Atemberaubende Landschaft, Schnee, Schafe, Wölfe, nette Menschen, noch mehr Schnee und ein hartgesottener Gangster. Wie passen diese Dinge zueinander? Laut Lilyhammer: Wie die Faust aufs Auge.

Steven Van Zandt alias Frank 'The Fixer' Tagliano in Lilyhammer / (c) Netflix
Steven Van Zandt alias Frank 'The Fixer' Tagliano in Lilyhammer / (c) Netflix

Sopranos im Schnee - wie wäre es mit einer solchen Beschreibung der neuen amerikanisch-norwegischen Produktion Lilyhammer? Im Vergleich zu Deutschland findet man regelmäßig Fernsehperlen im skandinavischen und britischen Fernsehen. Während deutsche Fernsehverantwortliche wahrscheinlich nicht wissen, was The Sopranos überhaupt bedeutet, haben die Skandinavier die Mafia zu sich nach Hause eingeladen.

Natürlich kann man so früh nicht behaupten, dass „Lilyhammer“ eine Perle ist, aber sie ist auf dem besten Weg dahin, auch wenn dieser ziemlich verschneit ist. Die erste Staffel enthält acht Episoden und die zweite ist mittlerweile in Arbeit. Lilyhammer ist ein Riesenerfolg in Norwegen - gemessen an der Bevölkerungszahl - und feierte seine US-Premiere exklusiv auf Netfix.

Wer The Sopranos kennt, wird hier sofort hellhörig, denn in Lilyhammers Hauptrolle kann man Steven Van Zandt (Silvio Dante aus „The Sopranos“) genießen. Am Anfang der Pilotenepisode hat man das Gefühl sich in einer Nach-Sopranos-Welt zu befinden. Van Zandt spielt den New Yorker Gangster Frank "The Fixer" Tagliano, der das Ableben des großen Bosses betrauert und ganz und gar nicht nach der Pfeife des neuen Kopfs der Familie tanzen will. Und wer nicht tanzen will, dem verpasst man gern Betonschuhe.

Doch Frank schafft es den Anschlag auf sein Leben unbeschadet zu überstehen im Gegensatz zu seinem Schoßhündchen Lily. Das tragische Schicksal von Franks Liebling ist der letzte Schubs, den Frank benötigt, um in Zeugenschutz zu gehen. Zur Überraschung der FBI-Agenten hat er schon einen ganz bestimmten Ort im Kopf, wo er mit seiner neuen Identität leben will: Lillehammer, Norwegen. Oder wie Frank es ausspricht - Lilyhammer. Danach hatte er seinen Hund genannt, nachdem er 1994 die Olympischen Spiele aus Lillehammer im Fernsehen verfolgte.

Clean air, fresh white snow, gorgeous broads, and best of all, nobody, but nobody, is going to be looking for me there.“ Im Handumdrehen ist Giovanni Henriksen geboren, der Wolf im Schafspelz. Diese Metaphorik ist durchaus angebracht, denn was Frank in seiner Norwegen-Beschreibung vergessen hat, sind die Schafe und die Wölfe, die in dieser ersten Episode eine gewichtige Rolle spielen.

Natürlich ist Lilyhammer eine altbekannte Geschichte über die Situationskomik, die entsteht, wenn Kulturen und gesellschaftliche Gewohnheiten aufeinander prallen, aber was die Produktion auszeichnet, ist die Warmherzigkeit der Erzählung und die Chemie zwischen den Figuren, inklusive Schaf. Klar, hin und wieder sind die Späßchen etwas klischeehaft oder übertrieben, aber das gehört zu einer solchen Erzählung dazu. Außerdem schafft es Lilyhammer die Balance zu halten und die Geschichte gleitet voran, wie ein Biathlon-Läufer. Als solcher muss man nicht nur gut Ski fahren, sondern auch gut schießen können.

Bei Frank aka Giovanni verhält es sich andersherum - er muss noch das Skilaufen lernen. Das ist aber Sorge Nummer 2, denn die norwegische Sprache will auch gelernt werden. Andererseits hat Frank selbst ein paar Lektionen für die ruhigen und politisch korrekten Lilyhammer-Bürger: Toleranz wird manchmal überbewertet und was nicht mit Geld geht, geht mit Erpressung. Der italienisch-New Yorker-Charme könnte schnell dazu führen, dass die Lilyhammer-Bevölkerung öfter „fuhgeddaboudit“ benutzt als je zuvor. Wie schon erwähnt, ist Giovanni Henriksen ein Wolf im Schafspelz aka Elchpullover.

Der Wolf im Elchpullover © Netflix
Der Wolf im Elchpullover © Netflix

Das erste, was er in seiner neuen Wohnstraße vorfindet, ist ein Schafskopf. Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern es handelt sich um das Abendessen seiner Nachbarin, der Polizeichefin. Die anfängliche Freundlichkeit weicht schnell dem Misstrauen, vor allem nachdem Henriksen verdächtig wird, gegen das Gesetz verstoßen zu haben - man erschießt nicht Wölfe ohne Erlaubnis. Auch nicht, wenn der Wolf ein Mörder ist. Das Opfer ist aber nicht das Abendessen der Polizeichefin, sondern ein anderes Schaf, das der sympathischen allein erziehenden Mutter und Lehrerin Sigrid (Marian Saastad Ottesen) gehört, die Frank schon im Zug getroffen und auf sie ein Auge geworfen hat. Also ist es für ihn eine Frage der Ehre den Wolf zur Rechenschaft zu ziehen, genauso wie er es schafft, dem für ihn zuständigen Behördenmitarbeiter das Schafspelz auszuziehen.

Es scheint, dass die Lilyhammer-Bewohner sehr schnell das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ verstanden haben und der alte Mann, den Frank im Zug von dem Unfug der Jugendlichen rettete, erweist ihm den Dienst zurück, indem er seine Aussage als Augenzeuge des Wolfstodes zurückzieht. Der Verdacht der Polizeichefin bleibt trotzdem und die Tatsache, dass Giovanni die Stadtbar kauft, wird ihn nicht mildern.

Wie Giovanni Lilyhammer noch ändert und selbst von Lilyhammer verändert wird, werden die nächsten Episoden zeigen. Eins ist sicher - für den anhaltenden Winter in Deutschland ist Lilyhammer genau die passende Unterhaltung.

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