Fargo-Schöpfer Noah Hawley präsentiert mit Legion die erste offizielle Marvel-Mutanten-Serie im US-Fernsehen, wenn man mal Mutant X verdrängt. Dabei schafft er es, dem Superheldengenre seinen Stempel aufzudrücken und einen beeindruckenden Piloten abzuliefern.

„Legion“ / (c) FX
„Legion“ / (c) FX
© ??Legion“ / (c) FX

Mit den ersten beiden Fargo-Staffeln hat Noah Hawley bei vielen Serienjunkies ordentlich Eindruck hinterlassen und gezeigt, dass man ihn auf dem Schirm haben sollte. Da kann man es auch verschmerzen, wenn zwischen den einzelnen Staffeln der Anthologieserie eine etwas größere Wartezeit liegt, sofern ein so interessanter Ausflug wie die neue Comicadaption Legion dabei herumkommt, bei der es sich um die erste Realserie rund um die X-Men seit Mutant X handelt. „Mutant X“ war in einer Zeit entstanden, in der zwar Bryan Singers „X-Men“-Filme ins Kino kamen, aber Kevin Feige noch nicht die Marvel Studios neu aufgebaut und mit „Iron Man“ sukzessive zur erfolgreichen Marke aufgebaut hatte.

Kleiner Lizenzexkurs

Vorweg ein paar Worte zur teils komplizierten Marvel-Rechtefrage vorweg: Auch mit Legion haben die Marvel Studios, also deren Filmsparte nichts zu tun. Marvel Television, der TV-Arm von Marvel unter Vorsitz von Jeph Loeb, aber zumindest auf dem Papier schon. Dennoch wird es eine strikte Trennung zwischen der Welt der Mutanten und etwa dem MCU geben, dem auch die Netflix-Serie oder Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. angehören - das will der Rechtedeal zwischen 20th Century Fox und Marvel, der seit Ende der 90er läuft, einfach so.

Allerdings gibt es auch keine Verbindung zwischen den hauptsächlich von Bryan Singer inszenierten „X-Men“-Filmen und dieser neuen Serie, die in den USA bei FX und hierzulande beim FOX Channel läuft. Außer, dass sie auf der gleichen Grundlage basieren...

Charles Xavier als David Hallers Vater wird man allerdings wahrscheinlich vergeblich suchen. Das ist aber auch überhaupt nicht schlimm, denn so kann der Hauptkreative Noah Halley sich in seiner eigenen kleinen Mutantenecke austoben und einen fantastischen Auftakt abliefern, bei dem man seine Handschrift erkennen kann. Der Auftakt von Legion ist für mich wie Fargo auf LSD - oder, um in der Welt der Mutanten zu bleiben: auf MGH (Mutant Growth Hormone).

Don't touch me

Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“
Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“ - © FX

Der Serienauftakt von Legion strotzt nur so vor wunderbaren Verworrenheiten, Verschachtelungen und Montagen, so dass man sich schnell nicht mehr sicher sein kann, auf welcher Realitätsebene man sich befindet. Das beginnt mit der Montage, die Protagonist David (Dan Stevens) beim Heranwachsen zeigt und die nachstellt, wie er nach einem Vorfall in seine verzwickte Lage kommt: Er landet nämlich in einer Nervenheilanstalt, wo sein Suizidversuch und seine unerklärlichen Wutanfälle (oder Kräfteausbrüche) behandelt werden sollen. Problem ist nur: David hört Stimmen, sieht Leute, die er nicht zuordnen kann, und wird verfolgt von einem gelbäugigen Teufel (Supernatural lässt grüßen...).

Alles läuft in gewohnt „unnormalen“ Bahnen, bis er die Anwesenheit der einzigartigen Sydney (Rachel Keller) bemerkt, in die er sich Hals über Kopf verliebt und die er mitten in der Gruppentherapie fragt, ob sie seine Freundin werden will. Spontan willigt sie ein, doch, weil sie sich nicht wohlfühlt, wenn sie jemand berührt, müssen sie Mittel und Wege finden, um dennoch ihre Liebe und ihren Paarstatus auszuleben.

Die Interaktion der beiden und die Liebesmontage zweier gebrochener Charakter wird dabei fabelhaft und äußerst liebenswürdig in Szene gesetzt und hat mich in gewisser, wenn auch nicht ganz vergleichbarer Art und Weise an eines meiner Lieblingsserienpaare erinnert: Ned und Chuck aus Pushing Daisies.

It's complicated

Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“
Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“ - © FX

Als Sydney entlassen werden soll, nimmt das Drama seinen Lauf: David küsst sie versehentlich und tauscht mit ihr die Körper, was in einer Katastrophe endet, da nun seine Kräfte in ihrem Körper zum Einsatz kommen, die im Endeffekt auch seiner Weggefährtin Lenny (Aubrey Plaza) das Leben kosten. Was seine Kräfte sind, lässt sich nur erahnen, denn es scheint, als ob er telekinetische Fähigkeiten habe, die ihresgleichen suchen - und an einer Stelle wird er von seinen mysteriösen Befragern als einer der mächtigsten Mutanten der Welt klassifiziert. Allerdings ist er durch seinen labilen Geist eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden sollte.

Doch, was im Piloten nun wirklich passiert und was eine Illusion, eine Erinnerung oder eine implantierte Erinnerung ist, ist nicht immer einfach zu durchschauen, was diese neue Serie dafür schon jetzt besonders spannend macht und sicher im Verlauf der Staffel noch komplizierter werden könnte. Allerdings gibt die Erzählung uns immer wieder Hinweise darauf, wo wir uns gerade befinden könnten. Manchmal zwar erst, nachdem man hinterfragt, ob es nun eine Logiklücke gab oder ob man nicht allem trauen sollte, was man sieht.

