Kein Lebenszeichen - Gone For Good: Kritik zur neuen Harlan-Coben-Serie bei Netflix

© zenenfoto aus der Serie Kein Lebenszeichen (c) Netflix
Der preisgekrönte US-Krimiautor Harlan Coben hat es irgendwie geschafft, dass Netflix so ziemlich alle seine Romane verfilmen oder gar als Serien aufbereiten will. So kamen bereits Formate wie Safe mit Dexter-Star Michael C. Hall, die polnische Eigen-Produktion „Das Grab im Wald“ (aka „The Woods“) oder der britische Achtteiler „Ich schweige für dich“ (im Original: The Stranger) zustande. Genauso wie zuletzt die spanische Adaption Kein Friede den Toten.
Mit der französischen Dramaserie Kein Lebenszeichen, die eigentlich „Disparu a jamais“ heißt, knöpft sich der Streamingservice nun Cobens 2002 erschienenes Werk „Gone For Good“ vor. Das Drehbuch stammt dabei vom Duo David Elkaim und Vincent Poymiro, das frankophile Serienkenner unter anderem für In Therapie und „Dein Wille geschehe“ kennen könnten. Die Regie hat der Amerikaner Juan Carlos Medina (A Discovery of Witches, Origin) übernommen.
Vor der Kamera angeführt wird die fünfteilige Miniserie, welche vergangenen Freitag, den 13. August erschien, von Finnegan Oldfield (Das Boot, „Marvin“). Aber auch Nailia Harzoune („Lieber leben“), Nicolas Duvauchelle („Eine Meerjungfrau in Paris“), Garance Marillier („Raw“) spielen mit. Wir haben einen Blick in die Auftaktepisode namens Guillaume geworfen...
Worum geht's?
Den Helden unserer Geschichte, besagten Guillaume Lucchesi (Oldfield), lernen wir am dunkelsten Abend seines Lebens kennen. Ein mysteriöser Mann ermordet nicht nur Guillaumes Jugendliebe Sonia (Marillier), sondern auch seinen Bruder Fred (Duvauchelle). Ein Trauma, von dem sich kein Mensch je erholen kann. Trotzdem führt Guillaume zehn Jahre später, als die Erzählung richtig losgeht, ein relativ geordnetes Leben. Als hartgesottener Streetworker versucht er kleinkriminellen Jugendlichen in der Mittelmeermetropole Nizza dabei zu helfen, größerem Ärger aus dem Weg zu gehen.
Guillaume hatte nie davon geträumt, als Sozialarbeiter seinen Kragen zu riskieren. Vor dem Vorfall, der sein ganzes Leben auf den Kopf stellte, warf er all seinen Ehrgeiz in ein BWL-Studium, das selbst sein geschäftiger Bruder für Zeitverschwendung hielt. Fred sah Guillaume nämlich immer eher als Künstlernatur - Guillaume sollte für die Musik leben, nicht fürs Geld. Nachdem er alles verlor, lebte er jedoch nur noch für die anderen und opferte sich beim Helfen regelrecht auf.

Doch eines Tages bescherte der Knochenjob Guillaume einen Lohn, der mehr Wert hat als alles Geld der Welt: nämlich die Liebe. Seine neue Kollegin Judith (Harzoune), bei der er anfangs gar kein gutes Gefühl hatte, wurde die Frau seines Lebens. Sie hat wieder Hoffnung und Freude in sein Herz gebracht. Ausgerechnet am Tag der Beerdigung seiner Mutter fragt Guillaume sie schließlich, ob sie ihn heiraten will. Und Judith willigt ein - nur, um dann für immer zu verschwinden.
Ein angeblicher Vorfall bei der Arbeit dient als Entschuldigung, um sich aus dem Staub zu machen. Als Guillaume merkt, dass sie absichtlich abgetaucht ist, bricht seine Welt zum zweiten Mal vollständig zusammen. Und dann deutet sich auch noch an, dass Judith irgendwas mit dem Mann zu tun hat, der damals seinen Bruder und Sonia erschoss. Hat seine Kurzzeitverlobte von Anfang an ein böses Spiel mit ihm getrieben? Und was war der wahre Grund für das Verbrechen vor zehn Jahren?
Wie ist es?
Ob einen die Mysterien der Krimiserie Kein Lebenszeichen packen, hängt wohl ganz vom einzelnen Zuschauer ab. Ich persönlich hatte durch die offenen Fragen der französischen Harlan-Coben-Adaption von Netflix zumindest keine schlaflosen Nächte - und kann mir ehrlich gesagt auch keine Auflösung vorstellen, die mich richtig vom Hocker hauen würde. Obwohl es immerhin schon sieben Jahre nach der „Gone Girl“-Verfilmung auch schwer sein dürfte, bei einer derartigen Prämisse plot-twist-technisch noch zu schocken. Und der Stoff, auf dem die Story hier basiert, ist auch schon fast 20 Jahre alt.
Fairerweise muss man sagen, dass man Kein Lebenszeichen erst ganz bis zum Ende schauen müsste, um beurteilen zu können, ob die Serienautoren David Elkaim und Vincent Poymiro aus der Vorlage noch etwas Frisches rausgekitzelt haben. Allerdings ist man kaum gewillt, die vier übrigen Folgen zu schauen, wenn auch die Inszenierung sowie das Schauspiel höchstens mittelmäßig ausfallen. Die Atmosphäre ist zwar düster, wird aber immer wieder durch seichte Popsongs unterbrochen. Bei den Figuren ist leider keine dabei, die einen richtig fesseln würde. Und die Dialoge? Na ja.
Alles in allem neige ich dazu, die neue Netflix-Serie recht zynisch zu betrachten. Der Algorithmus der Streaming-Plattform hat offenbar errechnet, dass alles, wo Harlan Coben draufsteht, gut geklickt wird. Also wird halt alles, was der Bestsellerautor geschrieben hat, adaptiert. Um EU-Produktionsquoten zu erfüllen, werden die Stoffe gern auch nach Frankreich, Spanien oder Polen verteilt. So spart man sich gleich auch hohe Gagen für international bekannte Stars, sondern setzt stattdessen auf lokale Sternchen. Qualität ist zweitrangig und wird dementsprechend auch vernachlässigt.
Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie Kein Lebenszeichen:
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