Jupiter's Legacy 1x01

Jupiter's Legacy 1x01

Bereits 2017 hat Netflix das Comiclabel Millarworld von Mark Millar (Kick-Ass, Kingsman, Wanted) übernommen. Bis 2021 hat es gedauert, ehe die erste Adaption seines Schaffens beim Streamingdienst startet. Wie schlägt sich die Serie Jupiter's Legacy nun in ihrer ersten Staffel?

Serienposter zur Serie Jupiter's Legacy (c) Netflix
Serienposter zur Serie Jupiter's Legacy (c) Netflix
© erienposter zur Serie Jupiter's Legacy (c) Netflix

Wenn man die wichtigsten Autoren von Comics auf dem US-Markt der 2000er Jahre nennen müsste, dann wäre Mark Millar neben Brian Michael Bendis, Robert Kirkman und Brian K. Vaughan sicherlich ganz vorne dabei. Der Schotte hat schon in den 90er Jahren anfangs mit Landsmann Grant Morrison bei DC und später auf eigene Faust bei Marvel zahlreiche Beiträge zum Superheldenkosmos beigetragen, ehe er die Welt der „Creator-Owned Comics“ (hier bleiben die Rechte meistens jeweils bei dem Schöpfer selbst und nicht bei den Verlagen) für sich entdeckt hat. Bei Marvel hat vor allem „The Ultimates“ einen immensen Teil an der späteren visuellen Gestaltung des Marvel Cinematic Universe gespielt.

Millarworld und die Vorlage

Manche sagen Millar nach, dass er Stoffe entwickelt, um sie später als Film- und Serienprojekt zu verkaufen. Daraus würde er selbst sicherlich keinen Hehl machen, denn schließlich wurde sein Label Millarworld 2017 vom Marktführer der Streamingdienste, also von Netflix gekauft, so dass er seither quasi selbst eine IP-Schmiede ist. Wobei einige andere Werke, darunter Filme wie „Wanted“, „Kick-Ass“ oder „Kingsman“ schon lange vorher jeweils durchaus mit Achtungserfolg adaptiert wurden.

Bis 2021 hat es nun allerdings gedauert, bis er die Frucht seiner Verkaufsarbeit ernten konnte, wobei die Coronavirus-Pandemie und kreative Differenzen im Fall des Neustarts Jupiter's Legacy hier für Verzögerungen gesorgt haben. Anfangs hatte nämlich Steven S. DeNight (Spartacus, Daredevil) den Showrunner-Posten inne, trennte sich aber nach kreativen Differenzen vom Projekt. Sang Kim hat den Job danach übernommen. DeNight wird beim Auftakt noch als Autor und Regisseur genannt.

2013 debütierte die Comicserie „Jupiter's Legacy“ von Millar und Zeichner Frank Quitely, die die Vorlage zum Netflix-Format ist, als zunächst fünfteilige Heftreihe, die später durch das PrequelJupiter's Circle“ (mit den Zeichnern Wilfredo Torres und Davide Gianfelice) ergänzt wurde. Millar und Quitely haben aber auch „Jupiter's Legacy“ fortgesetzt. Im Reprint ist man inzwischen dazu übergegangen, die ganze Reihe durchgängig als „Jupiter's Legacy“ zu betiteln, wobei die Geschichte nun chronologisch veröffentlicht wird. Das schreibe ich, falls sich jemand - so, wie ich - nun darüber wundert, wie nun eigentlich die aktuelle englische Lesereihenfolge ist, wenn man die ersten Bände bei Ersterscheinung gekauft hat... Bislang gibt es vier Bände und ein fünfter soll die Superheldensaga dann abschließen.

Millar ist ein Autor, dessen Werk ich seit Jahren mit viel Interesse verfolge. Er ist ein klassischer High-Concept-Entwickler und liebt es, altbekannte Tropen zu remixen und mit seinem eigenen - manchmal etwas sensationalistischen, frechen - Stil zu versehen. Beim Lesen seiner Miniserien, die meistens in Paketen von fünf bis sechs Heften herauskommen, kommt selten Langeweile auf - und er oft recht schnell zum Punkt. Er liebt den Cliffhanger und schockt in seinen eigenen Comicmarken gerne mit Inhalten, die bei DC oder Marvel nicht gehen würden, weil sie zu viel Gewalt darstellen, Figuren ausschalten oder polarisieren. Die ursprüngliche Miniserie zu „Jupiter's Legacy“ ist hier keine Ausnahme und ein Musterbeispiel seines Stils. Wie funktioniert das nach einigen Filmadaptionen also nun im Serienformat?

