„Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“: emotional, packend und dramatisch - Kritik zur Miniserie in der ARD

„Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“: emotional, packend und dramatisch - Kritik zur Miniserie in der ARD

Der skandinavische Sommer in der ARD startet mit einem hochemotionalen und grandios gespielten Drama über lebensverändernde Ereignisse, Mutterliebe und den Wert von Freundschaft. Warum man die neue Serie „Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“ auf keinen Fall verpassen sollte, verraten wir Euch in unserem Review zur schwedischen Miniserie.

Szenenfoto aus der Miniserie „Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“
Szenenfoto aus der Miniserie „Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“
© ARD Degeto und Viaplay Group und Ulrika Malm

Das passiert in der Miniserie „Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“

Ebba (Rakel Wärmländer), Gloria (Louise Peterhoff und My (Sofia Helin) sind gestandene Frauen mit Teenager-Kindern und seit Ewigkeiten die besten Freundinnen. Ihr beschauliches Leben nimmt eine dramatische Wendung, als Lukas, der Sohn von Mys Frau Helena (Alexandra Zetterberg Ehn), mit ihrem Auto einen Unfall hat, bei dem Ebbas Nachwuchs Jakob schwer verletzt wird.

Während er nach einer Gehirnoperation auf der Intensivstation um sein Überleben kämpft, wird die Freundschaft der Frauen auf eine harte Probe gestellt. Denn bald stellt sich heraus, dass Lukas möglicherweise unter Drogeneinfluss fuhr und daher große Schuld auf sich geladen hat. Ebba ist verzweifelt und wütend. Unter der Last ihrer Zukunftsängste droht die Freundschaft der Frauen schließlich in einem Meer von Vorwürfen zu zerbrechen...

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Eine emotionale Reise

Fredrik (Oscar Töringe) erhält die schreckliche Botschaft vom Unfall seines Sohnes.
Fredrik (Oscar Töringe) erhält die schreckliche Botschaft vom Unfall seines Sohnes. - © ARD Degeto und Viaplay Group und Ulrika Malm

Limbo ist ein hochdramatischer Trip in die Gefühlswelt von drei Frauen, deren Leben durch ein unumkehrbares Schicksalsereignis in unvorhersehbare Bahnen gelenkt wird. Über sechs Teile erzählen Regisseurin Sofia Adrian Jupither und die von Rakel Wärmländer unterstützte Drehbuch-Autorin Emma Broström eine emotional komplexe Geschichte, die in jeder Szene nachvollziehbar und glaubwürdig bleibt.

Dabei stellen sich eine Reihe von existentiellen Fragen, die es zu ergründen und zu beantworten gilt. Wie verändert sich das Leben, wenn eine unvorhersehbare Katastrophe über eine Familie hereinbricht, der man letztlich hilflos gegenübersteht? Wie kanalisiert man negative Gefühle wie Schuld, Verzweiflung, Zukunftsangst, Wut und sogar Hass auf denjenigen, der als Auslöser des Dramas identifiziert wird? Wie geht man mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst um? Stellt man sich stark der Herausforderung, oder zieht man sich in ein Schneckenhaus zurück und versucht, der Realität zu entfliehen?

All dies und mehr schwingt in dieser fantastisch geschriebenen und inszenierten Miniserie mit. Die Story beginnt beschaulich und stellt in den ersten zehn Minuten die Protagonisten vor. Ebba ist eine erfolgsorientierte Frau, während ihr Mann Frederik (Oscar Töringe) das Haus hütet und auf die kleine Mathilda (Heidi Blanck) aufpasst. Ihr ältester Sohn Lukas ist 18 und wie seine Freunde manchmal übermütig.

My ist Psychologin und mit der erfolgreichen Ärztin Helena verheiratet. Sie ist nach einer Kinderwunschbehandlung schwanger, wird aber aufgrund ihres Alters von Selbstzweifeln geplagt. Gloria wiederum fährt gerade ihr Leben an die Wand. Ihr Fotostudio läuft alles andere als gut und sie lebt weit über ihre Verhältnisse, verschweigt ihre Probleme aber vor ihrem Sohn Sebbe (Odin Romanus).

Mit dem komplizierten, auch von den Ehepartnern und Exmännern der Freundinnen geprägten Beziehungsgeflecht, ist die Prämisse nach dem schrecklichen Unfall der Teenager abgesteckt und führt uns auf eine emotionale Reise, die unweigerlich ins Chaos führt.

Grandios gespielt

Gloria (Louise Peterhoff) und Adam (Danilo Bejarano) sorgen sich um ihren Sohn Sebbe.
Gloria (Louise Peterhoff) und Adam (Danilo Bejarano) sorgen sich um ihren Sohn Sebbe. - © ARD Degeto und Viaplay Group und Ulrika Malm

Eine schwergewichtige Geschichte wie diese verlangt geradezu nach einem sorgsam ausgewählten Cast und hier leistete das Team um die auch als ausführende Produzentin fungierende Rakel Wärmländer großartige Arbeit. Wärmländer gibt als erfolgsverwöhnte Immobilienmaklerin Ebba eine preisverdächtige Vorstellung. Die Aktrice wechselt beinahe mühelos zwischen den komplexen Gefühlsebenen, die Ebba durchlebt. Einerseits sorgt sie sich um ihren Sohn, andererseits sucht sie aber auch einen Schuldigen dafür, dass ihr Leben womöglich nie wieder so wie vorher sein wird.

