
© (c) BBC
Der BBC ist mit Jonathan Strange & Mr Norrell ein großer Wurf gelungen. US-Fantasyserien der letzten Zeit, die sich nicht auf „Shame of Drones“ reimen (ich gucke in deine Richtung, Syfy), könnten sich sehr wohl eine Scheibe davon abschneiden. Die erste Episode mit dem Titel The Friends of English Magic ist jedenfalls ein fantastischer Start für einen hoffentlich insgesamt noch zauberhafteren Siebenteiler. Die Romanvorlage von Susanna Clarke ist mir übrigens nicht bekannt, weshalb ich keinerlei Vergleiche zum Buch anstellen werde. Ich kann schließlich nicht zaubern.
Why is magic no longer done in England?
Anfang des 19. Jahrhunderts ist man sich in der alternativen Realität dieser Geschichte durchaus darüber bewusst, dass es einmal Magie gegeben hat. Allerdings wurde seit 300 Jahren kein Zauberspruch mehr bewirkt, weshalb die Society of Magicians aus Yorkshire lediglich aus theoretischen Magiern besteht, deren Studien höchstens ein umfassendes Wissen über die Zauberkunst hervorbringen. Wahren Zauber zu vollführen gilt mittlerweile als unmöglich, und bereits Versuche in diese Richtung sind als albern und frivol verschrien. Es gibt jedoch jene, die sich damit nicht abfinden wollen. So etwa der junge Segundus (Edward Hogg), der den gelehrten Mr. Norrell (Eddie Marsan) ausfindig macht, dem dank einer umfassenden Bibliothek zum Thema Magie angeblich das Zaubern gelingen will.
Die Gentlemen aus der Zaubergesellschaft sind wenig zuversichtlich, dass sie, seiner Einladung folgend, tatsächlich etwas unmögliches präsentiert bekommen. Mr. Norell ist sich seiner Fähigkeiten jedoch dermaßen sicher, dass er einen Vertrag aufsetzen lässt, der ihm gebietet, sich nicht länger als Magier bezeichnen zu dürfen, sollte ihm kein Kunststück gelingen. Dies gilt gleichermaßen für die Herren Theoretiker, sofern diese Zeugen eines Wunders werden. Was im Folgenden geschieht, wird später als Miracle of York bekannt: Im örtlichen York Minster werden durch Mr. Norrells Zauberei die Steinstatuen zum Leben erweckt, was gleichzeitig das Ende der Society of Magicians bedeutet. Nur der aufgeschlossene Segundus hatte das Abkommen nicht unterzeichnet.

Andernorts läuft es für die zweite Titelfigur, Jonathan Strange (Bertie Carvel), nicht ganz so wie am Schnürchen. Der Tunichtgut hat Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden und darf keine Unterstützung von seinem unbarmherzigen Vater erwarten. Einzig seine Geliebte Arabella (Charlotte Riley) scheint zu ihm zu stehen, möchte nur, dass er glücklich ist und kann ihn gerade noch davon abhalten, einen zeitlich ungünstig platzierten Heiratsantrag auszusprechen. Das Schicksal meint es jedoch gut mit Jonathan. Der grausame Herr Papa wird in der Nacht von einer aus Sturheit selbst verschuldeten Kälte dahingerafft und dem jungen Strange kommt unverhofft das Anwesen zu.
Mr. Norrell ist mit seinem Dienstboten Childermass (Enzo Cilenti) unterdessen nach London umgesiedelt, um beim Kriegsminister vorstellig zu werden und ihm seine magischen Dienste im Kampf gegen Frankreich anzubieten. Der junge Politiker Sir Pole (Samuel West) hat allerdings weder Verständnis für Magie noch Verwendung für derlei Scharlatanerie auf dem Schlachtfeld. Straßenmagier, die Glücksbringer und Zaubersprüche an die Gutgläubigen verkaufen, haben nicht gerade zum guten Ruf des Zaubererstandes beigetragen. Und Norrell ist nicht gerade jemand, den man als charismatischen Überzeuger bezeichnen würde. Von einer Party, die ihm zur Ehre gegeben wird, verdrückt er sich klammheimlich und weigert sich auch hier, Zauberkunststückchen wie ein Zirkusaffe vorzuführen - auch wenn es dem Glauben an wahre Magie sicher nicht schaden würde.