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Worum geht es in Jupiter's Legacy?

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Seit dem Ende der 1920er ist die erste Generation von Superhelden bereits aktiv und kümmert sich um die Superschurken und Bedrohungen der Welt, wobei sie einen strikten Ehrencodex haben und beispielsweise niemanden töten. Doch die Zeichen der Zeit zeigen sich bei den übriggebliebenen Helden und es könnte bald Zeit für den Ruhestand sein. Also liegt es an ihren Kindern, das gewaltige Erbe anzutreten. Doch nicht alle können dem Druck der Öffentlichkeit standhalten.

Josh Duhamel (Las Vegas) ist Sheldon Sampson, der Anführer des Heldenteams Union, der selbst als mächtiger Held The Utopian (man denke an Superman) bekannt ist. Er ist in seiner Denke am ehesten den alten Werten verbunden und lehnt tödliche Gewalt strikt ab. Leslie Bibb (Popular) ist Grace Sampson, seine ebenso taffe Frau aka Lady Liberty. Ben Daniels (The Exorcist) spielt Walter Sampson - oft Walt genannt - er ist Sheldons älterer Bruder, der als Brain-Wave über telepathische Kräfte verfügt. Elena Kampouris (American Odyssey) mimt Chloe Sampson und ist die Tochter von Sheldon und Grace. Sie gilt als schwarzes Schaf der Familie, weil sie die Superheldenaufgaben ablehnt und lieber ein Leben in Saus und Braus führt, inklusive Drogenkonsum und flüchtigen Affären. Andrew Horton („Doctors“) ist Brandon Sampson, der Sohn von Sheldon und Grace, dieser kommt schon als Superheld Paragon eher nach seinen Eltern, allerdings zweifelt vor allem sein Vater daran, ob er der Nachfolge als Utopian gerecht werden kann. Denn im Ernstfall kann er zu Mitteln greifen, die Sheldon nicht gefallen, allerdings in der Öffentlichkeit überraschend gut angenommen werden.

Matt Lanter (Timeless) spielt George Hutchence, Sheldons ehemals besten Freund, der nun sein ärgster Feind Skyfox ist. David Julian Hirsh ist Blue Bolt aka Richard Conrad, ein weiteres Gründungsmitglied der Union.

Die acht Folgen der ersten Staffel, die ich vorab alle sichten konnte, spielen in der Gegenwart, in der die Helden seit Jahrzehnten aktiv sind und etwa zur Hälfte in den 1920ern, wobei gezeigt wird, wie die Normalos inmitten der Weltwirtschaftskrise zu Superhelden werden konnten. Leider ist der zweite Part dabei eine regelrechte Pacing-Bremse und bei weitem nicht so spannend für die Zuschauer, wie die Autoren wohl denken. Während das in der Comicvorlage auf wenigen Seiten abgefrühstückt wird, werden hier ein Großteil der Episoden damit vollgequetscht, was mir überhaupt nicht gefallen hat, sondern eher ermüdend wirkte.

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Gute Ansätze, mittelmäßige Umsetzung

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Wie schon andere Ansätze der jüngeren Vergangenheit, beispielsweise Brightburn, Superman & Lois, The Boys oder Invincible geht es in Jupiter's Legacy um einen Superman-Archetypen im Mittelpunkt. Millars Konzept spielt ständig auf die lange Superheldentradition an, die seit den 1930er Jahren das Genre bestimmt, und fragt sich, was wäre, wenn man nicht alle fünf oder zehn Jahre das Universum rebooten und einen frischen Ansatz für die Leser präsentieren würde. Stattdessen könnte die Hauptfigur, in diesem Fall The Utopian und seine Heldenkollegen, viele Jahrzehnte lang als Helden agieren... Wie geht man mit Veränderungen in der Gesellschaft um? Was stellt man mit der unglaublichen Macht an? Utopian ist ganz klar dafür, nicht die Herrschaft zu übernehmen, sondern als passiver Beschützer zu agieren, wie es die „Justice League“ von DC macht. Doch mit der Zeit ändern sich die Gegner und die gesellschaftlichen Ansichten von Recht und Ordnung sind ebenfalls im stetigen Wandel. War es einst eine noble Entscheidung, einen Verbrecher dem Recht zuzuführen, kann sich das eben auch rächen, wenn ein Ausbruch aus der Haft gelingt und dabei andere sterben.

