Die Pilotepisode der Netflix-Dramedy Love von Judd Apatow hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck. So richtig lässt sich daran noch nicht erkennen, was die Serie eigentlich sein will. Würde sie im klassischen Fernsehen ausgestrahlt, wäre ihr wohl ein kurzes Leben beschieden.

Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust) schleppen sich durchs Leben. / (c) Netflix
Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust) schleppen sich durchs Leben. / (c) Netflix

An der Auftaktepisode des neuen Judd-Apatow-Formats Love lässt sich beispielhaft ablesen, wie das von Netflix lancierte Ausstrahlungsmodell - sämtliche Episoden einer Staffel werden am gleichen Tag veröffentlicht - die Arbeit der Kreativen beeinflusst. Die erste Folge der als „Comedy“ angekündigten Dramedy hat eine Laufzeit von geschlagenen 40 Minuten, wobei schon nach wenigen Minuten offensichtlich ist, dass auch die Hälfte genügt hätte, um die gleiche Geschichte zu erzählen. Das Binge-Watching-Modell gibt den Serienschöpfern also ungeahnte Freiheiten - die Frage ist nur, ob das wirklich ein Vorteil ist.

Who am I?

„Love“ spielt in Los Angeles und handelt von Mickey (Gillian Jacobs) und Gus (Paul Rust, neben Apatow und Lesley Arfin einer der Erfinder des Formats). Die beiden sind Anfang 30 und in unterschiedlichem Ausmaß unzufrieden mit ihrem Leben. Gus trennt sich von seiner Freundin Natalie (Milana Vayntrub), weil die ihn laut eigener Aussage betrogen hat. Auch ohne diesen Vertrauensbruch wäre es zwischen den beiden aber wohl nicht mehr lange gutgegangen, denn Gus ist - wie wir bereits in seiner ersten Szenen bezeugen können - einfach zu nett: „You say 'I love you' too much.

Also packt er schwermütig seine Sachen in sein umweltfreundliches Auto und zieht in einen Wohnkomplex um, wo nicht nur sein Kumpel Chris (Chris Witaske) wohnt, sondern auch zwei beste Freunde, deren Schauspieler Dave Allen und Steve Bannos von Apatow und seiner großartigen Coming-of-Age-Serie Freaks and Geeks mitgebracht wurden. Von dort pendelt Gus zu seinem Job als On-Set-Lehrer von Kinderdarstellern wie der bereits in jungen Jahren mit reichlich Allüren behafteten Aria (Iris Apatow). Auch dort gereicht ihm seine Nettigkeit zum Nachteil.

Seine Freizeit verbringt Gus größtenteils damit, depressiv auf der Couch zu hängen und Naturdokumentationen im Fernsehen an sich vorbeiflimmern zu lassen, oder damit, sich bei seinen Freunden darüber zu beschweren, seine eigene Identität nicht zu kennen. Ein fehlgeleitetes Frisbee, das auf seinem Balkon landet, bringt schließlich die Wende. Die vorübergehend im Wohnkomplex lebenden Studenten laden Gus zu einer Poolparty ein, wo er so viel Enthusiasmus aufbringt, dass er dafür sogleich mit der Aussicht auf einen Dreier belohnt wird. Als er jedoch erfährt, dass es sich bei seinen Bettgespielinnen um Schwestern handelt, platzt auch dieser vermeintliche Traum eines jeden Junggesellen.

Im Medikamentenrausch lässt Mickey (Gillian Jacobs) ihrem Frust freien Lauf. © Netflix
Im Medikamentenrausch lässt Mickey (Gillian Jacobs) ihrem Frust freien Lauf. © Netflix

Ähnlich desaströs endet der Tag für Mickey, die zuvor mysteriöserweise zugestimmt hat, ihre Beziehung mit dem nutzlosen Kokser Eric (Kyle Kinane) wiederaufleben zu lassen. Sie empfindet bei der Ausübung ihres Jobs als Radioproduzentin für den Domian-Verschnitt Greg Colter (Brett Gelman) noch weniger Freude als Gus, was darin gipfelt, dass sie ihren Kollegen Rob (John Ross Bowie) im Namen Colters entlassen muss, während sie high ist. Am Ende stimmt sie unerklärlicherweise zu, Eric zu treffen, obwohl sie ihn wenige Stunden zuvor noch zur Hölle gewünscht hat.

Make up for lost time

Wie sich herausstellt, ist der Treffpunkt aber keine Bar, sondern eine quasi-religiöse Versammlung. Eric hat sich offensichtlich vorgenommen, ein besserer Mensch zu werden, was nicht nur bedeutet, den Drogen abzuschwören, sondern auch, nach höherem Sinn zu streben. In ihrem Ambien-Rausch kann Mickey dem sogar etwas abgewinnen, verwechselt den Gottesdienst aber mit einer Selbsthilfegruppe. Nachdem sie die Bühne erklommen hat, spricht sie aus, was sie - stellvertretend für viele andere sinnsuchende Dreißigjährige - über Gleichaltrige denkt, die sie vermeintlich überholt haben: „That can't be it.

Das Zitat lässt sich vortrefflich auf die Serie anwenden: Soll es das schon gewesen sein? Sollen wir hier wirklich zwei Sinnsuchenden dabei zusehen, wie sie an ihren Problemchen verzweifeln? Ich weiß nicht, für welche Zielgruppe Love produziert wurde. Wollen diejenigen, die sich mit den wahrlich schwer zu ertragenden Protagonisten identifizieren, wirklich eine selten lustige Serie über ihr eigenes Leben sehen? Wenn die Auftaktepisode nicht die Länge eines Dramapiloten haben würde, könnte das vielleicht noch funktionieren. Aber hier sehen wir der ständigen Wiederholung des Immergleichen zu - schlechtgelaunte, orientierungslose Menschen suhlen sich im Selbstmitleid.

Ich halte es für eine realistische Möglichkeit, dass eine solche Serie nur auf Netflix oder Amazon existieren kann. Wenige Network-, Cable- oder Pay-TV-Verantwortliche hätten Apatow und Co. wohl nach Sichtung der Pilotepisode mit „Love“ überschüttet. So ist es denn auch kein Wunder, dass die Serie besser wird, je mehr man davon schaut. Uns wurde zuvor die gesamte erste Staffel zur Verfügung gestellt - und tatsächlich fing ich ab der dritten Episode an, positive Charaktereigenschaften der Figuren zu erkennen. Mehr als die sechs Episoden, die ich bisher geschaut habe, werde ich mir aber nicht ansehen. Es gibt ja noch Girls, Broad City, Master of None und Togetherness.

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