassischen Sinne - mit speziellen, für sich stehenden Unterthemen, die sich allesamt organisch im Oberpunkt Rassismus eingliedern. So gesehen erinnert das Ganze tatsächlich sogar an Supernatural, denn wir bekommen es mit Monstern der Woche zu tun.

Ein letzter Aspekt, der besondere Erwähnung verdient, hat mit dem Soundtrack der Serie zu tun. Schwarze Künstlerinnen und Künstler wie Nina Simone kommen effektiv zum Einsatz und sorgen immer wieder dafür, dass der Stil und die Geschichte von Lovecraft Country beschwingt und unterhaltsam bleibt, trotz der Schwere vieler ernster Szenen. Auch das ist etwas, womit sich dieses großartige Horrordrama vom Einheitsbrei des Genres abhebt: Es geht nicht nur ums Überleben, sondern auch ums Leben selbst. Was bringt es einem, wenn man alle Gefahren übersteht und dann trotzdem nie so richtig glücklich wird? Das Leben muss immer lebenswert erscheinen, selbst oder gerade wenn die äußeren Umstände noch so düster sind. Familie, Freundschaft, Musik und Tanz oder der Glaube sind genauso lebenswichtig wie der Herzschlag und die Luft zum Atmen.

Fazit

Lovecraft Country sollten auch Serienjunkies auf dem Zettel haben, die mit H. P. Lovecraft oder Horror allgemein nur wenig anfangen können. Denn es geht nicht wirklich um die Monster - und so kitschig es auch klingen mag: Das eigentliche Monster ist der Mensch selbst beziehungsweise sein Hass und hier besonders der Rassismus weißer Amerikaner gegenüber ihren Schwarzen Mitbürgern. Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas gelingt es den Produzenten Misha Green, J. J. Abrams und Jordan Peele, dass die Unterhaltsamkeit nicht leidet. Visuell und akustisch ist die Serie nicht nur sinnlich und stilsicher, sondern zuweilen sogar das reinste Spektakel (besonders wie gesagt die Eröffnungsszene). Aber auch die Charaktere sind fein geschliffen und grandios gespielt von Jonathan Majors, Courtney B. Vance und natürlich Jurnee Smollett. Zum Inhalt und den zentralen Mysterien und Metaphern kann ich aktuell noch nicht viel sagen, da ich vieles ehrlich gesagt selbst noch nicht verstehe. Dennoch eine ganz klare Empfehlung mit großer Vorfreude auf den weiteren Verlauf der Staffel!

Hierzulande erschien die Serie parallel zur US-Premiere als Stream bei Sky. Linear ausgestrahlt wird sie dann im November.

Hier abschließend der Trailer zur HBO-Serie Lovecraft Country:

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