Locke & Key: Kritik zum neuen Mystery-Familiendrama von Netflix

© ocke & Key (c) Netflix
Diese Kritik bezieht sich auf die komplette erste Staffel von Locke & Key.
Die komplizierte Entstehungsgeschichte hinter der am heutigen Freitag, den 7. Februar auf Netflix startenden Comicadaption Locke & Key ist fast eine eigene Serienumsetzung wert. Im Februar 2010, vor fast genau zehn Jahren, gingen die Filmrechte an der Comicbuchreihe von Autor Joe Hill und Illustrator Gabriel Rodriguez von dem finanziell angeschlagenen Produktionsstudio Dimension Films an die renommierte Traumschmiede Dreamworks, bei welchem aus einem angedachten Film zu dem beliebten und prämierten Titel schnell ein Serienprojekt wurde, an dem sogar Steven Spielberg als ausführender Produzent mitwirken sollte. Wenig später präsentierte man in Zusammenarbeit mit 20th Century Fox eine Pilotfolge, prominent besetzt mit Miranda Otto, Sarah Bolger, Nick Stahl oder auch Popsänger Jesse McCartney. Mehr als diese eine Episode ist jedoch nie aus der ursprünglich auf die Beine gestellten „Locke & Key“-Serie geworden, die dann recht schnell wieder in Vergessenheit geraten ist.
Bis zum Jahr 2017 zumindest, als Hulu eine ganz neue Pilotfolge zu dem Stoff in Auftrag gab. Dieses Mal mit von der Partie: Erfolgsproduzent Carlton Cuse (Lost, Bates Motel, Colony, Tom Clancy's Jack Ryan) und Filmemacher Scott Derrickson, der im weiteren Verlauf der Produktion jedoch von „It“-Regisseur Andy Muschietti ersetzt wurde. Machen wir es kurz: Die „Locke & Key“-Adaption wurde auch hier nicht glücklich, Hulu verzichtete auf die Serie, deren Produzententeam sich in der Folge auf die Suche nach neuen Abnehmern machten. Und siehe da, plötzlich stand VoD-Gigant Netflix vor der Tür und überreichte Cuse und Co den sprichwörtlichen Schlüssel zu ihrem weltumspannenden Streaming-Königreich. Am Cast und dem Konzept des Formats wurde noch etwas rumgeschraubt, die Riege an ausführenden Produzentinnen und Produzenten wurde erweitert und zack: Fertig war die Laube. Aber möchte hier nach all den Jahren überhaupt noch jemand absteigen?
Derartige problematische Produktionsgeschichten schrecken einen schnell ab und lassen Zweifel aufkommen, ob das Ganze überhaupt die Mühe wert war oder ob man die Zeichen der Zeit hätte erkennen müssen und lieber einen Haken hinter das Projekt hätte machen sollen. Doch Joe Hill, Autor der Vorlage und nebenbei bemerkt Sohn der Schriftstellergröße Stephen King, und sein Kollaborateur Gabriel Rodriguez sind hartnäckig geblieben. Und nach einigen Anpassungen des Originals, dessen erste Ausgabe im Februar 2008 erschien, präsentiert man sie uns nun endlich, eine Serie zu „Locke & Key“. Ich persönlich bin mit den Comics nicht vertraut, habe mich jedoch insofern belesen, dass man inhaltlich anscheinend eine ganze Menge eingedampft hat, um dem im Comic verworrenen, komplexen Mystery-Charakter der Erzählung um eine Familie, die in den Besitz magischer Schlüssel kommt und gleichzeitig einer finsteren Entität Paroli bieten muss, ansatzweise gerecht zu werden.
Ein nachvollziehbarer Kompromiss, bei dem sich zeigen wird, wie die Fans und Kenner des Ausgangsmaterials dazu stehen. Für den „gemeinen“ Zuschauer, der ähnlich unbefleckt wie ich an die zehn Folgen der ersten Staffel von „Locke & Key“ rangehen wird, ist dies wohl eher zweitrangig. Was die Serie sehr einfach heruntergebrochen von außen verspricht, ist eine Mischung aus Familien- beziehungsweise Jugenddrama und Mystery-Show, ein spannendes Abenteuer mit leichten Coming-of-Age-Momenten und einer Prise Magie. Was zum Gruseln darf natürlich auch nicht fehlen, ebenso wie die bewegenden Momente, die sich zwangsläufig im Zusammenspiel verschiedener Charaktere ergeben, die gerade erst eine schreckliche Tragödie durchlebt haben, langsam wieder zueinander finden und letztlich gemeinsam über das Böse triumphieren. Und all das bekommt man auch. Die Geschichte folgt der Familie Locke, bestehend aus Mutter Nina (Darby Stanchfield) und ihren drei Kindern Tyler (Connor Jessup), Kinsey (Emilia Jones) und Bode (Jackson Robert Scott), die nach dem tragischen Tod von Ehemann und Vater Rendell (Bill Heck) in dessen alten Familiensitz im beschaulichen Matheson, Massachusetts ziehen.
