Love, Victor: Review der Pilotepisode

© erienposter von Love, Victor (c) Hulu
Ähnlich wie der Kinofilm „Love, Simon“ handelt auch Love, Victor von einem homosexuellen Jugendlichen, der zur Creekwood High School geht und sich mit seiner Homosexualität beschäftigt. Dabei ist Victor so wie Simon noch nicht geoutet und es drängt ihn ständig das Bedürfnis, seinen neuen Mitschülern von seiner Homosexualität zu erzählen.
Dear Simon
Victor Salazar (Michael Cimino) zieht ein Jahr nach den Ereignissen von „Love, Simon“ nach Atlanta, wo er ab sofort die gleiche Highschool wie die Legende Simon (Nick Robinson) besucht. Im Gegensatz zu seiner Schwester, Pilar (Isabella Ferreira), freut sich Victor auf einen Neuanfang, denn er sieht die positiven Seiten davon, irgendwo neu zu sein: Man kann sich völlig neu erfinden. Oder in seinem Fall: Er kann völlig er selbst sein - von Anfang an. Er könnte sich von Anfang an als homosexuelle Person vorstellen, so dass sein Coming-out gar nicht als ebendieses wahrgenommen werden würde - vor allem, da er von Simons erfolgreicher Liebesgeschichte an dieser Schule gehört hat.
Doch Victor verpasst seine Chance an der Creekwood High, sich als schwul vorzustellen, so dass jeder leider gleich von dem „Normalzustand“ ausgeht, also heterosexuell. Dabei entstehen sofort falsche Vorstellungen, was seine Beziehung zu der hübschen Mia (Rachel Hilson) angeht, als er sich gut mit ihr versteht. So deutet sein neuer Nachbar und deklarierter bester Freund Felix (Anthony Turpel) Victors und Mias Verhalten gleich so, als ob sie sich bei ihrer ersten Begegnung ineinander verliebt hätten.
Kurz darauf verliebt er sich wirklich auf den ersten Blick - ausgerechnet in den Schwulen Benji (George Sear), der mit Felix befreundet ist und ihm auch noch Komplimente für seine coolen Schuhe macht. Das bringt den eingeschüchterten Victor ganz schön in Verlegenheit, so dass er gar nicht weiß, wie er darauf reagieren soll.
Im Sportunterricht kann er zeigen, was er draufhat: An seiner ehemaligen Schule hat er die Position des Point Guard im Basketball besetzt. Der Coach möchte ihn zwar im Basketballteam haben, jedoch sehr zum Leid von Andrew (Mason Gooding), dem momentanen Point Guard. Da Victors Familie Schwierigkeiten hat beziehungsweise haben wird, die 500 Dollar Startgebühr zu bezahlen, damit er ins Basketballteam kommt, startet Andrew einen Spendenaufruf für ihn. Das tut er aber weniger aus Nächstenliebe, sondern viel mehr, um ihn vor seinen reichen Mitschülern zu demütigen und als arm hinzustellen.
Nach seinem ersten Schultag sind all seine Hoffnungen zerstört, so dass er den berühmten Simon anschreibt und (indirekt) um Hilfe bittet. Dieser macht ihm Mut, dass er auch noch die richtige Person finden wird. Doch das reicht nicht, um Benji um eine Fahrt auf dem Riesenrad zu bitten. Stattdessen antwortet er Simon, dass er nicht genau weiß, wie eine großartige Liebesgeschichte bei ihm aussieht, was - verbunden mit der Tatsache, dass er Mia um ebendiese romantische Fahrt bittet - seine bisher eindeutige Homosexualität infrage stellt.
Love, Simon
Bis auf die Mutter von Victor, Isabel (Ana Ortiz), die man aus Devious Maids kennt, ist der Cast eher unbekannt. Das sagt jedoch nichts über die Leistung der Schauspieler aus. Diese leisten gute Arbeit: Man spürt eine gewisse Leichtigkeit und Natürlichkeit in dem Schauspiel, was mir schon jetzt Freude bereitet.
Storytechnisch wird sich leider bei dem typischen Coming-of-Age-Repertoire bedient: Der neue Schüler an der Highschool wird von dem (wohl beliebtesten und besten) Basketballspieler der Schule, Andrew, fertiggemacht. Denn dieser hat Angst vor der neuen Konkurrenz und bangt um seine Position im Basketballteam, die die gleiche ist wie die von Victor. Es bleibt zu hoffen, dass es der Serie gelingt, an dieser Stelle nicht in eine 08/15-Geschichte über jugendliche Konkurrenz im Sport (siehe One Tree Hill, Friday Night Lights) zu verfallen. Solche Geschichten haben wir schon zur Genüge gesehen und sie tun der Serie nichts Neues dazu.
Doch bereits jetzt lassen sich tolle Figurenkonstruktionen ausmachen, auf die man sich in der Teenieserie freuen darf: Victors neuer Freund/ Nachbar strotzt nur so voller Energie, die sich meist in schnellem und chaotischem Reden darstellt. Mit seiner Art sorgt er bereits in der Pilotepisode für den einen oder anderen Lacher. Damit bildet er einen tollen Gegenpol zu dem eher ruhigen, fast schon schüchternen Victor, der auch um Harmonie bedacht ist, wie seine Auseinandersetzung mit Andrew zeigt.

Außerdem verstehen sich Victor und Mia auf Anhieb sehr gut. Mia kommt wie eine unschuldige und fröhliche Schönheit daher, die niemanden verurteilt und stattdessen hilft. Sowohl Victors Beziehung zu ihr als auch die zu Benji, dem schwulen Jungen der Schule, auf den er von Anfang an abfährt, dürfte spannend zu verfolgen sein.
Bisher stand die Familie von Victor zwar noch etwas im Hintergrund, aber das, was man bisher sehen konnte, zeigte schon einen gewissen Charme und Charakter: Sie sind etwas chaotisch. Die Eltern haben (Ehe-)Probleme aufgrund des Umzuges nach Atlanta. Victors Schwester rebelliert, da sie über 1000 Meilen von ihrem Freund und „ihren Leuten“ entfernt ist. Doch anscheinend machen diese Rebellionen ihren Charakter aus.
Als kleine, süße Verbindung zum Filmvorgänger „Love, Simon“ dienen Instagram-Nachrichten zwischen den beiden Jugendlichen. Außerdem frischt ein Vortrag der Vizedirektorin das Wissen über die „Legende von Simon und Bram“ auf.
Die Creekwood High erscheint zuerst wie ein Paradies der Toleranz für jedermann, doch schnell muss Victor feststellen, dass die Realität ein bisschen anders aussieht...
Fazit
Die Auftaktfolge der Hulu-Produktion Love, Victor kommt mit liebevollen Charakteren daher, die eine tolle Chemie zueinander aufweisen. Auch die Schauspielleistungen sind im guten bis sehr guten Bereich, wodurch es alles in allem echte Freude bereitet, die Pilotepisode anzuschauen.
Dabei gelingt es der Serie leider nicht ganz, auf stereotypische Charaktere und Handlungen rund um die Sportler einer Schule zu verzichten. Es bleibt zu hoffen, dass das nur eine Kinderkrankheit ist und diese im Laufe der Staffel eher weniger ausgebaut, am besten komplett abgeschafft wird.
Mit zehn Folgen in je 30 Minuten ist die Auftaktstaffel sehr bingefreundlich. Ich kann mir gut vorstellen, die Serie an einem Stück anzuschauen.
Hier noch der Trailer zu „Love, Simon“: