
Die kanadische TV-Industrie schließt sich dem Trend zum Übernatürlichen an und liefert mit Lost Girl eine Serie, die von manchen kanadischen TV-Kritikern als kanadische Buffy the Vampire Slayer-Variante gefeiert wurde. Die Produktion von Showcase ist nach nur einer Episode so einem Vergleich (noch) nicht gewachsen. Aber Menschen neigen in ihrer Euphorie (oder aber in ihrer Enttäuschung) zu solchen Vergleichen. Genau so werden sich Zuschauer bei Lost Girl fühlen: Euphorisch oder enttäuscht. Ich wiederum werde mich um die goldene Mitte bemühen, obwohl ich nach der Sichtung des Piloten nichts gefunden habe, was mich zum Weiterschauen bewegt.
Das heißt aber nicht, dass Genre-Liebhaber an Lost Girl keinen Gefallen finden werden. Die kanadische Serie erzählt die Geschichte von Bo (Anna Silk), einer Frau, die jung, hübsch und... tödlich ist. Schon in den ersten Minuten sehen wir, wie sie, um ein Mädchen vor der möglichen Vergewaltigung zu bewahren, den Angreifer zu Tode küsst. Ja, ihr habt richtig gelesen: Sie küsst ihn und scheint dabei sein Leben auszusaugen. Die Special Effects und generell die Inszenierungen erscheinen sehr holprig und vermitteln einen „billigen“ Eindruck.
An sich ist das nicht schlimm, wenn der Rest stimmt. Also, zurück zum Rest: Das Mädchen, das Bo rettet, Kenzi (Ksenia Solo), ist zunächst über sie entsetzt. Bo erzählt, dass sie nicht weiß, was sie ist, sich aber von menschlicher Energie ernährt und dabei die Personen tötet. Außerdem kann sie Menschen nur mit einer einfachen Berührung manipulieren. Nach dem kurzen Schock fängt Kenzi an, alles „cool“ zu finden und Team Bo gründen zu wollen. Als sie dabei ist, Bo zu überzeugen, sie mitzunehmen, wird Bo entführt.
Sie ist nämlich nicht die einzige mit übernatürlichen Kräften. Detective Dyson (Kristen Holden-Reid), der den Tatort nach Bos Auftritt untersucht, scheint auch ein übernatürliches Wesen zu sein. Im Schnellverfahren wird uns mitgeteilt, dass alle Wesen in zwei Gruppierungen organisiert sind und keinem/er erlaubt ist, einfach so durch die Welt zu spazieren, denn es gilt, organisiert die Aktivitäten des Übernatürlichen vor den Menschen zu verbergen. Die zwei Gruppen nennen sich „Light“ und „Dark“. Light hat einen schwarzen Anführer und Dark eine weiße Anführerin (Emmanuelle Vaugier).
Man bewegt sich immer auf Glatteis, wenn in Fantasy-Formaten schauspielerische Leistungen zu bewerten sind, aber in Lost Girl fällt tatsächlich Emmanuelle Vaugiers extremes Overacting auf - und die krampfhaften Versuche der restlichen Beteiligten, ihren Figuren Leben einzuhauchen und sie interessant zu machen. Vielleicht werden sie es ja auch noch.
Lost Girl täte sich definitiv einen Gefallen, anstatt plumpe Actionszenen zu präsentieren, mehr Hintergründe über die dargestellte Welt zu verraten. Wir erfahren, dass Bo ein Succubus ist und dass ihr beigebracht werden kann, ihre Bedürfnisse ohne tödlichen Ausgang zu stillen. Bo weigert sich, eine Seite zu wählen, und will zurück zu den Menschen. Anscheinend wird der zentrale Konflikt der Serie sich aus Bos Zerrissenheit zwischen ihrem Wesen und der Wahl, die sie trifft, ergeben. Silk und Solo als führendes Duo in der Serie überzeugen noch nicht wirklich, aber es ist ja nur der Pilot.
Außerdem zeigen die Ratings, dass Lost Girl überhaupt nicht verloren ist, ihre Zuschauer auf Anhieb gewonnen hat und sie sich gut unterhalten fühlen. Und daran ist nichts auszusetzen, denn Serien müssen nicht weltbewegende Ereignisse sein. Letztendlich: wäre es nicht der Anfang der TV-Season, hätte ich mir auch die ein oder andere weitere Episode gegönnt.