Les Revenants 2x01

Am Ende der ersten Staffel der exzellenten französischen Mysteryserie Les Revenants aka „The Returned“ blieben sich Serienschöpfer Fabrice Gobert und sein Autorenteam mit ihrem Ansinnen treu, möglichst wenig über die zentralen Mysterien aufzuklären. Im Gegenteil häuften sie weitere Rätsel an, denn in der Nacht des Gefangenenaustauschs zwischen der Anführerin der (Un-)Toten, Lucy (Ana Girardot), und den Dorfbewohnern kam es zu einer Flut, die das Wasser aus dem Staudamm ins Tal spülte, obwohl der Damm keinerlei Mängel vorzuweisen hatte.
Endlich wieder da
Zu Beginn der langerwarteten zweiten Staffel, die heute auf dem Streamingportal Watchever mit den ersten vier Episoden ihre Deutschlandpremiere feiert, kommt nun Berg (Laurent Lucas) in den Ort, um die seltsamen Geschehnisse zu untersuchen. Die Handlung setzt sechs Monate nach den letzten Ereignissen ein - eine Zeitspanne, in der viel passiert ist. Die über den Staudamm führende Zufahrtsstraße in den Ort ist militärisch abgeriegelt, was sich auch auf die Versorgungssituation niedergeschlagen hat - im örtlichen Diner stehen nur noch Hamburger und Hot Dogs auf dem Menü.
Vor allem hat jedoch ein wahrer Exodus stattgefunden - allmählich verlassen sämtliche Bewohner das heimgesuchte Städtchen. Auch Adèle (Clotilde Hesme) wird von der Mutter einer Schülerin dazu aufgefordert, worauf sie jedoch mit einer eindeutigen Absage reagiert. Sie hatte am Ende der ersten Staffel ihre Tochter Chloe (Brune Martin) wiederbekommen, die von ihrem wiederauferstandenen Exfreund Simon (Pierre Perrier) ins Lager der Zurückgekehrten entführt worden war. Zuvor hatte sie mit ihm furchteinflößenden Geistersex, woraus nun ein für sie noch viel furchteinflößenderes Geisterbaby entstanden ist, das sich in ihren Albträumen „Alien“-mäßig einen Weg aus ihrem Bauch boxen will.
Als ihre Schmerzen zu stark werden, begibt sie sich endlich ins Krankenhaus, wo der behandelnde Arzt erschrocken feststellt, dass sie sich in mehreren Monaten Schwangerschaft kein einziges Mal hat untersuchen lassen. Später offenbart sie gegenüber Priester Jean-Francois (Jerome Kircher), was Chloe und wir Zuschauer längst ahnen - sie will das Kind gar nicht und hat bereits mehrmals erfolglos versucht, es loszuwerden. Es ist vielleicht das schaurigste aller Geheimnisse, wäre da nicht auch noch der fleischfressende Zombie im Wald.

