Kidding 1x01

© ??Kidding“ (c) Showtime
Denkt man an Jim Carrey, so fallen einem zuallererst die vielen komischen, humorvollen, überzeichneten Charaktere ein, die er im Laufe seiner umfassenden Karriere gespielt hat. Man verbindet den mittlerweile 56 Jahre alten Schauspieler mit Filmen wie „Dumm und Dümmer“, „Die Maske“, „Ace Ventura“ und zahlreichen weiteren Komödien, die ihn zu der Hollywoodgröße gemacht haben, die er heute ist. Doch er kann auch anders. Das haben wir in „The Truman Show“, in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ und zuletzt auch noch einmal in der viel diskutierten Netflix-Dokumentation „Jim and Andy“ gesehen, die Carrey während der Produktion des Films „Man on the Moon“ aus dem Jahr 1999 begleitete.
Jim Carrey ist zum einen ein Spaßmacher und ein Quatschkopf im positiven Sinne, zum anderen verbirgt sich hinter dieser „Maske" aber eben auch ein feinfühliger, nachdenklicher Künstler, um den es in den letzten Jahren vergleichsweise ruhig geworden war und der sich bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten anders präsentierte, als man es von ihm lange Zeit gewohnt gewesen war. Vielleicht ist dieser Jim Carrey jedoch das Beste, was ihm persönlich, uns und im Speziellen der neuen Showtime-Serie Kidding passieren konnte. In dieser bauen Serienschöpfer Dave Holstein und Regisseur Michel Gondry (der mit Carrey an „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ zusammenarbeitete) nämlich auf eine Hauptfigur, die immer für alle anderen da war und die Menschen um sich herum mit Wärme, Verständnis und Gelächter versorgt hat.
Happy sad
Ein tragischer Unfall, bei dem der seit 30 Jahren erfolgreiche und beliebte Puppenshow-Moderator Jeff Piccirillo aka Mr. Pickles (Carrey) einen seiner beiden Söhne verliert, verändert dessen Leben jedoch grundlegend. Jeff ist nach wie vor ein ungemein offener, herzensguter Mensch, dessen Freundlichkeit fast schon erdrückend sein kann. Doch der schwerwiegende, persönliche Verlust, den er und seine gesamte Familie erlitten haben, ruft eine neue, andere Facette in ihm hervor. Eine von Trauer gezeichnete Persönlichkeit, die irgendwie ihr Leben wieder in die richtige Bahn lenken möchte. Jemand, den ausnahmsweise auch einmal die Wut packt, wenn er nicht mehr weiter weiß und die aufgestauten Gefühle einfach raus müssen. Jim Carrey könnte keine bessere Wahl sein, eine solche komplexe Rolle, die konstant zwischen zwei grundverschiedenen Welten wandelt, zu verkörpern.
Vieles hängt in „Kidding“ an dem Hauptdarsteller, der sich dieser großen Verantwortung absolut bewusst ist und in der Folge eine sensationelle Darbietung abruft. Als Zuschauer erschließt sich einem der Charme des unschuldigen, zuvorkommenden Mr. Pickles auf Anhieb, Kinder wie auch Erwachsene himmeln ihn an, offensichtlich hat er sich den Platz in ihren Herzen verdient. Dass man auf Grundlage einer solchen besonderen Beziehung zwischen Host und Publikum ein millionenschweres Unternehmen etablieren kann, wie es Jeffs Vater und Produzent Sebastian (Frank Langella) getan hat, verwundert nicht. Doch Jeff möchte nach den letzten, schmerzhaften Erfahrungen diese Reichweite nutzen, um seinen Zuschauern eine andere, vielleicht nicht so rosarote Seite des Lebens näherzubringen.
Man merkt ihm diesen Wunsch aus der Tiefe seines Herzens an, gleichzeitig erkennt man in ihm aber auch eine furchtbar tragische Gestalt, die nach einem Weg sucht, mit ihren Emotionen umzugehen, etwas Gutes aus etwas Schlechtem zu machen und irgendwie das aufrechtzuerhalten, für das man steht, auch wenn es manchmal einfach nur noch einreißen will.

