
© oanne Froggatt und Ioan Gruffudd in „Liar“ / (c) ITV
Hat wirklich jede Geschichte zwei Seiten? Haben zwei Menschen zum gleichen Geschehnis lediglich eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit? Oder gibt es bei zwei unterschiedlichen Erzählungen über das gleiche Ereignis immer einen, der lügt? Im Fall der ITV-Dramaserie Liar ist das nicht einfach. Wem sollen wir am Ende glauben?
„Liar“ beginnt mit einem atemberaubenden Blick auf die Essex Salt Marshes, ein Abbild dessen, was den Zuschauer erwartet. Nämlich ein verworrenes Netz aus Aussagen, überraschenden Wendungen und einer getrübten Oberfläche, die wir nicht durchschauen können. Noch nicht.
Die smarte und sympathische Lehrerin Laura, gespielt von Joanne Froggatt, ist frisch getrennt. Nach der zufälligen Begegnung mit dem renommierten und attraktiven Chirurgen Andrew (Ioan Gruffudd), dessen Sohn auf ihre Schule geht, vereinbaren die beiden ein Date. Nervös fährt Laura zum Pier, wo Andrew bereits in einem schicken Restaurant auf sie wartet.
Die beiden sitzen am Tisch, lächeln sich an und es scheint ein toller Abend zu beginnen. Die nächste Kameraeinstellung zeigt den darauffolgenden Morgen. Geschickt wird zwischen den beiden Beteiligten hin und her gewechselt, wobei deren Reaktionen auf den gemeinsamen Abend gegensätzlicher nicht sein könnten. Laura ist völlig aufgelöst. Zitternd und unter Tränen steht sie vor der Tür ihrer Schwester und erzählt von den verschwommenen Bildern der Vergewaltigung durch Andrew. Gemeinsam gehen sie zu einer Beratungsstelle für Vergewaltigungsopfer, wo alles weitere eingeleitet wird.
Andrew hingegen scheint sehr glücklich über den Verlauf der Verabredung zu sein. Er ist sich sicher, die beiden haben einen unvergesslichen Abend miteinander verbracht. Und damit soll er Recht behalten. Schon bald taucht die Polizei im Krankenhaus bei dem vollkommen geschockten Andrew auf, um ihn wegen der Anklage der Vergewaltigung mit aufs Revier zu nehmen. Laura und Andrew erzählen ihre Versionen des Abends so überzeugend, dass nicht nur die Polizei, sondern auch der Zuschauer nicht mehr weiß, wem er wirklich glauben soll. Was auch an der großartigen Leistung der beiden Schauspieler liegt, die ihre Rollen zu jeder Zeit authentisch darbieten.
Ist Andrew so abgebrüht, dass er seine Unschuld dermaßen glaubwürdig beteuern kann? Oder ist Laura eine Wahnsinnige, die alles nur erfunden hat? Die Pilotepisode von „Liar“ hinterlässt Spuren. Sie gibt dem Zuschauer viel Stoff zum Nachdenken - und das tut man auch. Immer wieder erwische ich mich dabei, die Handlung noch einmal durchzugehen, ob es an irgendeiner Stelle Hinweise auf die Wahrheit gibt. Oder ich versuche, mein eigenes Profil der Charaktere zu basteln, um so eventuell die Schuldigkeit ableiten zu können.
Aber die Serie kann noch mehr, denn sie wirft viel grundsätzlichere Fragen auf. Wann hört beim Sex beiderseitiges Einverständnis auf? Ist es moralisch akzeptabel, Laura nicht zu glauben? Welche Aussage wiegt am Ende mehr, wenn man als Beweis nur die Berichte der beiden Beteiligten hat?
Den The Missing-Schreibern Harry und Jack Williams ist mit „Liar“ eine Serie, bestehend aus genialen Schauspielern, wunderschönen Aufnahmen der Drehorte und einem spannenden Plot, der den Zuschauer auch noch nach dem Ende der Episode beschäftigt, gelungen. „Liar“ ist genau mein Ding und deshalb vergebe ich fünf Sterne.