The name of one shall be fearfulness, the name of the other arrogance
Auf der Flucht vor seinen Gästen begegnet ihm schließlich einer jener marktschreierischen Staßenzauberer. Der zerzauste Vinculus - gespielt vom stets wundervollen Paul Kaye - scheint zunächst nicht alle Tassen im Schrank zu haben. Er faselt etwas vom sogenannten Raven King, dessen Buch und einer Prophezeiung, die von der Rückkehr der Magie spricht. Zwei Zauberer sollen diese in die Wege leiten. Einer von ihnen furchtvoll, der andere arrogant - und beide werden scheitern. Dass hinter dem Mann und seinen Aussagen doch mehr stecken könnte, wird spätestens klar, als Childermass ihm einen Besuch abstattet, mithilfe von Tarotkarten die wahren Intentionen des Straßenmagiers zu orakeln versucht und dann mit einem wahrlich unmöglichen Kartenkunststück konfrontiert wird.
Zwei Zaubersprüche, mit denen Norrells Handlanger bewaffnet war, landen während der Begegnung im Besitz des Raven-King-Predigers, der diese zum Anwesen von Jonathan Strange trägt. Es kann eben nicht schaden, der Prophezeiung ein wenig nachzuhelfen und so verkauft er die beiden Papierfetzen an den jungen Mann. Jonathan hatte sowieso keine große Lust, die Verwaltung des Anwesens als Hauptbeschäftigung zu übernehmen. Da kommt ihm der neue Karrierepfad gerade recht. Trotzdem ist er natürlich erstaunt, als sein erster - vermutlich nur halb ernst gemeinter - Versuch im Zaubern gelingt. Ein Spiegel soll ihm einen Blick darauf gewähren, was sein Feind gerade treibt... und zeigt Mr. Norrell.
Als dieser im Begriff ist, aus London abzureisen, kommt ihm zu Ohren, dass Lady Pole (Alice Englert), die Frau des Ministers, ihrer Krankheit erlegen ist. In einem letzten Versuch, Magie wieder als seriös zu etablieren, lässt sich der Magiekundige dazu hinreißen, einen gefährlichen Zauber auszuprobieren und die Verstorbene wieder ins Reich der Lebenden zurückzuholen. Der Zauberspruch beschwört allerdings ein elfenhaftes Wesen (nur The Gentleman genannt und von Marc Warren gespielt), dessen Auftritt so spät in der Pilotepisode und trotz allerlei Gerede von Magie nur als befremdlich beschrieben werden kann. Das Zauberwesen bietet an, Lady Pole wiederzubeleben, wenn er dafür die Hälfte ihrer noch übrigen Lebenszeit erhält. Norrell, der offensichtlich Respekt vor der Situation hat, lässt sich auf den Handel ein und ein weiteres Wunder, das bald darauf auf die Straßen Londons herausgeschrien wird, ist geschehen.

Fazit
Jonathan Strange & Mr Norrell legt einen glanzvollen Start hin und weiß zum einen durch wundervolle Kostüme und Sets, zum anderen durch die unterschiedlichen Charaktere, die dazu fantastisch besetzt sind, zu begeistern. Noch ehe sich die Herren Strange und Norrell in der Geschichte begegnen, kann vorausgeahnt werden, dass die Kombination aus Bertie Carvels gewitztem Aufschneider und Eddie Marsans verkopftem Buchnerd in den kommenden Episoden eine brillante Charaktermischung abgeben könnte. Die Welt und deren Einstellung zur Magie wird erklärt und durch die Erwähnung des Raven Kings gleichzeitig ein ominöses Mysterium geschaffen. Die Zaubereffekte im York Minster sahen nicht übel aus, aber insgesamt kam der Eindruck auf, als hätte die Szene in Buchform besser funktioniert.
Wie bereits erwähnt kam das Erscheinen des Gentleman am Schluss etwas überraschend, was vermutlich auch am Look des magischen Wesens lag, das sehr nach Maske aussah. Und auch das Kostüm, das aus einer Aufführung von „Peter Pan“ oder „Ein Sommernachtstraum“ stammen könnte, hat nicht gerade zur Magie der Szene beigetragen. Die gesamte Produktion kommt zwar von Beginn an mit einem kleinen Augenzwinkern daher und möchte offensichtlich auch ein wenig schräg und verträumt sein, aber dieser Stilbruch wirkte auf mich, als hätte jemand den falschen Hasen aus dem Hut gezaubert. Apropos zaubern: Man möchte Mr. Norrell schon ein bisschen schütteln. Zuerst will er nicht einmal ein kleines Zauberkunststück darbieten, um den Minister auf seine Seite zu bekommen, doch dann greift er als nächsten Schritt gleich zu Nekromantie?
Abgesehen davon kann ich sagen, dass ich nach der ersten Episode bereits voll an Bord bin und mit Sicherheit auch die übrigen sechs Kapitel der Serie verfolgen werde. Wie oft sind uns schon zwei gute Fantasyserien gleichzeitig vergönnt?