Allein im über einstündigen Piloten gibt es mehrere Kraftdemonstrationen von Davids Machtpotential, die auf eine Art und Weise präsentiert und inszeniert werden, dass sie bei mir großen Eindruck geschindet haben. Hoffentlich gibt es hier noch Steigerungspotential, aber ein künstlerisch so wacher Verstand wie der von Hawley dürfte hier einige gute Ideen in petto haben, wie er bereits mehrfach in der Folge demonstriert.

Zum Episodenende lernen wir weitere Mutanten kennen, die ebenfalls ihre Kräfte demonstrieren. Das hat mich beim ersten Anschauen etwas irritiert, gefiel mir beim zweiten Mal aber deutlich besser. Diese Sequenz erinnert dann wiederum ein wenig an eine Actionserie aus den 60ern - man denke an The Avengers oder The Prisoner. Dieser Vibe des Mysteriösen liegt ohnehin über der Serie, bei der ich hinter jeder Ecke einen anderen Twist, einen Einfall oder einen Mindfuck erwarte - und das wahrscheinlich nicht umsonst. Denn Christopher Nolan und „Inception“ wären stolz auf so manche Unterbewusstseinsebene, die hier filmisch präsentiert wird.

Unerklärlicherweise hat es auch eine wunderbar charmante Tanzszene mit französischem Song in den Piloten geschafft. Warum genau, will sich mir nicht erschließen, aber die Umsetzung begeistert mich.

Clockworks

Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“
Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“ - © FX

Neben der verschachelten Erzählung, die sich auf verschiedenen Erinnerungs- und Realitätsebenen abspielt, besticht Legion im Serienauftakt durch einen wunderbar beißenden Sarkasmus und trockenen Humor, der vor allem durch David selbst zum Ausdruck gebracht wird. Dazu kommt, dass das Kostüm- und Setdesign bis ins letzte Detail durchdacht erscheint und hier nichts dem Zufall überlassen wird.

Man kann und wird sicherlich kurz ins Grübeln kommen, um welche Ära es sich handeln soll: Kleidung (diese Jogginganzüge!) und Frisuren scheinen in den 70ern verortet, technische Geräte (ein Tablet etwa) wirken modern, während das Design der Heilanstalt und auch der Stadt wieder für eine vergangene Epoche spricht. Der Score ist bisweilen durch die Synthieklänge in den 80er Jahren beheimatet, passt aber zur paranoiden Atmosphäre, die aufgebaut wird.

Erwachsene Superheldenunterhaltung

Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“
Szenenfoto aus der ersten Episode von „Legion“ - © FX

Legion bietet eine durchaus anspruchsvollere Herangehensweise an die Superkräftethematik, was allein durch die Verhandlung von Geisteskrankheit - und das auf sehr ansprechende und respektvolle Weise - klar werden dürfte. Wie schon mehrfach beschrieben, hat sich Hawley für eine verschachtelte und nichtlineare Erzählung entschieden, die aber in den kommenden Folgen nicht notwendigerweise auftrechterhalten werden muss.

Auch die Action ist flott inszeniert und der Gewaltgrad stellenweise nichts für Zartbesaitete. Denn mit manchen Gegnern wird nicht gerade zimperlich verfahren. So hart wie in Preacher oder The Walking Dead wird es vielleicht nicht, aber ein paar Schockmomente erwarten den Zuschauer dennoch.

Es gibt vieles am Piloten, das man lieben kann - den Cast etwa. Die Hauptfigur, die wegen der Beruhigungsmittel wahrscheinlich nicht ganz Herr seiner Sinne ist und zum Spiel einiger Machthaber werden könnte, die Freundin, in die sich einige Zuschauer bestimmt so schnell verlieben, wie David es tut, wofür auch die wunderbare Rachel Keller, die man aus Staffel zwei von „Fargo“ kennt, sorgt. Oder aber die gut besetzten Nebenfiguren, darunter Aubrey Plaza als Irrenhausfreundin oder Hamish Linklater als undurchsichtiger Verhörspezialist, der vom unheimlichen The Eye (Mackenzie Gray) begleitet wird.

Auch Davids Schwester wird von Katie Aselton auf charmant-naive Weise gespielt. Hawley schafft es, den Figuren skurrile und leicht verschrobene Eigenarten zu verpassen, die diese in meinen Augen besonders sehenswert und einzigartig machen. Manche werden bei den Sicherheitsmännern mit pinker Wollmütze beispielsweise die Augen verdrehen, ich applaudiere dieser weirdness zu und will mehr davon sehen.

Not quite the X-Men but that is totally okay

David wird am Ende durch Sydney und ihre Verbündeten aus dem Griff der Befrager und ihres Geheimwaffengases befreit, kämpft sich mit ihren Begleitern den Weg frei und trifft dann auf Melanie Bird (Jean Smart). Zuvor fragt er Sydney jedoch noch, ob sie echt ist. An dieser Stelle hatte ich Zweifel daran, wem man nun vertrauen kann und ob der nächste Twist bereits hinter der nächsten Ecke lauert.

Nach wie vor bin ich mir nicht sicher und freue mich über diese Ungewissheit, denn diese bedeutet, dass ich die Auflösung und die nächste Folge kaum abwarten kann. Ich halte mir den wöchentlichen Termin fortan jedenfalls frei. Für mich haben Hawley und Co mit Legion nämlich den besten Superheldenpiloten der letzten Jahre abgeliefert, der das Genre mit frischen Ideen und einer innovativen Ausführung bereichert. Hoffentlich in konstant hoher Qualität und das auch auf Dauer.

Trailer zur Episode Chapter 2 der US-Serie Legion (1x02):

Diese Serie passen auch zu «Legion»