Longmire 3x10

Seit zwei Staffeln begleiten wir Walt Longmire (Robert Taylor) und seine Kollegen nun schon durch den bevölkerungsärmsten Bundesstaat der USA. Wenn wir gemeinsam in die dritte Runde starten, kennen wir bereits viele Seiten der Charaktere, haben sie unter zahlreichen, oft extremen Umständen gesehen. Doch die aktuelle dritte Staffel bringt uns alle noch einmal auf einer ganz anderen Ebene näher.
Statt kurzen Einschüben zwischen den Fällen der Woche geht es nun über weite Strecken vor allem um die große Geschichte. Die Longmire-Autoren weichen den Procedural-Stil der Serie auf und bereichern damit die Story um tiefere Charaktereinblicke, behalten jedoch die positiven Seiten, wie Einblicke in die unterschiedlichen Lebenswelten in Wyoming, bei.
Einstieg
Wir treffen Walt wieder, wo wir ihn am Ende der zweiten Staffel verlassen mussten. Branch (Bailey Chase) wurde angeschossen und Walt versucht ihn zu retten. Schon die Auftaktepisode gibt den Ton der Staffel vor. Es geht um die Wahrheit, in erster Linie aber darum, Rache zu nehmen für Branchs Verletzung, für den Mord an Walts Frau.
Es bleiben aber auch die typischen Longmire-Fälle, in denen wir Einblick bekommen in eine Subkultur, eine geschlossene Gemeinschaft oder einfach in ein Thema der Region. Doch in der dritten Staffel legen die Autoren darauf deutlich weniger wert. Anhand eines Miss-Cheyenne-Contests erleben wir in der Episode Miss Cheyenne das Leiden einer zwangssterilisierten Frau, wie immer aus allen denkbaren Perspektiven.
Es ist durchaus möglich, auch für den Arzt Sympathien aufzubauen. Er scheint ein guter, verständiger Mann zu sein. Als wir erfahren, was er in seiner Vergangenheit getan hat, wird er nicht zwangsläufig zum Monster, sondern eher zu jemandem, der auf die falsche Sichtweise vertraut hat, der sein Bestes geben wollte und feststellen musste, dass er falsch lag. Er ist ein moralischer Verlierer der Vergangenheit, auch wenn er objektiv auf der Seite der Gewinner steht. Er hat ein gutes, bequemes Leben führen können, was seinen Opfern in der Regel verwehrt geblieben ist.
Wahnsinn
David Ridges (David Midthunder) versucht, Branch in den Wahnsinn zu treiben. Und das tut er auf eine sehr interessante Art. Branch haben wir aus verschiedenen Blickwinkeln kennengelernt, schon während des Sheriff-Wahlkampfes hat er sich von seiner eiskalten und seiner emotionalen Seite gezeigt. In der dritten Staffel erleben wir ihn nun in einer absoluten Ausnahmesituation. Von einem relativen normalen Drang, die Wahrheit über seine Verletzung herauszufinden, geht Branch in eine verbissene Fixierung über, bis er kurz vor dem Wahnsinn steht. Dabei wird er eigentlich nie richtig unsympathisch. Spätestens, als wir in der Episode Counting Coup Ridges im Wasser sehen, kann man nur noch Mitgefühl mit Branch haben. Er ist nicht wahnsinnig, aber er hat sich zu weit treiben lassen. Die Gefahr, die von ihm ausgeht, ist dennoch streckenweise beträchtlich.
Das Staffelfinale lässt uns im Unklaren über sein Schicksal. Kann es wirklich sein, dass sein Vater (Gerald McRaney) ihn erschießt? Ist er so gefühlskalt seinen eigenen Sohn zu ermorden, um das Geheimnis zu bewahren? Wir kennen Branchs Vater kaum, aber da wir nun wissen, dass er für die Karriere seines Sohnes zum Mörder wurde, ist alles möglich. Dazu kommt, dass Branch herausgefunden hat, dass sein Vater hinter dem Mord an Walts Frau Martha steckt.
