KRANK Berlin - Darum solltet ihr diesem Medical-Drama unbedingt eine Chance geben

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Das passiert in der Serie „KRANK Berlin“
Die erfolgreiche Internistin Dr. Suzanna Parker (Haley Louise Jones) wechselt in der Serie KRANK Berlin aus persönlichen Gründen von einer gut gelegenen und gepflegten geriatrischen Klinik ins mitten im Herzen von Berlin gelegene Krank. Als frisch rekrutierte Chefin der Notaufnahme sucht sie neue Herausforderungen, sieht sich aber mit dem brutalen Alltag ihrer vollkommen überforderten Kolleginnen und Kollegen konfrontiert, die sie obendrein nicht leiden können und am liebsten wieder loswerden möchten. Doch trotz aller Hindernisse beißt sich Suzanna durch und macht klar, dass sie nicht so einfach aufgibt...
Krank
Das von den Newcomern Viktor Jakovleski und Samuel Jefferson erdachte Medical-Drama „KRANK Berlin“ entspricht auf dem ersten Blick so ganz und gar nicht dem Klischee einer typisch deutschen sauberen Arztserie. Schon der Titel weist darauf hin, dass hinter diesem Format mehr steckt, als es auf den ersten Blick scheint. Krank ist einerseits der Name des Hauses, in dem es die Hauptfigur verschlägt, andererseits natürlich der Grund, warum Menschen dort Hilfe suchen.
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Doch es gibt noch einen Subtext, der sich auf die Umstände und die dort arbeitenden Menschen bezieht, denn, was im Krank abgeht, ist tatsächlich irgendwie ziemlich „krank“. Das beginnt schon mit dem Cold Open, in dem ein mit Drogen vollgepumpter Mann per Taxi in ein Hospital fährt, um dort in einem ruhigen Eckchen zu übernachten.
Wie wir schnell erfahren, handelt es sich bei dem recht abgewrackt aussehenden Typen um Dr. Ben Weber, einen talentierten, aber vollkommen desillusionierten jungen Arzt der Notaufnahme des Krank. Als er in seinem fast unberechenbaren Zustand dann auch noch einen Patienten in einer Notsituation auf einer Treppe behandelt und sich niemand daran stört, wird klar, dass in dieser Klinik die Uhren ein wenig anders ticken.
Das ist ein durchaus interessanter Einstieg, wenn man auch schon hier bereit sein muss, jeglichen Realitätsanspruch über Bord zu werfen. In dem Format geht es nicht darum, das Leben von überbeanspruchten Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten möglichst detailgetreu nachzuzeichnen, sondern um das Drama an sich. Dass hierfür das Stilmittel der actionlastigen Übertreibung eingesetzt wird, geht auch deshalb in Ordnung, weil sich die Debütfolge insgesamt narrativ stimmig und kohärent präsentiert.
Dr. Parker
Das Krank ist nämlich der schlimmste Ort, an den es einen Mediziner verschlagen kann. Das lernt auch Dr. Parker recht fix, die aus einer „Saubermannklinik“ ausgerechnet in die Notaufnahme einer der härtesten Gegenden Berlins kommt. Prügeleien, Messerattacken, Volltrunkenheit, Drogenexzesse, Subkulturen und Straßengangs prägen das Bild.
Entsprechend sieht sich Parker einem wahren Kulturschock ausgesetzt. Statt Unterstützung aus der Chefetage, erfährt sie zudem schon dort Ablehnung, weil die Notaufnahme kein Geld einbringt und eigentlich abgeschafft gehört. Daher fehlt es an allem, vor allem an genügend Personal.
Diejenigen, die dennoch dort arbeiten, haben offensichtlich ein ähnliches Autoritätsproblem wie die behandlungsbedürftigen Menschen, die quasi im Sekundentakt in den ohnehin hoffnungslos überfüllten Wartebereich geschoben werden. Kurz und knapp: Niemand will Parker, niemand braucht sie und hereinreden lassen möchte sich erst recht niemand.
Das ist eine Prämisse, mit der sich hervorragend spielen lässt, und genau das tun die Serienmacher dann auch, indem sie Parkers um Weber und Dr. Ertan (Safak Sengül) aufgebautes Ärzteteam so kratzbürstig, aber kompetent wie nur irgend möglich darstellen. Hinzu gesellen sich der zynische RTW-Fahrer Olaf (Bernhard Schütz) und seine junge Kollegin, die für stetigen Nachschub an Menschen sorgen, die ein von gesellschaftlichen Normen abgekoppeltes Dasein fristen und deshalb ihre eigenen Regeln aufgestellt haben.
Als zum Beispiel eine Horde Männer in die Notaufnahme stürzen, um ihren angeschossenen Kumpanen abzuliefern, entscheidet Dr. Parker, eine schwer verletzte unbeteiligte Passantin in den einzigen freien Operationssaal zu bringen. Ihre Untergebene Emina Ertan übergeht sie jedoch einfach und lässt den auf dem Tisch verblutenden Clanchef abholen, um einen gewaltsamen Aufstand der noch anwesenden Bandenmitglieder zu verhindern.