Show must go on
Jeff kämpft einen stillen Kampf mit sich selbst, so, wie er mit seinem Vater, seiner Frau (Judy Greer), die sich von ihm getrennt hat, und seinem zweiten Sohn (Cole Allen) kämpft, der wiederum seine eigenen Methoden hat, um mit dem Tod seines Zwillingsbruders umzugehen. Aber Jeff kämpft nicht aggressiv, sondern empathisch und besonnen, immer davon überzeugt, mit seiner positiven Art etwas bewegen oder vielleicht sogar den entscheidenden Unterschied machen zu können. Jim Carrey ist geboren für einen solchen Charakter, der konstant zwischen großer Lebensfreude und tiefer Trauer pendelt. Man sieht der Figur an, wie schwer sie gebeutelt ist und dass ein grauer Schleier den Alltag des immer fröhlichen Mr. Pickles verhangen hat. Doch dann blitzt plötzlich Hoffnung auf und man sieht, wie Jeff auch Kraft aus seiner Berufung zieht, weil er anderen nach wie vor eine große Hilfe sein kann.
Regisseur Michel Gondry weiß um die Sensibilität der Themen, die sich Kidding annimmt, und findet einen hervorragend Weg, die verschiedenen Charaktere nachvollziehbar und mit viel Feingefühl einzufangen. Es ist am Ende eben doch keine One-Man-Show von Jim Carrey, sondern ein komplexer Blick auf eine ganze Familie, von Jeffs Frau über seinen Sohn bis hin zu seiner Schwester Deirdre (Catherine Keener), mit der er zusammenarbeitet und die ihre eigenen Probleme hat, welche sie beschäftigen. Bereits in der Pilotfolge spannt man ein umfangreiches Netz an Charakteren auf, die in unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, aber durch einen unschönen gemeinsamen Nenner verbunden sind: der Verlust einer Person, die man geliebt oder die einem sehr nahegestanden hat. Gemeinsam einen Weg durch dieses Tal der Tränen zu finden und dann auch noch, wenn man grundsätzlich einen positiven Blick aufs Leben hat, das ist die große Herausforderung.
Es klingt jetzt so, dass „Kidding“ weitaus mehr Drama als Comedy ist, und diese Tendenz mag nach der ersten Episode auch stimmen. Doch Gondry und Holstein finden in all den nachdenklichen, melancholischen Szenen auch Momente, in denen ein wenig Licht durch diese oft sehr dunkle (zumindest metaphorisch gesprochen) Welt dringt. Kleine Tricks beim Schnitt zaubern uns ein Lächeln auf die Lippen, ebenso wie die bedingungslose Offenheit und Ehrlichkeit der einzelnen Figuren, die sich nicht zurückhalten, wenn ihnen mal etwas auf der Seele brennt. Inmitten all der Tragik entdeckt man Augenblicke der beißenden Komik, die fast schon ins Absurde abdriften - siehe zum Beispiel ein Puppenspielerduo, das ein gigantisches Pferdewesen in der Show von Mr. Pickles spielt und hinter den Kulissen dieses sonderbare Kostüm für eher weniger jugendfreie Aktivitäten nutzt.
Es ist nicht so, dass einem in „Kidding“ das Lachen im Halse steckenbleibt. Dafür gibt es viel zu wenige humorvolle Elemente, bei denen man laut auflachen muss. Man übt sich in Zurückhaltung und probiert sich an einem feinen Mittelweg, menschliches Drama mit den kleinen Freuden des Lebens zu verknüpfen. Dabei entsteht manchmal der Eindruck, dass man sich über Jeff und seine Naivität lustig machen würde, was jedoch keineswegs der Fall ist. Vielmehr ist es der eigene Zynismus, der einem bewusst wird, wenn man sich das besondere Wesen von Jeff Piccirillo etwas genauer vor Augen führt. Der Auftakt von Kidding ist vielversprechend und stimmt optimistisch, dass Michel Gondry, Dave Holstein und Jim Carrey in den zehn Episoden der ersten Staffel eine intelligente, sensible, charmante und rührende Geschichte über einen Menschen erzählen werden, der immer gegeben hat und dem auf einmal alles genommen wurde. Wie die Hauptfigur damit umgehen wird, welche Auswirkung all dies auf seine Nächsten hat und ob man auch aus den bittersten Zitronen Limonade machen kann, schaue ich mir nur zu gerne an.
Englischsprachiger Trailer zu „Kidding":
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 10. September 2018Kidding 1x01 Trailer
(Kidding 1x01)
Schauspieler in der Episode Kidding 1x01
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