Las Chicas del Cable stellt die erste eigenproduzierte Serie von Netflix aus Spanien dar und wirft einen Blick auf vier Telefonistinnen im Madrid der 1920er Jahre. Der Auftakt der Historienserie gestaltet sich solide, wobei die inspirierende Geschichte auch einige Schattenseiten hat.

„Las Chicas del Cable“ / (c) Netflix
„Las Chicas del Cable“ / (c) Netflix
© ��Las Chicas del Cable“ / (c) Netflix

Der „europäische Feldzug“ des amerikanischen Streamingunternehmens Netflix geht ununterbrochen weiter: 2016 verkündete man, dass man nun nach Serienproduktionen aus Frankreich (Marseille) oder auch Deutschland (Dark) schon bald die erste Netflix-Serie aus Spanien in sein vielfältiges Angebot aufnehmen würde, namentlich Las Chicas del Cable von den Serienmachern Gema R. Neira, Ramón Campos und Teresa Fernández-Valdés. Mit der Serienbestellung gingen auf einen Schlag 16 Episoden einher, die in zwei Staffeln aufgeteilt werden. Die erste feiert am heutigen Freitag ihre Premiere, 2018 folgt dann die zweite Runde von „Las Chicas del Cable“.

Herumgekommen ist eine gefällige Serie, die das Rad keineswegs neu erfindet und eine sehr sichere Nummer schiebt. Die „revolutionäre“, stylisch inszenierte Geschichte über vier Frauen, die sich in der unfairen Männerwelt des frühen 20. Jahrhunderts in Spanien behaupten wollen, mag für den Standard an spanischer TV-Produktionen außergewöhnlich sein. Im internationalen Vergleich findet man aber mit Leichtigkeit andere Formate, die die hier angesprochenen Themen etwas subtiler händeln und nicht ganz so überdramatisch verpackt sind.

Being free

Las Chicas del Cable“ trägt in seiner Pilotepisode nämlich immer wieder äußerst dick auf und könnte bei all seinen Ambitionen etwas weniger auf den guten, alten Holzhammer zurückgreifen. Auf der anderen Seite ist durchaus Potential zu erkennen, auch bei der Inszenierung lässt sich Regisseur Carlos Sedes ein paar nette Ideen einfallen, die die Pilotfolge zwischendurch recht schwungvoll und launig gestalten. Ein Pluspunkt ist ohne Zweifel das wertige Produktionsdesign. Die schönen Kulissen und sehenswerte Ausstattung helfen aber leider nicht viel, wenn einige Szenen so wirken, als hätte man sie aus einem schmalzigen TV-Film herausgerissen, was leider mehrfach der Fall ist.

Dream big

In „Las Chicas del Cable“ geht es wie bereits erwähnt um vier Frauen, die 1928 in Madrid als Telefonistinnen eines großes Kommunikationsunternehmens tätig sind. Eine von ihnen geht dieser Berufung schon länger nach und sieht sich plötzlich neuerlichen Eheproblemen ausgesetzt. Eine andere ist das klassische Mauerblümchen und ein ängstliches Landei, das das große Abenteuer in der Stadt sucht. Die dritte Dame im Bunde möchte sich indes von ihrem herrischen Vater losreißen und als freie, selbstbestimmte Frau ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

Lidia (Blanca Suarez), Número Cuatro der „Chicas“ und die vermeintliche Hauptfigur der Erzählung, wird derweil von ein paar Geheimnisse und eine düstere Vergangenheit umgeben. Sie träumt eigentlich gar nicht von einem Job bei dem Telefonkonzern, vielmehr hat sie es auf einen Batzen Geld im Tresor der Firma abgesehen, den sie entwenden soll. Die Auftaktepisode dreht sich größtenteils um unsere schlagfertige Protagonistin, führt aber auch ihre neuen Mitstreiterinnen ausführlich ein, mit all ihren Träumen und den alltäglichen Problemen, mit denen sie sich einer von Männern dominierten Gesellschaft herumschlagen müssen.

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Break the rules

Die Intentionen von Las Chicas del Cable sind nobel und die Prämisse passt thematisch perfekt zu den jüngsten Trends des aktuellen Seriengeschäfts. Unsere Heldinnen müssen sich in einer Welt beweisen und durchsetzen, die von starren Rollenbilder und Vorurteilen aufgrund des Geschlechts bestimmt wird. Etliche Retroserien (am prominentesten wohl Mad Men) greifen auf dieses Grundgerüst zurück, „Las Chicas del Cable“ scheint es sich aber besonders auf die Fahnen geschrieben haben, es anzuprangern und abreißen zu wollen. Leider gestaltet sich die Geschichte in der Folge aber viel zu formel- und klischeehaft, sodass ich nur bedingt gepackt werde und mit unseren Charakteren selten mitfiebern kann.

Es sieht ja alles ganz nett aus und die Darstellerriege leistet sich auch keine all zu großen Schnitzer, aber irgendwie fühlt sich die Auftaktepisode der ersten Staffel des Historiendramas doch wahnsinnig einfach an. Mir fällt es schwer, ein besonderes Alleinstellungsmerkmal zu finden, das für „Las Chicas del Cable“ spricht und die Serie einzigartig macht. Genrefans dürften eventuell Interesse an dem historischen Setting finden, inhaltlich erzählt man uns aber nicht wirklich etwas Neues. Die Hauptfiguren entsprechen gewissen Stereotypen und werden sehr plump in bestimmte Schubladen gesteckt. Das mag alles sehr solide sein, als erfahrener Serienkonsument fühlt man sich aber recht schnell gelangweilt.

Writing history

Zu allem Überfluss gibt es dann auch in Person von Lidia eine Erzählerin, die uns in einem Voice Over die offensichtlichsten Dinge noch einmal erklärt. Tatsächlich kann man uns Zuschauern es durchaus zutrauen, auf eigene Faust die Geschichte zu verstehen. Besonders schwer ist dies nämlich nicht. Am nervigsten sind für mich persönlich dann die vielen überkandidelten Momentaufnahmen, die extrem melodramatisch und zusätzlich mit furchtbaren Pop-Balladen unterlegt sind, dass es kaum auszuhalten ist. Hier möchte man einfach zu viel. Auf der anderen Seite lobe ich mir den Einsatz modernen Musikstücke in einigen Szenen, so zum Beispiel während einer opulenten „Büroparty“. Die Mischung aus aktuellen Klängen und stilvollen Bildern aus den 1920er Jahren ist ungewohnt, aber erfrischend und letztendlich auch sehr gut abgepasst.

Las Chicas del Cable ist nicht besonders schlecht oder gut, sondern einfach eine Serie, die man sich angucken kann - aber nicht muss. Man verpasst nicht viel, sollte man sich jetzt nicht so richtig von dem spanischen Retrodrama angesprochen fühlen. Andererseits dürfte diese leichte Fernsehunterhaltung mit ordentlichen Darbietungen und schicken Schauwerten auch sein Publikum finden, zu dem ich mich jetzt nicht wirklich zählen würde. Ein gewisser Charme geht von dem Serienneustart aus, in dem Genre gibt es aber sehenswertere Vertreter. Für spanische TV-Verhältnisse allen Anschein nach ein Fortschritt, für den weltweiten Serienmarkt eine grundsolide Ergänzung, ist „Las Chicas del Cable“ eine Serie, die aller Voraussicht nach nicht all zu große Wellen schlagen wird. Muss sie aber auch nicht.

Trailer zu „Las Chicas del Cable“:

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