Solche Momente sind wie gesagt zwar vielleicht nicht unbedingt realistisch und schon gar nicht alltäglich, aber doch spannend und mitreißend inszeniert. Man bekommt schnell ein Gefühl für die Welt, in der wir uns bewegen und erfahren auf die harte Tour, wo Parker da hineingeraten ist.
Die Schauspielenden

Die von Haley Louise Jones gespielte Parker muss sich zudem mit fiesen Aktionen ihrer Kollegen herumschlagen. So findet sie auf der Diensttafel statt ihres Namens einmal die Verballhornung „Dr. Planlos“ und kurze Zeit später sogar die Worte „verpiss dich“. Auch die Pflegekräfte gehen nicht gerade respektvoll mit ihr um, so dass ihr keine andere Wahl bleibt, als sich in den Umkleideraum zurückzuziehen, um ihre aufkeimende Wut und Enttäuschung herauszuschreien.
Solche Szenen vermitteln uns einen guten Eindruck von der emotionalen Verfassung der Hauptfigur einerseits, aber auch von der Ernüchterung ihres Teams, die wie in einem Kriegsgebiet jeden Tag um ihr und das Überleben der Hilfsbedürftigen kämpfen. Das ist Medical-Drama pur und sowohl von Autorenseite aus als auch schauspielerisch spannend gemacht.
Slavko Popadic verleiht seiner Figur die Attitüde eines jungen Mannes, den es von Party zu Party treibt. Er ist ein guter Arzt, hält dem Wahnsinn, also dem „kranken“ Umfeld, dem er ausgesetzt ist, psychisch aber kaum noch stand. Deshalb konsumiert er Alkohol, Drogen und Tabletten in rauen Mengen und bleibt dabei trotzdem Arzt aus Leidenschaft.
Eminas Enthusiasmus beschränkt sich nach jahrelanger Erfahrung im Krank vielmehr darauf, ihre Tage möglichst gesund zu überstehen. Auch sie versteht ihren Job und ist wie Weber eine Rebellin. Doch sie versteckt sich nicht hinter dem Rausch, sondern denkt rein pragmatisch. Sie ist so betrachtet die vielleicht realistischste Arztfigur der Serie.
Der von Bernhard Schütz hübsch widerborstig gespielte Fahrer Olaf ist indes ein Routinier, der schon längst jegliche Begeisterung für seine Arbeit über Bord geworfen hat, weil er in seiner langen Berufskarriere viel zu viel gesehen hat und deshalb glaubt, ihn könne nichts mehr schocken.
Höhepunkt
In Sachen Story-Aufbau ist die Pilotfolge von „KRANK Berlin“ lehrbuchmäßig aufgebaut. Die Folge wird mit einem neugierig machenden Cold Open eingeleitet, geht dann zu einer angenehm kurz gehaltenen Exposition über, streut hier und da kleine Hintergrundhappen zu den Figuren ein und baut den Spannungsbogen bis zum Höhepunkt stetig auf.
Der ist mit der Ankunft einer Mutter nebst Sohn erreicht, die täglich in die Notaufnahme kommt und deshalb auch nicht ernstgenommen wird. Dr. Parker handelt allerdings ganz nach dem Credo, dass kein Patient abgewiesen wird. In der ihr von Weber geradezu aufgezwungenen Untersuchung stellt allerdings auch sie lediglich fest, eine Simulantin vor sich zu haben und verweist sie des Hauses.
Und nun geschieht etwas Unvorhergesehenes, denn die psychisch schwer angeschlagene Frau stürzt sich vor Olafs RTW, womit die Charakter-Karten der Serie noch einmal vollkommen neu durchgemischt werden, klasse.
Die Folge endet damit, dass Suzanna hartnäckig ihren Namen in die Diensttafel ritzt, wodurch klar ist, dass sie nicht zu den Menschen gehört, die schnell aufgeben oder sich fortekeln lassen. Sie wird bleiben, allen Umständen und Widerständen zum Trotz. Die spannende Frage ist nun, wie sich das Beziehungsgeflecht weiterentwickelt und wie sich Parker einlebt. Wird sie an ihren Aufgaben wachsen und die ernüchterte Stimmung in der Notaufnahme aufbrechen oder gerät sie wie Emina in den Sog der Routine, bis sie nur noch funktioniert?
Fazit
„KRANK Berlin“ ist kratzbürstig, dreckig, laut und steckt voller Leben und damit das Gegenteil der vielen super sauberen und Arzt-Seifenopern, die wir viel zu oft zu sehen bekommen. In Suzannas Notaufnahme geht es dramatisch zu, ohne dass die Protagonisten den Eindruck vermitteln, Teil eines Dramas zu sein. Sie arbeiten sich ab, leisten und verlieren sich auf gewisse Weise dabei.
Der Actionanteil ist extrem hoch getaktet und zwar nicht immer unbedingt realistisch, aber doch spannend. Die Inszenierung passt, die Ausstattung geht vollkommen in Ordnung und die Kameraführung hat manch gute Idee parat. So darf es gerne weitergehen.
Wir verteilen daher vier von fünf Krankentragen.