Kafka: Review der Pilotfolge der sechsteiligen ARD-Biopicserie

Kafka: Review der Pilotfolge der sechsteiligen ARD-Biopicserie

Zum 100. Todestag des großen Franz Kafka bringt die ARD eine in Koproduktion mit dem ORF produzierte Serie über den Ausnahmeschriftsteller heraus, die dank einer innovativen Erzählweise auch dann sehenswert ist, wenn man die Werke Kafkas nicht kennt.

Franz Kafka (Joel Basman) in der Serie „Kafka“
Franz Kafka (Joel Basman) in der Serie „Kafka“
© NDR/Superfilm

Kafka als Biopic

Gehen wir einmal davon aus, wir hätten noch nie etwas von Franz Kafka gelesen oder auch nur von dem Schriftsteller gehört. Wir kennen „In der Stafkolonie“ nicht, und auch nicht „Der Prozess“. Betrachten wir also „Kafka“ schlicht als das, was es ist: eine Biopic-Serie über eine berühmte, ikonische Persönlichkeit. Nun war Kafka weder ein schillernder Freddie Mercury, noch eine Art Elton John oder ein verträumter britischer Philologe wie Tolkien, dessen Werke ein ganzes Genre begründeten. Tatsächlich war er sogar viel mehr als das, wie Drehbuchautor Daniel Kehlmann und Regisseur David Schalko auf Basis der wegweisenden dreibändigen Biografie von Rainer Stach aufzeigen. Ganz davon abgesehen ist die sechsteilige Serie aber auch noch überaus ansprechend inszeniert und präsentiert einen leichtfüßigen, humorvoll und herrlich ironischen Erzählstil, der hervorragend zu unterhalten weiß.

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Innovativ erzählt

Max Brod (David Kross) und Franz Kafka (Joel Basman).
Max Brod (David Kross) und Franz Kafka (Joel Basman). - © NDR/Superfilm

Die Serie beginnt mit einer kurzen, aus dem Off und mit Originalfotos unterlegten Kurzbiografie des Schriftstellers. Schon hier erlauben sich Kehlmann und Schalko aber einen humoresken Anflug, indem sie Kafkas zahlreiche Besuche bei Prostituierten nicht nur erwähnen, sondern auch mit Bildern der Schauspielerinnen würzen, die in der Serie die entsprechenden Rollen spielen. Der Hinweis am Ende der rund eineinhalb minütigen Einführung, dass Kafka lediglich 350 Seiten an abgeschlossenen Texten verfasste, dürfte bei der großen Bedeutung des Literaten manch Zuschauenden überraschen. Natürlich dürfen dabei allerdings die 3500 Seiten mit unvollendeten Werken, Briefen, Tagebüchern und anderweitigen Schriften nicht vergessen werden. Schon dieser Einstieg, der in Kafkas im Sterbebett gegenüber seinem besten Freund, Entdecker und Förderer Max Brod geäußerten Bitte mündet, sämtliches Schriftgut zu verbrennen, weiß aufgrund der leichten Vortragsart zu gefallen.

Es folgt ein Schnitt und wir befinden uns in einem kritischen Interview zwischen dem gealterten Brod und einem forschen Moderator, das uns noch öfter begegnen wird. Doch bevor er die Frage „Haben Sie tatsächlich seinen Willen vollstreckt?“ beantworten kann, mischt sich die uns inzwischen bekannte, bemerkenswerte Erzählerstimme von Michael Maertens ein und verweist darauf, dass man mit der Geschichte des Lebens von Franz Kafka doch besser anders beginnen müsse. Es folgt ein weiterer Schnitt und wir befinden uns im März 1939, genauer gesagt kurz vor der Besetzung der noch nicht annektierten Teile der Tschechoslowakei. Max Brod bereitet sich auf die Flucht nach Polen vor. Es erfolgt ein erneuter Schnitt und endlich lernen wir in einer kurzen, aber nachhallenden Szene den grandios von Joel Basman gespielten Kafka kennen.

Die Schilderung der ersten Serienminuten mag auf den ersten Blick verwirrend wirken - und ist es auf gewisse auch, weil die Handlung schnell und scheinbar unkontrolliert zwischen mehreren Zeitebenen hin- und herspringt, die in der Regel kurze Dialoge zwischen den Protagonisten beinhalten und Kafkas bisweilen sonderbar anmutende Lebensweise galant in den Fokus rückt. Darüber hinaus verlangt die alles andere als linear gedachte Schnittführung der ersten fünf Minuten aber auch die volle Aufmerksamkeit des Publikums. „Kafka“, so viel wird schon hier klar, ist keine Feierabendserie, von der man sich berieseln lassen kann. Vielmehr fordern der Produktionsstab und das fein ausgewählte Ensemble um Basman und Brod-Darsteller David Kross das Publikum zu einer Beteiligung auf. Mitdenken ist also nicht nur gewünscht, sondern sogar angezeigt, wenn man die teils expressionistisch anmutenden Bilder und Kafkas wie aus einer anderen Welt stammenden Kommentare richtig einordnen möchte.