Ein solcher Fall ist der Schurke Blackstar (Tyler Mane), der von den vereinten Helden in der Gegenwart nur mit allerhöchster Not und nicht ohne Todesopfer im Zaum gehalten werden kann. Später soll sich herausstellen, dass es offenbar eine Kopie des echten Schurken ist. Wer genau dahintersteckt, möchte ich hier gar nicht verraten, weil das ein Twist ist, auf den die Staffel aufbaut. Außerdem ist das ein Mittel zum Zweck, um die Konflikte im Mittelpunkt auszubreiten, was in meinen Augen viel spannender ist als die Flashback-Sequenzen. Diese zeigen Sheldon und Co auf einer viel zu langen Odyssee zu einer sagenumwobenen Insel, bei denen so mancher, vor allem er selbst, den Verstand zu verlieren droht...

Was „Jupiter's Legacy“ von vielen anderen Superheldenstoffen im Serienbereich unterscheidet, ist der Generationenaspekt. Natürlich gibt es bei The Boys, Arrow oder Superman & Lois oder Invincible einzelne Nachkommen der mächtigen Superwesen und kostümierte Recken, aber im Netflix-Format sind die Helden wortwörtlich seit fast 100 Jahren aktiv, so dass sie fester Teil der Gesellschaft sind und so interessante Probleme auftauchen. Die Erwartungshaltung, dass man bei Bedrohungen beschützt wird, etwa. Wobei hier schon in der Sampson-Familie unterschiedliche Pole präsentiert werden, wie man mit der Verantwortung umgeht. Leider kommt die TV-Serie im Vergleich zum Comic aber nicht zum Punkt, sondern mäandert vor sich hin.

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Das Interesse an „Versagerin“ und Junkie Chloe wird zwar geweckt, die in eine Story rund um Superschurken Sohn Hutch (Ian Quinlan) verwickelt wird, aber in letzter Konsequenz lässt man die absolute Steilvorlage aus Millars Werk ungenutzt, weil man zu viel unnötige Screentime in stinklangweilige Flashbacks verschwendet. Chloes Storyline dürfte in einer etwaigen zweiten Staffel sehr viel spannender werden, nur ist es im Jahre 2021 eben kein Automatismus mehr, dass diese tatsächlich folgen wird...

In den „Jupiter's Circle“-Bänden des Comics werden zudem Geschichten der Union aus den 1960ern erzählt, die eine schöne Hommage an die alten Silver-Age-Comics darstellen und bisweilen einzelnen Mitglieder ins Zentrum stellen, für die es bisher ebenfalls keinen Platz gab.

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Licht und Schatten

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So spannend einiges auf dem Papier wirkt, so langatmig wird das stellenweise präsentiert. In den Folgen drei und vier hatte ich große Motivationsprobleme beim Gucken, weil die Unterhaltung auf der Strecke blieb. Man könnte sagen, dass man leider schon im Auftakt das Pulver verschießt und dabei nicht mal einen richtig guten Eindruck hinterlässt. Dort findet nämlich die größte Superheldenszene im Kampf gegen Blackstar statt. Doch hier werden auch die Schwächen in der Ausstattung überdeutlich.

Die Kostüme mögen zwar wie in der Comicvorlage aussehen, aber das ist gleichzeitig auch ein Problem, denn sie sehen stellenweise wahnsinnig albern und billig aus, wenn man sich mal die Kollegen aus dem Superheldenkino von DC oder eben besonders Marvel anschaut. Obwohl ich durchaus Gefallen am Arrowverse habe, spielt „Jupiter's Legacy“ im Kostümdesign und bei den Effekten eher in der The CW-Liga. Die Kampfchoreografie spielt stellenweise sogar darunter. Da muss man sich als kritischer Zuschauer die Frage stellen, ob das heutzutage noch ausreicht. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass hier einige schon genug gesehen haben, weil es eben deutlich spannendere Alternativen mit höherem Budget und besserem Writing gibt. Das ist deswegen so ärgerlich, weil Millar als Autor eigentlich immer wieder beweist, dass in der Kürze die Würze liegt. Die Folgen sind glücklicherweise selten auf eine volle Stunde aufgebläht, sondern eher zwischen 40 und (selten bis zu) 55 Minuten lang.

