Becoming Karl Lagerfeld: Review der ersten beiden Episoden der französischen Biopic-Miniserie bei Disney+

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Das passiert in der Serie „Becoming Karl Lagerfeld“
Paris, Anfang der 70er Jahre. Yves Saint Laurent (Arnaud Valois) beherrscht mit seinen ausgefallen Designs die schillernde Modewelt, während Talente wie Karl Lagerfeld (Daniel Brühl) ein Dasein unter ferner liefen fristen. Doch als Lagerfeld den ebenso ehrgeizigen wie egozentrischen Jacques de Bascher (Théodore Pellerin) kennenlernt, wendet sich ihm allmählich das Glück zu.
Als er auch noch die große Marlene Dietrich (Sunnyi Melles) trifft und diese ihn bittet, ein Kostüm für ihn zu schneidern, scheint sein Stern endgültig aufzugehen. Doch dann kommt es zum Eklat...
Schillernd und bunt
Um es direkt vorwegzunehmen: Becoming Karl Lagerfeld gehört zu der Sorte von Serien, die ich normalerweise spätestens nach der ersten Folge ausschalten und auf meiner Prioritätenliste weit nach unten setzen würde. Und genau die Haltung hätte sich in diesem Fall als Fehler erwiesen, weil mir eine der großen Überraschungen des Jahres verwehrt geblieben wäre...
Klar, wer kein riesiger Modefan ist und mit der vor lauter Sternen und Sternchen nur so funkelnden Modewelt nichts anzufangen weiß, wird wahrscheinlich der französischen Miniserie zunächst ratlos gegenüberstehen. Genau so erging es mir auch während der ersten zehn Minuten der Debütepisode. Und doch vermögen mich die beiden Startepisoden der Produktion in ihren Bann zu ziehen, machen neugierig und wissen zu unterhalten.
Das liegt zum einen an den hohen Produktionsstandards, zum anderen aber auch vornehmlich an dem nahezu perfekt gewählten Ensemble, das die Geschichte nicht nur trägt, sondern im positiven Sinne geradezu auf die Spitze treibt.
Ausstattung: top
2200 Statisten, 40 Szenenbilder und mehr als 3000 Kostüme sprechen in Bezug auf die Detailliebe und die Sorgfalt der Serienmacher um Isaure Pisani-Ferry, Jennifer Have sowie Raphaëlle Bacqué eine deutliche Sprache. Die Serie, die auf der von Bacqué geschriebenen Biografie „Kaiser Karl“ basiert, zeichnet den Aufstieg des deutschen Modezaren auf ebenso brillante wie pfiffig-mutige Weise nach. Dabei spart das Drehbuch-Team auch nicht mit der einen oder anderen Spitze in Richtung Yves Saint Laurent und Co.
In den Reihen der Modemacher herrscht nämlich ein regelrechter „Zickenkrieg“. Niemand scheint niemandem wohlgesonnen, man gönnt sich quasi das sprichwörtliche Schwarze unter den Fingernägeln nicht. Allein dieses ständige Hauen und Stechen macht auf dem Bildschirm schon jede Menge Spaß, wobei das Leben der Protagonisten nicht nur auf der Überholspur, sondern sozusagen im Hochgeschwindigkeitszug verläuft. Sex, Drugs, Kunst und Rock 'n' Roll erscheinen zwar wie typische Klischees, beherrschen in „Becoming Karl Lagerfeld“ aber das Bild.
Figurenzeichnung: top
Lediglich die von Daniel Brühl grandios gespielte Titelfigur entzieht sich dem selbstzerstörerischen Treiben. Karl lebt wie ein Asket bei seiner Mutter, arbeitet wie ein Besessener und träumt davon, Saint Laurent endlich das Wasser abzugraben. Wem das noch nicht genug Konfliktpotential bietet, wird sich über den sexy von Théodore Pellerin gespielten Lebemann und Dandy Jacques de Bascher freuen, der eine heiße sexuelle Komponente ins Spiel bringt. Dennoch ist er weit mehr als ein „Vibrator für zu hart arbeitende Erwachsene“, wie Saint Laurents Partner und Lebensgefährte Pierre Bergé (Alex Lutz) ihm weismachen will.
Er findet seinen eigenen Weg und schließlich einen Zugang zu Lagerfeld, den eine Art Hassliebe zu seinem Modekonkurrenten verbindet. Daraus ergibt sich ein tiefes und bisweilen sogar undurchdringliches Beziehungsgeflecht, weil man nie weiß, wer genau was will und welche Mittel die jeweilige Figur einsetzt, um es zu erreichen. Die Auswirkungen sind oftmals dramatischer Natur, laden aber manchmal auch aufgrund des geradezu skurrilen Selbstverständnisses der Protagonisten zum Schmunzeln ein.
Marlene Dietrich
Als Highlight der zweiten Folge erweist sich darüber hinaus der Auftritt von Sunnyi Melles als Marlene Dietrich. Die Aktrice spielt die Grande Dame des Films mit einer nahezu atemberaubenden Eleganz und so divenhaft, wie man es sich nur wünschen kann. So wertet man mit zwei relativ kurzen Szenen eine Serie auf. Besonders aufregend ist der Moment, als Dietrich Lagerfeld für ein Kostüm regelrecht abbügelt. Dass sich der Modeschöpfer und die Diva nicht wohlgesonnen waren, ist altbekannt, „Becoming Karl Lagerfeld“ bietet nun recht frech die Erklärung in Form eines hässlichen Hosenanzugs, der zum Zerwürfnis führt.
Inwiefern diese Version der Wahrheit entspricht oder unter dem Motto künstlerische Freiheit verbucht werden darf, ist eine andere Frage. Sehenswert ist die Szene indes allein schon aufgrund des herrlich brüskierten Gesichtsausdrucks von Daniel Brühl, der von seiner Filmpartnerin schauspielerisch allerdings auch entsprechend gefordert wird. Es sind solche Aha- und Staunmomente, die die Miniserie lebendig, bunt und thematisch fesselnd machen und die Vorfreude auf die weiteren vier Episoden des sechsteiligen Biopics schüren.
Fazit
„Becoming Karl Lagerfeld“ präsentiert ihrem Publikum ein vielleicht bisweilen überzogenes, letztlich aber doch ungeschöntes und vielschichtiges Bild der Modewelt in den frühen 70er Jahren in Paris. Die Persönlichkeiten schillern unverblümt vor sich hin. Ihr oft wahnwitziges Leben rast an den Zuschauenden regelrecht vorbei und offenbart, dass die Protagonisten in der Szene einem permanenten Krieg der Egozentriker ausgesetzt sind.
Drama, Lifestyle, Soap und Erotik. Das sind die Hauptkomponenten für diesen wilden, unterhaltsamen und aufregenden Trip in eine Welt, die den meisten Menschen verborgen bleibt, für eine Persönlichkeit wie Karl Lagerfeld aber Alltag war. Wer auf Biopics im Allgemeinen steht, kann bedenkenlos zugreifen und sollte der sechsteiligen französischen Miniserie beim Streamingdienst Disney+ unbedingt eine Chance geben. Wer filmische Biografien und Mode mag, könnte entsprechend richtiger nicht sein.
Viereinhalb von fünf Nähnadeln
„Becoming Karl Lagerfeld“: Serientrailer Deutsch
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Becoming Karl Lagerfeld“: