Das FOX-Drama Second Chance bedient sich der klassischen Dr. Frankenstein-Geschichte. Die Hauptfigur bekommt nach ihrem Tod eine zweite Chance, um einiges gerade zu rücken. In der bisweilen irritierend wahllos zusammengewürfelten Pilotepisode spricht jedoch nicht sehr viel für den Neustart.

Offizielles Promobild zur neuen FOX-Serie „Second Chance“ mit Robert Kazinsky. / (c) FOX
Offizielles Promobild zur neuen FOX-Serie „Second Chance“ mit Robert Kazinsky. / (c) FOX

Die neue FOX-Serie Second Chance hat sich in den Räumlichkeiten der SERIENJUNKIES.DE®-Redaktion schon lange vor ihrer Premiere am 13. Januar 2016 einen Namen gemacht und sorgt immer wieder für etliche Schmunzler. Dies liegt vor allem an der verzwickten Namensfindung für das Drama von Serienmacher Rand Ravich, das seinen Titel in seiner Produktionsgeschichte zweimal änderte: Zu allererst verkaufte man uns das Format unter dem Titel „The Frankenstein Code“, wenige Monate später wurde daraus „Lookinglass“, bis man sich schließlich doch für den Serientitel Second Chance entschied, da dieser eben die Prämisse der Serie am besten wiedergeben würde.

Die unausgegorene Auftaktepisode der neuen Dramaserie bietet allerdings nicht allzu viele Argumente, um dem Format eine zweite Chance zu geben (entschuldigt bitte, es ist einfach zu naheliegend ...). Dabei ist die Pilotepisode von „Second Chance“ manchmal sogar recht unterhaltsam. Insgesamt werden aber zu viele Fragen aufgeworfen, die, wenn überhaupt, nur sehr schwammig aufgeklärt werden. Auch die Geschichte könnte stellenweise spannungsärmer nicht sein. Für das wilde qualitative Mischmasch, das „Second Chance“ letztlich ist, sind auch die Darbietungen der Darsteller ein guter Gradmesser: weder Fisch noch Fleisch.

The Sheriff

Zu Beginn von Second Chance sehen wir, wie der ehemalige Gesetzeshüter Ray Pritchard (Philip Baker Hall) - der einst wegen eines Korruptionsskandal aus seinem Amt gedrängt wurde - von zwei zwielichtigen Herrschaften ums Leben gebracht wird. Sein Leichnam wird aber von dem erfolgreichen Tech-Unternehmerduo Mary (Dilshad Vadsaria) und Otto Goodwin (Adhir Kalyan) für ein Experiment missbraucht, das im besten Fall ein Heilmittel für Marys fortgeschrittene Krebserkrankung darstellt. Der 75-jährige Ray wird als 35-jähriger Muskelprotz (Robert Kazinsky) mit übernatürlichen Kräften wieder zum Leben erweckt. Er kommt mit der Situation jedoch überhaupt nicht klar und widmet sich schon bald der Aufgabe, seinem Sohn unter die Arme zu greifen und sein neues Leben als jüngeres, besseres Ich für wahr zu nehmen.

Robert Kazinsky in %26bdquo;Second Chance%26ldquo;. © FOX
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Getting ahead of the story

Die Entscheidung gegen den Serientitel „The Frankenstein Code“ fiel angeblich, weil man das Format nicht zu sehr auf die gleichnamigen Roman von Mary Shelly und dessen Prämisse reduzieren wollte. Letztlich stellt die Serie aber zwangsläufig diese Verbindung zur literarischen Vorlage her, widmet man sich doch genau so Themen wie dem Gottkomplex des begabten Erfinders auf der einen und dem Dasein als „Monster“ auf der anderen Seiten. Wobei unsere Hauptfigur bereits über ein Bewusstsein verfügt und sich deshalb nicht wirklich mit Sinnfragen bezüglich ihrer Existenz beschäftigen muss.

Das ist wiederum ein Stück weit schade, böte doch gerade dieser Aspekt einige interessante Fragen für eine dramatische Erzählung. In „Second Chance“ blendet man diese „Chance“, die Hauptfigur und deren Persönlichkeitswerdung zu ergründen, aber komplett aus. Ray Pritchard schlüpft lediglich in eine jüngere, stärkere und vor allem sexyere Version von sich selbst (mehrfach werden wir mit dem Holzhammer darauf hingeweisen, wie unglaublich unwiderstehlich er ist). Einzig Rays neu gewonnene Perspektive hinsichtlich seines problematischen Verhältnisses zu seinem Sohn verspricht etwas Charakterentwicklung. In der Pilotepisode wird Rays charakterliche Veränderungen, nachdem er noch einmal die Möglichkeit bekommt, ein paar Sachen anders zu machen, jedoch oft furchtbar plump angegangen und recht oberflächlich behandelt.

The best version

Second Chance ist als Serie im wahrsten Sinne magere Durchschnittskost. Hier und da versucht man durch ein paar „spaßige“ Szenen die Handlung etwas aufzulockern. Dummerweise fühlen sich diese Momentaufnahmen extrem nebensächlich, bisweilen unfreiwillig lächerlich an (so zum Beispiel Rays Aufeinandertreffen mit einer attraktiven Blondine). Irgendwie schafft es Serienschöpfer Rand Ravich nicht, eine stringente Geschichte zu erzählen und die Balance zwischen seichter Unterhaltung und im Optimalfall spannenden Plot zu halten. Einige Szenen wirken so, als hätte man sie im Schnittraum wild aneinandergereiht, nur um etwas Abwechslung reinzubringen, wirklich viel hergeben tut die Pilotepisode aber letzten Endes nicht.

Eigentlich sollte man sich doch schon für die beiden Zwillinge Otto und Mary interessieren. Der eine ein Tech-Genie mit einer Persönlichkeitsstörung, die anderen die clevere Geschäftsfrau, die aus der Gabe ihres Bruders die sehr erfolgreiche Firma Lookinglass erschafft hat. Rays „Wiedererweckung“ soll die Heilung für Marys Krebsleiden mit sich bringen, doch es entsteht nie wirklich eine besonders große Dringlichkeit dahingehend, wie schwer ihre Erkrankung wirklich ist. Ihr innerer Konflikt, Ray von den Toten wiederbelebt zu haben und aus ihm eine menschliche Laborratte zu machen, ist relativ schnell wieder vergessen. Schlussendlich bleibt einem als Zuschauer noch am ehesten in Erinnerungen, dass auch Mary sich wie viele andere Damen zu dem muskulösen Körper vom neuen Ray hingezogen fühlt.

Superpotent

An dessen Charakter kann es nicht wirklich liegen, wird dieser doch sehr dürftig etabliert. Während Robert Kazinsky (True Blood, EastEnders) zunächst die Verwirrung seiner Figur nach deren Wiederauferstehung ordentlich spielt, verkommt der Darsteller dann leider zu einem recht blassen Gesicht. Hinzu kommt, dass sein Charakter oft sehr eigenartige Entscheidungen trifft. Bliebe er doch einfach (ja, ich kann verstehen, dass er sich in einer außergewöhnlichen Situation wiederfindet, aber trotzdem) ein paar Mal bei seinen „Schöpfern“ und würde nicht einfach immer wieder drauf loswalzen, seine noblen Absichten, Sohnemann Duval zu helfen, in allen Ehren. Aber dann hätten wir auch keine Handlung, die dementsprechend einfach und simpel gestrickt ist.

Adhir Kalyan und Dilshad Vadsaria in %26bdquo;Second Chance%26ldquo;. © FOX
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Connection

Dass Ray den korrupten FBI-Agenten und Partner Duvals sowie dessen bärtigen Komplizen genau an der Stelle aufhalten kann, wo er selbst von den beiden in den Tod gestürzt wurde, ist ein herrlich bequemer Zufall. Auch dass Mary mit den Ressourcen ihrer Firma den verzwickten Bankraub-Fall Duvals, an welchem dieser schon seit einer halben Ewigkeit sitzt, im Handumdrehen lösen kann, ist wunderbar zweckdienlich. Da die Handlung derartig lieblos und uninspiriert vorangetrieben wird, für die Figuren sich keine wirkliche Konsequenzen oder Einsätze ergeben, nimmt man das Geschehen oft sehr teilnahmslos zur Kenntnis. FOX tischt uns eben eine sehr einfache Pilotepisode auf, die nicht über genügend Substanz (sei es in Form herausstechender Schauspielleistungen oder einem originellen Kniff) verfügt, um uns das Format schmackhaft zu machen.

Tim DeKay (White Collar) tut sich hier in seiner Darbietung noch am meisten hervor, Dilshad Vadsaria (Revenge, Greek) und Adhir Kalyan (Rules Of Engagement) präsentieren sich eigentlich auch solide, doch leider geht den Performances einfach das gewisse Etwas ab. In welche Richtung die Serie gehen will, ob wir in den nächsten Wochen mehr Procedural oder Charakterdrama sehen werden, ist auch nicht wirklich klar. Der Pilotepisoden gelingt es am Ende nicht, uns zu sagen, was für eine Geschichte in Second Chance erzählt werden soll, was ich als problematisch erachte. Die Prämisse, so hanebüchen sie auch ist, gibt ja ein paar interessanten Themen her: der angesprochene Gottkomplex, die besondere Beziehung zwischen den beiden Zwillingen, Rays neue Sicht auf sein altes Leben und sein Bestreben, seine zweite Chance tatsächlich wahrzunehmen. Nach der Auftaktepisode kommen aber berechtigte Zweifel auf, ob sich die Macher um Rand Ravich derartigen Aspekten etwas tiefgründiger widmen werden oder man auf die Karte „flache Unterhaltung mit einem gut aussehenden Hauptdarsteller“ setzt. Ich befürchte eher letzteres, was aus „Second Chance“ nur eine weitere vergessenswerte, banale Serie des derzeitigen Network-Fernsehens macht.

Trailer zu „Second Chance“:

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