Lodge 49: Kritik zur neuen Bruderschaftsserie von AMC und Amazon Prime Video

© zenenbild der „Lodge 49“-Episode „As Above, So Below“: Im Sand findet Dud (Wyatt Russell) den Schlüssel zu einer neuen Welt. (c) AMC
Trauern will gelernt sein, doch wie geht jemand mit einem Rückschlag um, der sein Leben lang stets glücklich war? Der charmante Sunnyboy und Surfer Sean „Dud“ Dudley (Wyatt Russell) muss sich in der neuen AMC-Serie Lodge 49 der bitteren Wahrheit stellen, dass sein geliebter Vater und seine vertraute Sorglosigkeit ein für alle Mal gestorben sind. Und als hätte er noch nicht genug verloren, zwingt ein Schlangenbiss ihn obendrein dazu, sein Surfbrett, seine hölzerne Raison d'Être sozusagen, bis auf Weiteres an den Nagel zu hängen. Was bleibt ihm nun noch übrig?
Für den Serienmacher Jim Gavin lautet die Antwort ganz klar Bruderschaft, denn genau die bietet sich seinem Titelhelden, als er endgültig am Boden liegt. Gavin entwickelte die Geheimbundserie inspiriert vom Pynchon-Roman „Die Versteigerung von No. 49“, der genau wie die Serie selbst nicht eindeutig interpretiert wird. Gavin behauptet, seine Geschichte sei einem inneren Bild entsprungen: einem jungen Mann, der an die Tür eines alten Mannes klopfe. Und um diesen magischen Moment dreht sich nun auch die Pilotepisode As Above, So Below, die hierzulande ab Ende August bei Amazon Prime Video zu sehen ist.
Du wirst alleine sterben
Ob die Figur des Dud nur zufällig oder absichtlich an den Dude (Jeff Bridges) aus „The Big Lebowski“ erinnert - sowohl optisch als auch namentlich -, ist leider unbekannt. Dud ist ziellos und verkorkst und dennoch irgendwie charmant und grundsympathisch. Die wenigen Kontakte, die er in seinem Leben hat, erkennen ihn als Loser, verbringen aber trotzdem gerne Zeit mit ihm. Da wären beispielsweise seine beste Freundin Alice (Celia Au), bei der er gratis Gebäck abstauben kann, der Pfandhausbetreiber Burt (Joe Grifasi), dem er regelmäßig Fundstücke vom Strand vorbeibringt, und natürlich seine Zwillingsschwester Liz (Sonya Cassidy), die selbst nicht wirklich weiß, was sie im Leben will.
Auch sie hat einen Vater verloren - denselben natürlich -, doch sie geht völlig anders damit um. Um für sich selbst zu sorgen, jobbt sie in einer Busenbar der Sorte Hooters, auch wenn ein Großteil ihres Geldes im Endeffekt als Darlehen für ihren Bruder endet. Dessen Leben zeigt nicht die geringste Ordnung: Mal bricht er in leerstehende Wohnungen ein, um sich in Ruhe zu betrinken und ein bisschen „Dune“ zu lesen, mal badet er im Pool des alten Hauses der Familie, das inzwischen neue Besitzer hat, die mit Duds heimlichen Besuchen selbstverständlich nicht zufrieden sind. Ohne sein unschuldiges Lächeln wäre der blonde Streuner vermutlich längst schon im Gefängnis gelandet...

Etwas muss sich ändern in seiner trostlosen Existenz - und das weiß auch Dud selbst. Die unverhoffte Lösung bietet sich ihm als Schatz im Sand. Ein alter Verbindungsring öffnet ihm die Tür zu einer völlig neuen Welt, die, verglichen mit dem ihm bekannten Dasein, verlockend genug erscheint, dass er seinen letzten Funken Hoffnung darauf setzt. Als Zuschauer erkennt man jedoch schnell, dass es sich bei der ominösen „Order of the Lynx“ keineswegs um ein globales Verschwörernetzwerk handelt, sondern bestenfalls um eine Bierrunde abgehalfterter Männer und Frauen, die genauso ziellos sind wie Dud. Und trotzdem können beide Seiten voneinander profitieren: die eine sucht Zugehörigkeit, die andere junges Blut.
Das Königreich liegt direkt vor uns
Besonders erfrischend ist die Art und Weise, wie Gavin sowie der Regisseur Randall Einhorn (The Office) die titelgebende Bruderschaft einführen. Zunächst ist da nur der verschuldete Verkäufer Ernie (Brent Jennings), der mit Geduld und Fleiß bald zum neuen Chef des Bundes werden könnte. Der alte Logenchef Larry (Kenneth Welsh) scheint jedenfalls nicht mehr richtig auf der Höhe zu sein, was sich unter anderem darin äußert, dass er allein in dieser ersten Episode zweimal zu Boden geht. Er ist es auch, der Dud seine feierliche Initiation versaut, indem er den ahnungslosen Neuling scheinbar grundlos seinen rechten Haken spüren lässt. Doch auch das kann Dud nicht abschrecken, denn, was er jetzt mehr braucht als alles andere, ist eine Familie, so seltsam die auch sein mag.
Ähnlich wie bei Better Call Saul, derjenigen AMC-Serie, die in den kommenden Wochen als Lead-in von Lodge 49 fungieren wird, ist bei Gavins Stil nur selten klar, ob es sich um ein Drama oder eine Komödie handelt. Zwar ist das Grundthema der Serie prinzipiell dramatisch - also Trauer und Verlust -, doch sämtliche Figuren scheinen gleichzeitig komödiantisch angelegt zu sein. Trotzdem gelingt dem strahlenden Hauptdarsteller Russell, den manch einer womöglich aus der Black Mirror-Episode Playtest wiedererkennt, gegen Ende der Episode eine überraschend emotionale Rede. Aber auch die wird eben gebrochen durch den unvorhersehbaren Faustschlag des alten Anführers.
So oder so schafft es Lodge 49 in der Auftaktepisode As Above, So Below, Fragen aufzuwerfen, an deren Antworten zumindest ich persönlich durchaus interessiert bin. Was zum Beispiel meint der vermeintliche Langweiler Ernie mit seinen Geheimnissen der Alchemie? Und wie groß ist der Einfluss der Lynx tatsächlich? Doch auch atmosphärisch hat die Serie einiges zu bieten, besonders an solch heißen Sommertagen. Viele Zuschauer dürften zudem wie ich dem Charme der Hauptfigur erliegen, der man nur allzu gern dabei zusieht, mit welchen Nichtigkeiten sie ihre Zeit totschlägt. Wer keine große Toleranz oder Vorliebe für Serien ohne echte Handlung mitbringt, kann jedoch getrost wegschauen.