Eine weitere große Hürde für den Otto Normalzuschauer: Das Make-up, das die Helden der ersten Generation älter erscheinen lassen soll. Ganz so schlimm wie bei Clint Eastwoods „J. Edgar“ ist es wahrscheinlich nicht, aber haarscharf dran. Mit der Zeit gewöhnt man sich vielleicht daran, aber überzeugend ist eben anders. Der zottelige Langhaar-Look von Sheldon in der Gegenwart hat ihm schon nach der Veröffentlichung des Trailers einige hämische Kommentare beschert - und das völlig zu Recht. Natürlich zollt man hier der Comicvorlage Tribut, die ihre Geschichte ebenfalls auf so lange Zeit ausbreitet, nur ist das Endresultat eben nicht überzeugend gelungen.

Generell muss ich insgesamt leider feststellen, dass mich die Leistung des Casts ziemlich kaltlässt. Durch die Bank weg sind die schauspielerischen Leistungen auf einem Niveau aus mittelklassigen Networkserien ohne charismatische Performances, die einen vergessen lassen, was man da gerade schaut. Manche Zuschauer werden sich vielleicht wundern, wie dreist einige Figuren an altbekannte andere angelehnt sind, aber das ist im Superheldenbereich ja noch durchaus üblich. Besonders Grace als Lois-Lane-Verschnitt in den Flashbacks fällt hier sicherlich auf. Von Utopian selbst muss man da natürlich nicht sprechen... Das sehe ich aber eben nicht als zusätzlichen Kritikpunkt.

In späteren Folgen inszeniert man einige Superheldenszenen mit Dutch Angles, also schrägen Kamerawinkeln, die eigentlich schon bei „Batman 66“ abgedroschen wirkten. Wenn das eine Hommage sein soll, dann leider eine, die wenig gelungen ist und zum altmodischen, bisweilen verstaubten Eindruck beiträgt.

Die Macher versuchen, in den einzelnen Episoden eine Art Cliffhanger zum Dranbleiben zu präsentieren, nur leider ist der häufig zum Einschlafen... Wenn er dann auch noch mit den Flashbacks zu tun hat, ist er zusätzlich sowieso verschenkt, weil man immer wieder die Hoffnung hat, dass endlich das Ziel der Reise in Sicht ist, um dann doch noch eine weitere quälende Folge damit abzuliefern. Obwohl also schon eine recht kurze Staffel produziert wurde, finden sich hier zahlreiche alte Netflix-Schwächen (besonders im Pacing) wieder, was wirklich bedauerlich ist. Die deutlich interessante Gegenwartshandlung kommt in meinen Augen leider entschieden zu kurz.

Die Finalfolge, die jeder ohne Spoiler entdecken sollte, präsentiert dann einen Twist, der erneut deutlich macht, dass es sich bei der Season eigentlich nur um einen langen Prolog handelt - nimmt damit aber ein zentrales Element aus den Comics in abgewandelter Form auf. Ich kann ein Stück weit verstehen, warum man nicht das Originalende einbaut. Dennoch würde dieses deutlich mehr Lust auf eine Fortsetzung machen, weil manche Figuren noch nicht so weit in ihrer Entwicklung sind. Das hätte allerdings geklappt, wenn man auf rund die Hälfte der Flashbacks verzichtet hätte...

Fazit

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Netflix - © Netflix

So sehr ich die Comicvorlage zu Jupiter's Legacy mag, so wenig gelingt es, ihren Reiz auf die Netflix-Serie zu übertragen. Das liegt an der Ausstattung, der Besetzung und vor allem an dem einschläfernden Tempo der Serie. Superheldenproduktionen sind einfach im Jahr 2021 oftmals schon auf einem höheren Niveau angesiedelt. The Boys, Invincible, Superman & Lois, Watchmen oder der Output des MCU sind hier meiner Meinung nach deutlich vorzuziehen, denn bis auf den Generationenaspekt bietet das Format leider kaum Neues.

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Jupiter's Legacy“ auf Netflix:

Du kannst die Serie Jupiter's Legacy jetzt sofort bei Netflix streamen.

Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 7. Mai 2021

Jupiter's Legacy 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Jupiter's Legacy 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Im frühen Morgengrauen
Titel der Episode im Original
By Dawn's Early Light
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. Mai 2021 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 7. Mai 2021
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 7. Mai 2021
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 7. Mai 2021
Autor
Steven S. DeKnight
Regisseur
Steven S. DeKnight

Schauspieler in der Episode Jupiter's Legacy 1x01

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