Hier wollen sie einen kleinen Neustart wagen, was zunächst mit ein paar ganz gewöhnlichen Anpassungsschwierigkeiten an die neue, sehr fremde Umgebung einhergeht. In dem ominös betitelten, klassisch gestalteten und auch durchaus pompösen „Key House“ gehen jedoch schon bald seltsame Dinge vonstatten. Bode, Kinsey und Tyler entdecken nämlich eine ganze Reihe an geheimnisvollen Schlüsseln, die in dem Gemäuer versteckt sind und die über besondere Fähigkeiten verfügen. Ein Schlüssel öffnet eine Tür zu jedem Ort, zu dem man möchte, solange man weiß, wo dieser liegt. Ein anderer Schlüssel lässt einen tief in die eigene Psyche und Erinnerungen blicken, als würde man durch eine Parallelwelt streifen. Doch mit diesen mächtigen Fundstücken geht auch eine große Gefahr einher, denn: Ein schäbiger Dämon (Laysla De Oliveira) hat es auf die Schlüssel abgesehen, um sich aus seiner Gefangenschaft zu befreien und sich der Kräfte der Schlüssel, die auch für sehr finstere Absichten eingesetzt werden können, zu ermächtigen. Familie Locke kann dies aber selbstverständlich nicht so einfach zulassen, vor allem, weil sie direkt von dem Scheusal bedroht werden, das auch noch in spezieller Verbindung zu dem verstorbenen Rendell Locke steht...
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Im Grunde genommen ist Locke & Key sehr einfach, ja fast sogar schon erschreckend harmlos, was die Prämisse und den Plot betrifft. Die Figuren entsprechen vorgefertigten Schablonen, die bereits in zahlreichen Genreproduktion hoch- und runtergebetet wurden, hier und da streut man kleine Rätsel und düstere Geheimnisse ein, die schlussendlich mit einer schönen Schleife aufgeklärt werden. Die jugendlichen Protagonisten nehmen die meiste Zeit über das Ruder in die Hand und haben neben dem ganzen Ärger, der ihnen aufgrund der vielen magischen Schlüssel ins Haus steht, auch mit den normalen Herausforderungen des Erwachsenwerdens zu kämpfen. Erste Beziehungen, die Suche nach sich selbst und, nicht zu vergessen, die Aufs und Abs der Trauerbewältigung, nachdem ihr Vater ums Leben gekommen ist - alles, was man sich zu Beginn der Serie vorstellt, das passieren könnte, passiert auch. Sauber und grundsolide umgesetzt avanciert das Format somit zu angenehm-leichter Serienkost, familientauglich, weil es nicht zu schauerlich und explizit daherkommt, aber aufgrund seiner teils zauberhaften Elemente auch aufregend, insbesondere für ein eher jüngeres Publikum.
Man ahnt es schon: Es bahnt sich ein „Aber“ an. Die zehn Episoden der ersten Staffel von „Locke & Key“ sind also durchaus kurzweilig (die glücklicherweise nicht allzu langen Laufzeiten der einzelnen Folgen tragen dazu bei), doch irgendwann plätschert die Serie nur noch so vor sich hin, ohne wirklich große Ahaeffekte auszulösen. Der Netflix-Neustart macht per se nichts falsch - aber er bietet uns auch nichts an, was wir nicht schon etliche Male zuvor gesehen haben - und das womöglich bereits viel besser und packender. Bisweilen fühlt sich „Locke & Key“ wie eine zahnlose Version von The Haunting of Hill House an (Meredith Averill, an der Horrorsensation von 2018 als ausführende Produzentin beteiligt, mischt in gleicher Kapazität hinter den Kulissen von „Locke & Key“ mit), in den Mixer mit rein kommt dann auch noch eine gute Portion A Series of Unfortunate Events, jedoch ohne kindlichen Klamauk. Abgeschmeckt wird dann mit dem Bodensatz jedes x-beliebigen Teendramas, das sich ebenso in dem Katalog von Netflix finden lässt. Ob nun Stranger Things, 13 Reasons Why oder was auch immer. In der Summe kann „Locke & Key“ dann eben kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal vorweisen, sondern entpuppt sich eher als eine Ansammlung der „Greatest Genrehits“, die man sich geben kann. Aber bestimmt nicht muss.