Hier könnt Ihr einen Trailer zu „Kafka “in der Mediathek anschauen

Sprachlich ehrlich

Stark ist zudem, dass sich die Serienmacher eine sprachliche Modernisierung in Form einer Rücksichtnahme auf die möglichen Gefühle einiger Zuschauender sparen. Kafka, Brod und ihre Freunde reden so, wie man zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben sprach. Frauen dienen hauptsächlich der Befriedigung sexueller Gelüste, Besuche in Bordellen sind an der Tagesordnung. In einem schön geschriebenen Dialog beschwert sich Brod bei seinem Freund darüber, dass er peinlicherweise mit Frauen gleichermaßen wie mit Männern rede. Kafka hat für diesen Kommentar jedoch nur Unverständnis übrig, weil Intelligenz für ihn offensichtlich nicht geschlechtsspezifisch ist. Die Gesprächsführung ist dabei hervorragend in den historischen Kontext der Serie integriert und regt zum Schmunzeln an.

Eine spätere Sequenz führt uns in die Kindheit von Max Brod ein, dem ohne die liebevolle Fürsorge seiner Eltern ein Leben als „Krüppel“ bevorgestanden hätte. Erfreulicherweise verwenden die Macher derartige Termini aber nicht vollkommen unkommentiert, sondern verweisen aus dem Off darauf, dass es sich um übliche Ausdrücke der Epoche handelt, in der die Serie angesiedelt ist.

Kafka und die Empathie

Franz Kafka (Joel Basman), Max Brod (David Kross) und Pornograph Pachinger
Franz Kafka (Joel Basman), Max Brod (David Kross) und Pornograph Pachinger - © NDR/Superfilm

Im weiteren Verlauf offenbart Kafka seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe, die oft genug wenig empathisch, andererseits aber auch poetisch ist. Während eines Spaziergangs erhascht sein Blick ein Kirchenfenster, was ihn zum Ausspruch: „In jedem einzelnen Fenster herrscht die wiederkehrende Farbe eines Kleides vor.“ animiert. Derartige für den normal sterblichen Geist unverständliche Kommentare von Kafka sind gut belegt und Teil seines literarischen Werkes. Es ist daher die richtige Entscheidung, jene in die Serie einfließen zu lassen, obwohl er zum Zeitpunkt der ersten Episode selbst noch kein einziges Wort veröffentlicht hat.

Ein weiteres Beispiel für diese eindrückliche Art des Erzählstils ist eine Szene, in der Kafka und Brod während einer Bootsfahrt einen Suizidversuch beobachten. Franz tut dies mit einer erschreckend anmutenden Kaltblütigkeit. Nachdem Max dem fast Ertrunkenem zu Hilfe geeilt ist und seinen Freund für dessen Anteilslosigkeit zur Rede stellt, antwortet dieser: „Du hast nicht einmal versucht, ihn zu sehen.“ Ihm geht es darum, den Augenblick in sein Gedächtnis einzubrennen, dem Menschen, der sich selbst zum Tode verurteilte, während seiner letzten Augenblicke ins Gesicht zu blicken, um daraus eine kraftvolle Poetik zu beziehen. In solchen Momenten nimmt die Geschichte durchaus groteske Züge an und offenbart, welch komplexer Geist dem Mann innewohnte, dessen Leben hier verfilmt wurde.

Fazit

Die Pilotfolge von Kafka ist ein von der ersten bis zur letzten Minute beindruckendes Stück Fernsehunterhaltung. Das geflügelte Wort kafkaesk passt hier wie die berühmte Faust auf das Auge. Daniel Kehlmann und David Schelko erzählen die Lebensgeschichte eines der größten Autoren der deutschen Literaturgeschichte auf erzählerisch höchstem Niveau, gespickt mit dem Mut zur Groteske, ironischem Humor, einem Schuss Expressionismus, historischer Akkuratesse und einem brillant aufspielenden Ensemble. Joel Basman und David Kross erweisen sich als goldrichtige Wahl für die Hauptrollen, doch selbst kleine Nebenrollen wie die des Verlegers Rowohlt (gespielt von Charly Hübner werden nicht stiefmütterlich behandelt, sondern sinnvoll besetzt, ganz zu schweigen von dem Pornographen Pachinger (Robert Palfrader) oder der Dirne Mitzi (Maya Unger). Darüber hinaus ist die Inszenierung innovativ, die Ausstattung hochwertig und die Musik herrlich humoresk. Dafür gibt es von uns 5 von 5 Punkten.

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