Simon geistert derweil durch den Ort, tritt aber bald den Rückzug auf die andere Seite an - die Seite, die jetzt nur noch von Lucy und ihrer Geisterarmee bevölkert ist. Dorthin gelangt man entweder, indem man - wie Simon - durchs Flutwasser watet, oder, wie Lucy und Konsorten, eine Parallele zum Unterweltfluss Styx aus der griechischen Mythologie bedient und mittels Floß die Überquerung hinter sich bringt. Eine dort neu auftauchende Figur ist Audrey (Armande Boulanger), die Tochter von Sandrine (Constance Dolle).
Nebulöse Motivationen
Was Lucy genau antreibt, bleibt indes ein Rätsel. Am Ende der ersten Staffel verlangte sie bei der Übergabe von Chloe zusätzlich Adèle, was ihr von Thomas (Samir Guesmi) aber verweigert wurde. Damals kündigte sie an, wegen ihr zurückkommen zu wollen. Was nun bedeuten könnte, dass sie derzeit eine ausreichend große Zombiearmee zusammenstellt, um den verbliebenen Dorfbewohnern und Soldaten die Stirn bieten zu können. Echte Gewaltexzesse sind in der Serie bislang ausgeblieben - vielleicht hat sich Gobert das ja für das Ende der neuen Staffel aufgehoben.
Am Ende muss Adèle operiert werden, weil sich das Baby wohl ansonsten auf andere grausige Art einen Weg ins Leben bahnen würde. Eine dunkle Vorahnung davon hat derweil das wohl gruseligste Kind der Seriengeschichte, Victor (Swann Nambotin), das farblose Zeichnungen von Adèles Mutterleib anfertigt. Er befindet sich weiterhin in der Obhut von Julie (Celine Sallette), bekommt jedoch Besuch von seiner echten Mutter (Alice Butaud), die nun ebenfalls von den Toten wiederauferstanden ist. Zuvor hatte er Julie das Versprechen abgenommen, ihn ja niemals im Stich zu lassen - und wirklich erfreut scheint er angesichts der Wiederkehr auch nicht zu sein.
Überhaupt gibt es - wenig überraschend - kaum Grund zur Freude. Während die Rückkehr von Camille (Yara Pilartz) wenigstens kurzzeitig für heitere Gemüter bei Familie Seguret sorgte, hängt dort seit dem Übertritt von Camille und ihrer Mutter Claire (Anne Consigny) auf die dunkle Seite endgültig der Haussegen schief. Vater Jerome (Frederic Pierrot) hat sich einen Zauselbart wachsen lassen und bringt keine Kraft mehr auf, seiner über den abermaligen Verlust der Schwester verzweifelten Tochter Lena (hinreißend: Jenna Thiam) ein Gefühl der Geborgenheit zu geben. Sie kämpft dafür, die Botschaft von den zurückgekehrten Toten an die Öffentlichkeit zu tragen, trifft damit aber auf Widerstand - unter anderem auch durch den eigenen Vater.

Schließlich sitzt sie zur Tatenlosigkeit verdammt im Krankenhaus, passt auf Chloe auf und wartet darauf, dass Adèle aus der Narkose erwacht. Dort kulminieren indes mehrere Handlungsbögen. Berg hat zuvor nämlich den wiedergekehrten Toni (Gregory Gadebois) angefahren, weshalb er von Pierre (Jean-Francois Sivadier) zum genauen Hergang der Ereignisse befragt wird. Mitten im Gespräch vertauscht der herbeigerufene Experte jedoch die Rollen und wird fortan zum Interviewer.
Verdachtsmomente
Die Hilfsorganisation Helping Hand hat sich während unserer Abwesenheit offensichtlich zu einer Art Sekte entwickelt, die zwar weiterhin Heimatlose aufnimmt, sich aber auch in spirituellen Ritualen ergeht. Sowohl die Rolle von Heimleiter Pierre wie auch die von Inspektor Berg bleibt über den Verlauf der Auftaktepisode nebulös, was sich wohl über die gesamte zweite Staffel erstrecken wird. Gobert macht in Das Kind keinen Hehl daraus, dass er seine engimatische Erzählweise auch hier beibehalten wird.
Ich begrüße das mit freudiger Erwartung, hat doch gerade erst die herausragende zweite Staffel von The Leftovers bewiesen, dass manche Geheimnisse am besten unter Verschluss bleiben. Damit überlassen die Serienmacher natürlich dem Zuschauer den Gros des Interpretationsprozesses, was im besten Falle dazu führt, dass man sich auch lange nach dem Ende einer Staffel noch Gedanken über Figuren, Handlungsbögen und Schauplätze macht.
Nach Sichtung dieser sehr guten Auftaktepisode habe ich das Gefühl, als wäre Les Revenants auch in der zweiten Staffel eine solche Serie. Es hilft ja ungemein beim Überbrücken mancher plotholes, wenn eine Serie über eine hervorragende Charakterzeichnung verfügt, was hier zweifellos der Fall ist. Hinzu kommt die abermals sehenswerte visuelle Umsetzung, die den im ständigen Nebel gefangenen Ort in düstere Grau-Grün-Schattierungen hüllt, wozu die schottische Postrock-Band Mogwai wieder den grandiosen, düster-mulmigen Score liefert.
Es hat lange gedauert, bis wir mit neuer „Returned“-Kost gefüttert wurden - nun können wir endlich wieder jede Einstellung, jedes Augenzwinkern, jeden plötzlich endenden Waldweg und jeden umhertrabenden Hirsch genießen.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 20. Dezember 2015Les Revenants 2x01 Trailer
(Les Revenants 2x01)
Schauspieler in der Episode Les Revenants 2x01
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