Und damit tut man wahrscheinlich der Comicvorlage von Joe Hill und Gabriel Rodriguez (beide sind übrigens mit einem kleinem Cameo-Aufritt am Ende der Staffel zu sehen) keinen Gefallen, die weitaus vielschichtiger auszufallen scheint, als das, was Carlton Cuse und seine Kolleginnen und Kollegen über Jahre versucht haben, hier auf die Beine zu stellen. Das klingt nun harscher, als es letzten Endes gemeint ist, denn „Locke & Key“ funktioniert als unbeschwerte Familiengeschichte, die aus ihrer simplen Formelhaftigkeit beinahe eine Tugend macht und dadurch sogar einen sehr unaufdringlichen Charme entwickelt. Zum Beispiel weiß die Beziehung der drei Locke-Geschwister Tyler, Kinsey und Bode sehr gut zu gefallen. Nach dem Tod ihres Vaters ist ihr Verhältnis untereinander zunächst unterkühlt, doch man nähert sich langsam wieder an und findet schließlich zueinander, was sympathisch und inspirierend ist. Die Serie trägt in dieser Hinsicht das Herz am rechten Fleck, nur fehlt leider das altbekannte gewisse Etwas, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen.
Die Darbietungen sind durch die Bank ordentlich, manchmal vielleicht etwas aufgesetzt, aber größtenteils auf einem Niveau, das einem weder den letzten Nerv raubt noch komplett begeistern kann. Die Bezeichnung Mittelmaß hört sich abwertend an, soll es in diesem Fall aber gar nicht sein. Es stört mich null, dass man sich die Handlung immer wieder so zurechtdreht, wie es gerade notwendig ist, um das Geschehen voranzutreiben. Natürlich wundere ich mich zwischendurch, dass der kleine Bode über kein Leben außerhalb des Familienanwesens verfügt, während sein Bruder und seine Schwester eigene kleine Nebengeschichten abseits des altehrwürdigen Landhauses erleben. Ja, selbst bei der Mythologie der Serie und den Regeln dieses Universums tun sich mir Episode für Episode etliche Fragen auf, die oft nur im Ansatz geklärt werden können, während es manchmal sogar so erscheint, als würde man die mystischen Parameter der Erzählung einfach nebenbei abstecken, während der Stein schon längst ins Rollen gekommen ist. Geschenkt!
Locke & Key bemüht sich erst gar nicht, seine Welt zu sehr zu überfrachten - und das kann man dem Format durchaus positiv anrechnen, wenngleich diese Beurteilung wohl nicht ganz dem entsprechen dürfte, was man sich aufseiten der Macher vorgestellt hat. Und es ist ja auch nicht so, als würde diese nicht gekonnt mit all den geläufigen Versatzstücken spielen, die sich in dem Format finden lassen. Die überschaubare Kleinstadt, in der sich sonst nie etwas von Bedeutung ereignet, hätte man als stimmungsvollen Schauplatz zwar noch etwas mehr ausschmücken können, dafür ist jedoch das geschichtsträchtige Herrenhaus, in dem sich der Löwenanteil der Handlung abspielt, eine ganz wunderbare, weitläufige und verwinkelte Kulisse, durch die man als Zuschauer selbst nur zu gerne streifen möchte. Die musikalische Untermalung ist ebenfalls atmosphärisch, selbst wenn man es gelegentlich mit einigen platten Popsong-Einschüben ein wenig übertreibt. Doch am Ende fällt das alles gar nicht so sehr ins Gewicht - weder negativ noch positiv. Und so pendelt sich „Locke & Key“ aber genau auf ebenjenem sehr ordentlichen, wenngleich einfachen Niveau ein. Das Warten auf etwas wahrlich Besonderes hat sich also weniger gelohnt - doch das muss ja nicht immer der Schlüssel zum Erfolg sein.
Trailer zu „Locke & Key“: