Liebes Kind: Review zur Thriller-Miniserie auf Netflix

Liebes Kind: Review zur Thriller-Miniserie auf Netflix

Mit „Liebes Kind“ schickt Netflix einen sechsteiligen Psychothriller aus Deutschland ins Rennen, der über weite Strecken zu gefallen weiß, bisweilen aber auch zu konstruiert daherkommt. Mehr dazu in unserem Staffelreview.

Wie ist die Miniserie „Liebes Kind“ gelungen?
Wie ist die Miniserie „Liebes Kind“ gelungen?
© Netflix

Das passiert in der Serie „Liebes Kind“

Eine 33-jährige Frau (Kim Riedle) wird nachts nach einem Autounfall mit Fahrerflucht ins Krankenhaus eingeliefert. Nur ihre Tochter ist bei ihr. Der Aachener LKA-Beamte Gerd Bühling (Hans Löw) glaubt, dass es sich um die vor 13 Jahren verschwundene Lena handelt, mit der er befreundet war und deren Fall er betreute.

Bald schon stellt sich heraus, dass das Unfallopfer entführt wurde und ihr Peiniger sie optisch an Lena anglich. Als Bühling und seine Düsseldorfer Kollegin Aida Kurt (Haley Louise Jones) dem Fall nachspüren, stoßen sie auf einen perfiden Täter, der ein halbes Dutzend Frauen auf dem Gewissen hat und immer wieder neue Ersatzmütter für seine zwei Kinder verschleppt. Mit strengen Regeln, totaler Kontrolle, Gewalt, Macht und Manipulation hält er dabei das im Zaum, was der gestörte Killer für Familie hält.

Starker Beginn

Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“
Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“ - © Netflix

Liebes Kind ist eine düstere Psycho-Thrillerserie mit starken Dramaserie-Elementen, die sich spannenden und psychologisch interessanten Fragen stellt. Wie tiefgreifend kann ein Mensch durch Gewalt, Macht, Überwachung und der Durchsetzung erniedrigender Regeln manipuliert werden? Wie äußern sich die psychischen Veränderungen, die eine Person durchlebt, die über Monate einem solchen Zwang unterliegt? Jasmin wurde vor fünf Monaten von ihrem Peiniger (Christian Beerman) entführt und ist seitdem ständigen demoralisierenden und beschämenden Demütigungen ausgesetzt. Das Ziel des Täters: sie in jeder Hinsicht gefügig zu machen.

So lebt sie in einem kameraüberwachten, von der Außenwelt abgeschotteten Haus, muss die Hände ausstrecken, wenn „er“ kommt, sich ans Bett fesseln lassen, wenn „er“ Sex will, immer zur selben Zeit aufstehen und viermal am Tag zu bestimmten Uhrzeiten die Toilette besuchen. Gehorcht sie nicht, erwarten sie drastische Strafen, die in der Serie entsprechend visualisiert werden. Zudem verändert der Täter ihr Aussehen und zwingt sie dazu, als Mutterersatz für die zwölfjährige Hannah (gut von der talentierten Naila Schuberth gespielt) und den zehnjährigen Jonathan (Sammy Schrein) zu fungieren.

Perfidität pur

Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“
Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“ - © Netflix

Als wäre dies alles nicht schon schrecklich genug, hat „Papa“, wie die Kinder ihn nennen, vor allem Hannah seit Jahren zu einem gehorsamen Kind erzogen, das alles tut, was „er“ sagt. Auf diese Weise entsteht in „Liebes Kind“ ein kaum zu durchdringendes Geflecht von Lügen, Angst und Schweigen, das die Hauptfiguren Gerd Bühling und Aida Kurt kaum zu durchdringen vermögen.

Atmosphärisch betrachtet lebt die Miniserie entsprechend von ihren Grautönen, die in der Machart durchaus Nordic-Noir-Elemente aufweisen. Stets schwingt ein drohender und dramatischer Unterton mit, der keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Stimmen, die Jasmin hört, nicht nur eingebildet sind.

Zwar machen die Ermittler schnell das Haus ausfindig, in dem die junge Frau gefangen gehalten wurde, auch liegt dort ein toter Mann, den Hannah als „Papa“ identifiziert. Schnell wird jedoch klar, dass das Mädchen nur das tut, was ihr aufgetragen wurde. In diesen Situationen macht „Liebes Kind“ vieles richtig, denn immer wieder präsentieren uns das Autoren-Duo Isabel Kleefeld und Julian Pörksen in ihrer Adaption des gleichnamigen Romans von Romy Hausmann neue Rätsel und Verdächtige, die bei der Stange halten.

Wer also den Psychothriller (die von Netflix gewählte Definition Mystery-Thriller lässt sich so nicht halten...) einmal anschaltet, will auch wissen, wie er endet. Das Finale, so viel sei an dieser Stelle vorweggenommen, ist entsprechend konsequent und befreiend, sowohl für die Figuren als auch für das Publikum.

Stolpersteine

Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“
Szenenfoto aus der Miniserie „Liebes Kind“ - © Netflix

Trotz der starken Ansätze, die „Liebes Kind“ zweifelsohne vorweist, gibt es jedoch auch einiges zu bemängeln. So bleiben einige Figuren, wie beispielsweise der schon früh ins Spiel gebrachte Kinderpsychologe (Özgür Karadeniz) blass bis unglaubwürdig. Dass beispielsweise mit Hannah einiges im Argen ist und sie stark von ihrem übermächtigen „Vater“ getriggert ist, ist so offensichtlich, dass einige Entscheidungen des Fachmanns vollkommen unverständlich erscheinen.

Auch, dass im Haus plötzlich alle Sicherheitssysteme ausfallen, kommt dem Leiter eines Kinderheims in keiner Weise verdächtig vor. Hier hinkt der Plot gewaltig und schießt über das Ziel, Suspense aufbauen zu wollen, hinaus. Dass „er“ seine Finger im Spiel hatte, ist indes klar, zumal man spätestens zum Ende der dritten Episode einen Verdacht hegt...

Auch die eigentlich gut gedachte zweite Hauptfigur der Aida Kurt wird immer wieder ausgerechnet von ihrem Kollegen Bühling ausgehebelt, weil er sie weder an seinen Gedankengängen teilhaben lässt, noch seiner Kollegen überhaupt eine echte Chance gibt. So verkommt Kurt in den rund 270 Minuten Laufzeit immer mehr zur Stichwortgeberin, die zwar den Löwenteil der Ermittlungsarbeit übernimmt, letztlich aber nicht Teil der Auflösung ist. Damit bleibt der Charakter weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

An einigen Stellen wirkt der Fall zudem arg konstruiert. Beispielsweise wird die Krankenschwester Ruth (Birge Schade), die gerade eine Beziehung zu Hannah aufgebaut hat, tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Fall wird aber völlig unglaubwürdig mit einem wahrscheinlichen Haushaltsunfall abgetan. Hannah wiederum verhält sich immer wieder verdächtig kalt und unnahbar und zeigt damit, dass der Tote im Haus keineswegs der Mann sein kann, den sie für ihren Vater hält.

Hinzu gesellen sich noch einige weitere Unzulänglichkeiten, wie etwa die Tatsache, dass das Gelände, auf dem sich „das Haus“ befindet, mit Sprengfallen vermint ist, aber keine Untersuchungen über die Herkunft des Sprengstoffs eingeleitet werden.

Den größten Bock schießen die Serienmacher allerdings gegen Ende der Serie, als Bühling Jasmin in ihrer Wohnung besucht und feststellt, dass sie wieder zu Lena wird. Obwohl er sich in der Wohnung umsieht und offenbar vermutet, dass dort Kameras installiert sind, leitet er keine Durchsuchung ihrer Wohnung ein und lässt der Geschichte ihren Gang. Das Ganze führt dazu, dass „er“ zuerst Hannah aus dem Haus ihres Großvaters entführt und dann auch noch Jasmin so weit manipuliert, dass sie mit ihm flieht. Das kann man glauben, muss man aber nicht. Ein wenig mehr Sorgfalt hätte dem Drehbuch also sicherlich gutgetan, obwohl das Gesamtergebnis letztlich dann doch unterhaltsam ist.

Fazit

Liebes Kind ist keine schlechte Miniserie. Die Serienmacher verstehen es, das Rätsel um Lena spannend in Szene zu setzen, rücken Hannah als Auge und Ohr des Täters in den Fokus und schaffen es, dem Publikum dessen Gesicht lange vorzuenthalten. Andererseits vergrößern sich die Lücken im Drehbuch mit fortschreitender Laufzeit, so dass am Ende der Eindruck überwiegt, dass vier Teile vollkommen ausgereicht hätten, um die Geschichte auszureizen. Trotzdem sollten Fans düsterer Psychothriller auf ihre Kosten kommen, zumal die schauspielerischen Leistungen, vor allem von Hans Löw, Haley Louise Jones, Kim Riedle und Naila Schuberth zu überzeugen wissen und die Inszenierung starke Nordic-Noir-Anklänge nicht verleugnen kann. Vier von fünf Punkten.

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Liebes Kind“:

Diese Serie passen auch zu «Liebes Kind»