Branch hat nicht immer die richtige Entscheidung getroffen, aber im Großen und Ganzen hatte er das Herz immer am richtigen Fleck. Überlebt er dieses Finale, sollte es nicht lange dauern, bis das Geheimnis bei Walt ankommt. Dazu kommt die Überlegung, dass Branchs Geschichte eine extreme Kurve genommen hat. Nachdem seine Beziehung zu Cady (Cassidy Freeman) in die Brüche gegangen ist und er Walt herausgefordert hat, ist er nun nur knapp dem Wahnsinn entkommen. Es könnte an der Zeit sein abzutreten, weil seine Geschichte möglicherweise zu Ende erzählt ist.

Beziehungsprobleme
Durch die ganze Serie Longmire zieht sich die Frage, was genau es eigentlich ist zwischen Vic (Katee Sackhoff) und Walt. Spätestens seit der Episode Harvest, in der Walt es nicht schafft, ihr zu sagen, dass er ihre Anwesenheit zu schätzen weiß, wird deutlich, dass die beiden es selbst nicht wissen. Die Autoren schaffen auch in der dritten Staffel wieder eine echte Gratwanderung. Alles, was die beiden für- oder miteinander tun, könnte ganz einfach auch freundschaftlich, loyal oder einfach verantwortungsbewusst sein, nur hier und da klingt ein Unterton durch. Dass Vic sich verzweifelt auf den Leichensack schmeißt, nachdem sie erfahren hat, dass Sean (Michael Mosley) Walt angerufen hat, ist im Grunde eine echt normale Reaktion. Wer will denn schon einen irgendwie gearteten Freund aus einem Leichensack ziehen müssen? Auch, dass Walt ihr zu Hilfe eilt, ist selbstverständlich.
In dem Moment, in dem er ihr ihre Scheidungspapiere überreichen muss, schafft er es endlich, ihr zu sagen, dass er sie gerne im Sheriffsdepartment hat. Viel ist das nicht, doch für Walt ist es ein echt emotionales Geständnis.
Während die beiden also kaum anders in eine neue Staffel gehen würden als bisher, werden wir Sean wohl das letzte Mal gesehen haben, zumindest als Vics Partner. Doch das könnte der Figur Vic vor allem gut tun, denn ihren bemühten Versuchen, eine heile Ehewelt zu zeigen, konnte man schon seit einiger Zeit die Verzweiflung anmerken. Eine Trennung der beiden wird nicht zwangsläufig etwas Neues für ihre Beziehung zu Walt bedeuten, aber vielleicht lernen wir dadurch eine neue Seite an ihr kennen.
Paare
Eine besonders interessante Episode ist Wanted Man, in der Walt mit Branchs Onkel Lucien (Peter Weller) zusammenarbeitet um Hinweise auf den Mörder seiner Frau zu finden. Die Paarung Walt und Lucien bringt uns kleine, aber sehr aussagekräftige Hinweise auf das Zusammenleben in Absaroka County und auf Walt. Freunde sind sie nicht, aber echte Feindschaft sieht auch anders aus. Walt und Lucien sind zwei Männer der alten Schule, die tun, was getan werden muss und keine großen Worte darum machen. Gemeinsam kämpfen sie für Martha und schenken uns gar einen ungewöhnlich emotionalen Moment, als Lucien Walt sagt, was für eine unersetzliche Frau Martha war.

Das zweite Paar der Episode sind Vic und Mathias (Zahn McClarnon), ähnlich angelegt und doch ganz anders. Mathias ist dem Sheriffsdepartment nicht zugeneigt, er legt den Ermittlern Steine in den Weg, wo er nur kann, aber er nimmt seine Pflicht ernst und erscheint nicht bestechlich zu sein. Besonders zu Vic scheint er Vertrauen gefasst zu haben, weshalb er ihr den Besuch bei dem mutmaßlichen Entführer alleine überlässt. Mathias ist einer der Guten, einer, der Ruby (Louanne Stephens) die Tür aufhält, der aber auch gelernt hat, dass Reservatsangelegenheiten am besten ohne Einmischung des Countysheriffs zu lösen sind.