Denn Lukas hat dabei schwere Hirnverletzungen erlitten, womit seine Zukunft im Ungewissen liegt. In einem dramatischen Dialog vertraut sich Ebba ihren Freundinnen an und erzählt ihnen, wie sehr sie sich davor fürchtet, ihr Kind ein Leben lang pflegen zu müssen. Die Vorstellung, im schlimmsten Fall ihren Job aufzugeben und ihr Haus behindertengerecht umzubauen, ist ihr zuwider. Gleichzeitig schämt sie sich aber dafür, so zu empfinden. Es tut ihr sichtlich gut, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, obwohl es bis zu der Erkenntnis, dass es immer einen Weg gibt, noch ein weiter Weg ist.

Ähnlich intensiv sind die Rollen von Louise Peterhoff als Gloria und Sofia Helin als My ausgelegt. Glorias Existenz geht gerade den sprichwörtlichen Bach herunter. Ihre Selbstständigkeit endet in einem Desaster, ihr Sohn zieht aus, nachdem sie My erzählte, dass die Teenager an jenem Schicksalsabend Drogen konsumierten und zu allem Überfluss schläft sie auch noch mit Ebbas Mann Frederik. Irgendwann gelingt es ihr nicht mehr, das emotionale Lügengebäude aufrechtzuerhalten, welches sie vor My und Ebba aufgebaut hat und bricht weinend und einsam in ihrer Wohnung zusammen.

Oscar Töringe verleiht seiner Figur Frederik indes eine gewisse Zurückhaltung. Er ist ein Mann, den man schnell ins Herz schließt, der aber nicht frei von Fehlern ist und unter der Karrieresucht seiner Frau stark leidet. Als Lukas im Koma liegt und Ebba ihm keine Stütze ist, kommt es zu einer kurzem, aber folgenschweren Affäre mit ihrer besten Freundin. Die drei Figuren müssen von nun an mit dem unverzeihlichen „Ausrutscher“ umgehen, gleichzeitig auch für ihre Kinder da sein. An dieser Last zerbricht nicht nur die Freundschaft der Frauen beinahe, sondern auch die bislang als stabilisierender Faktor dienenden Liebesbeziehungen.

Sofia Helin legt My wiederum als vermeintlichen emotionalen Ruhepol und starke Frau an, in der aber der Selbstzweifel nagt. Weil sie und Helena sich ein Kind wünschten, ließ sie eine körperlich anstrengende Kinderwunschtherapie über sich ergehen und wird tatsächlich schwanger.

Doch von nun an plagen sie aufgrund ihres relativ hohen Alters Existenzängste, die sie nur schwer verarbeiten kann. Als nach dem Unfall Lukas' Zukunft auf dem Spiel steht, weil seine Schuld an den Ereignissen noch nicht geklärt ist, wendet sich Helena an ihren unsympathischen Exmann, der keine Chance ungenutzt lässt, My in die Enge zu treiben und sie zu verletzten. So schwanken die Protagonisten zwischen anfänglicher Lebensfreude, dem Schock über die Ereignisse, nagender Ungewissheit, Wut, Verzweiflung, Trauer und Hoffnung hin und her.

Hoffnung

Nach dem durchgehend packenden Gefühlschaos, das wir mit den Figuren durchleben, ist es ein wundervoller Bonus, dass die Serie nicht düster endet. Noch in der schwärzesten Stunde gibt es einen Hoffnungsschimmer, für den es sich lohnt, weiterzumachen, so der eindeutige Tenor von „Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“.

Im finalen Teil findet die viel zu sehr auf ihre Karriere fixierte Ebba zu ihrer Familie zurück und beginnt, sich um ihre Tochter Mathilda zu kümmern. Frederik und sie haben ihre Probleme noch lange nicht überwunden, reden aber zumindest wieder miteinander. In der letzten Szene erwacht Lukas schließlich aus dem Koma. Die Zukunft ist ungewiss, aber nicht unschaffbar.

My berichtet Helena, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hat, woraufhin sich die beiden wieder annähern und Gloria beginnt, sich neu zu sortieren und freundet sich mit dem Gedanken an, es noch einmal mit ihrem Exmann zu versuchen, der sie einst wegen ihrer Unzuverlässigkeit und Rastlosigkeit verlassen hatte.

Ende gut, alles gut, also? Mitnichten, denn es liegt noch ein langer Weg vor den Figuren. Ebba, My und Gloria sind zerstritten. Die Frage, ob sie sich versöhnen, lässt das Autorengespann absichtlich offen. Doch auch hier scheint sich ein kleines Pflänzchen des Verzeihens seinen Weg ans Sonnenlicht zu bahnen. Lukas erweist sich als unschuldig, so dass eine Aussprache zwischen drei Menschen, die sich lange kennen und im Grunde genommen lieben, nicht unmöglich erscheint. Dennoch bleibt es der Fantasie der Zuschauenden überlassen, ob und wie es mit der Freundschaft weitergeht.

Fazit

Limbo - Gestern waren wir noch Freunde“ ist für Menschen, die intensives und intelligentes Storytelling mögen, ein echtes Highlight. Die Geschichte ist detail- und wendungsreich ausgearbeitet, die Dialoge sind auf den Punkt geschrieben und die Figurenzeichnung fühlt sich wie aus dem wahren Leben gegriffen an. Hinzu kommen rundum auszeichnungswürdige Schauspielleistungen, die beim Publikum eine Gefühlsachterbahn in Gang setzen, die sich rasch verselbstständigt und in ungeahnte psychologische Tiefen führt. Das ist Fernsehen auf höchstem Niveau.

Fünf von fünf Gefühlsachterbahnen.

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