Kiss Me First: Review der Pilotepisode

© allulah Haddon als Leila (c) Channel 4/Netflix
Dass Kiss Me First von Channel 4 und Netflix Anfang April zum Filmstart von „Ready Player One“ erschien, wird kein Zufall gewesen sein. Beide Storys handeln von Teenagern, die sich in einer Onlinespielwelt verlieren, was abwechselnd mit Live-Action-Schauspielern und computeranimierten Avataren dargestellt wird. Anders jedoch als die Spielberg-Verfilmung des Nerd-Nostalgie-Romans trägt die Serie von Skins-Schöpfer Bryan Elsley den am wenigsten nach Videospielen klingenden Titel, den man sich nur vorstellen kann. Ein kleiner Geniestreich, der von Anfang an unterstreicht, dass es hier nicht ums Bezwingen eines Pixelgegners geht und dass die Feinheiten der Spielmechanik sowieso nicht weiter von Interesse sind. Vielmehr möchte „Kiss Me First“ ein emotionaler Onlinethriller sein, dessen Qualität sehr davon abhängen wird, wie die Geschichte sich entwickelt beziehungsweise ausgeht.
Die Pilotepisode She Did Something beginnt reichlich deprimierend damit, dass die 17-jährige Leila (Tallulah Haddon) ihre Mutter verliert und von nun an auf sich allein gestellt ist. Echte Freunde hat sie nicht, zumindest nicht in der realen Welt. Ganz anders als im Onlinespiel „Azana“, in dem sie sich Shadowfax nennt (nach Gandalfs Pferd vermutlich) und alle möglichen User und Abenteuer auf sie warten. Hier erregt sie die Aufmerksamkeit von Tess (Simona Brown), die sie in einen exklusiven Bereich des Spiels einlädt, in welchem eine Gruppe namens Außenseiter anderen Dingen nachgeht, als der Story des Games zu folgen. Die Gruppe nennt sich Red Pill und sollte nicht klar sein, dass es sich hierbei um eine „Matrix“-Referenz handelt, keine Sorge: Die Serie erklärt diesen Zusammenhang sehr wenig subtil mit einem Wiki-Eintrag. Was genau die Gruppe tut, wird nicht sofort klar, wir erfahren aber, dass der charismatische Anführer namens Adrian (Matthew Beard) den Bereich umprogrammiert hat, um reale Gefühle zu erlauben, die über illegale Halsbänder namens Sensebands empfangen werden können. Ist Leila hier in einer Selbsthilfegruppe gelandet oder in einem Kult?

Unterdessen sucht sie sich in der wirklichen Welt einen Job als Putzkraft in einem Café und lässt den aufstrebenden Schauspieler Jonty (Matthew Aubrey) als Untermieter bei sich einziehen. Ein aufdringlicher comic relief-Charakter, der womöglich im Nachhinein in die Serie geschrieben wurde, um der deprimierenden Gesamtstimmung entgegenzuwirken, was leider in einem tonalen Clash mündet. Vertrauen darauf, dass eine Serie nicht sämtliche Gefühlsregungen abklappern muss, wäre in diesem Fall zuträglicher gewesen. Unheimlicherweise macht Tess den Neuzugang mit der Hilfe von Adrian auch offline ausfindig, was Leila stutzig macht, sie aber nicht davon abhält, mit ihrer neuen Freundin tanzen zu gehen. Es folgt eine in Neonlicht getauchte Nachtclubsequenz, die vermutlich nicht von ungefähr an die preisgekrönte Black Mirror-Episode San Junipero erinnern soll, aufgrund fehlender Chemie zwischen den beiden jungen Frauen aber weitestgehend flachfällt.
Auch ohne all diese Virtual-Reality-Referenzen dürften bei Genrefans längst sämtliche Twist-Alarmglocken losgegangen sein. Ist die reale Welt auch eine Simulation? Ist Adrian eine künstliche Intelligenz? Sind die Spieler Programme beziehungsweise NPCs? Alles riecht danach, dass hier irgendeine überraschende Science-Fiction-Wendung vorbereitet wird, weshalb ich eingangs davon sprach, wie sehr die Bewertung der Serie am Ende von der Auflösung abhängen wird. Aber so weit sind wir noch nicht. Nach der durchgetanzten Nacht und jeder Menge Flirterei zwischen den Gamerinnen testet Tess bei ihrer neuen Bekanntschaft das Senseband und betritt das Spiel mit dem Avatar der schlafenden Besitzerin. Dadurch wird sie Zeugin einer Szene zwischen Adrian und Cyryl alias Calumny (George Jovanovic), der das Spiel als Flucht vor seinem gewalttätigen Elternhaus benutzt und von Adrian dazu überredet wird, den Schritt über eine virtuelle Klippe zu wagen. Was Leila nicht ahnt: Der User stand auch in der realen Welt auf dem Dach und ist vermutlich auch in Wirklichkeit in den Tod gesprungen...
Fazit
Kiss Me First glänzt in seiner Pilotepisode durch stimmungsvolle Inszenierung, die durch das ansprechende Game-Gimmick einen besonderen Touch erhält. Beweisen muss sich die Serie in den kommenden Folgen auf der Story- und Darstellerebene. Zu leicht werden Mysterygeschichten wie diese am Ende durch eine nicht zufriedenstellende Auflösung in Mitleidenschaft gezogen und Hauptdarstellerin Haddon darf bei aller Bildschirmpräsenz, die sie ohne weitere Anstrengung mit sich bringt, gerne noch etwas aus sich herauskommen. Ganz rund wirkt das Ganze auch abgesehen vom katastrophalen Klamaukmitbewohner noch nicht, die Neugier auf was noch kommen mag, wurde aber gekonnt geweckt. CONTINUE? Yes, please.
International wird „Kiss Me First“ bei Netflix erscheinen und ist bereits im hiesigen Angebot des Streamingdienstes gelistet. Ein konkretes Startdatum ist man uns jedoch noch schuldig.