In derselben Episode sehen wir den Tod von Hector (Jeffrey De Serrano) und das ist eine große Sache, auch wenn wir Hector nicht gut kannten. Er war eine mysteriöse Person, von der wir jedoch immer ahnen konnten, dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Sein Tod ist emotional, gerade dadurch, dass die Longmire-Autoren gelernt haben, diese Momente nicht mehr - wie in der ersten und zweiten Staffel - mit übertriebener Musik zu unterlegen. Es ist ein stiller Moment auf den Felsen, und genau das hat Hector auch verdient.
Zusammenspiel
Eine der Stärken der Serie Longmire ist es immer gewesen, dass verschiedene Handlungsstränge zusammengelaufen sind, ohne dass die Story sich zurechtgebogen anfühlte. Immer wieder kann man Parallelen erkennen, die sich manchmal nur wie ein Hauch anfühlen. Branchs aktuelle Situation bringt für Vic die Erinnerung an Gorski (Lee Tergesen) zurück, doch das steht nicht im Mittelpunkt. In einer überraschenden Wende kehrt Gorski selbst zurück und zeigt, dass er lange nicht so wahnsinnig ist, wie wir in der zweiten Staffel annehmen durften. Gemeinsam mit Walt rettet er Vic und Sean aus dem Haus der Verrückten.
Zum Ende der Staffel wird deutlich, dass auch die anderen Plots verbunden sind. Die Longmire-Autoren bringen nicht nur wunderbare Landschaftsbilder, auch in den Storys steckt jede Menge Lokalkolorit. Es ist ein dünn besiedelter Landstrich und immer wieder merken wir, meist dank Vic, wie gut die Menschen sich untereinander kennen, auch wenn sie es selten zeigen. Alles ist verbunden, wenn man seit Generationen denselben Flecken Erde teilt.
Mit den Unterschieden zwischen Walt und Konsorten auf der einen Seite und Jacob Nighthorse (A Martinez) und den Cheyenne auf der anderen Seite wird immer wieder gespielt. Gerade für Walt zählen die Einstellung und die Taten der Menschen mehr als die Herkunft. Doch es ist ein schmaler Grat, wem man vertrauen kann und die Serienmacher gehen mit Fingerspitzengefühl ans Werk, wenn sie uns die Zusammenhänge aufzeigen.

In Sachen Henry gibt es zahlreiche, interessante Szenen, aber nicht wirklich viel Spannung. Um Henry (Lou Diamond Phillips) dauerhaft im Gefängnis zu halten oder ihn gar zu Unrecht zu Tode zu verurteilen, ist Longmire dann doch nicht die richtige Serie.
Fazit
Die dritte Staffel der Serie Longmire darf als die stärkste bisher gelten. Wir haben die Figuren mittlerweile gut kennengelernt, wir haben uns an das Erzähltempo und die Art der Kriminalfälle gewöhnt, nun scheint es für die Longmire-Autoren an der Zeit zu sein, die richtig spannenden Geschichten rauszuholen. Henry wird zu Unrecht für einen Mord angeklagt, während Branch langsam in den Wahnsinn getrieben wird. Walt steht dazwischen, rettet jede Situation und könnte kaum lässiger dabei sein.
Alle Plots, alle Geschichten verbinden sich auf fast traumhafte Weise, die mysteriösen Bilder von weißen Kämpfern werden unterbrochen von Walts Bodenständigkeit, bis zu einem Grat, an dem man selbst nicht mehr Wahrheit von Traumbild unterscheiden kann.
Verfasser: Serienjunkies.de am Sonntag, 10. August 2014(Longmire 3x10)
Schauspieler in der Episode Longmire 3x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?