Jessica Jones 1x13

Vor gut einer Woche hatte „ich“ nach der Sichtung der ersten sieben Episoden von Jessica Jones in meiner Kolumne davon geschrieben, dass dies das erwachsenste Format ist, das das Marvel Cinematic Universe (MCU) bisher hervorgebracht hat. Nachdem ich nun die erste Staffel in Gänze gesehen habe, gilt das immer noch. Vielleicht sogar noch mehr. Die Superheldenserie, die sich nicht wie eine solche anfühlt, verhandelt äußerst sensible Themen so bedächtig und sorgfältig, dass wir daraus sogar noch etwas lernen können.
This bitch is in control now
Dabei schafft es das Format von Showrunnerin Melissa Rosenberg, sich nie didaktisch anzufühlen. Sie stellt die Comic- und Film-Noir-Elemente immer dann in den Vordergrund, wenn die schwierigen Themen Überhand zu nehmen drohen. Das bedeutet indes nicht, dass sie vor diesen Themen zurückscheuen würde - im Gegenteil. Es dürfte schwierig sein, in diesem Jahr eine Dramaserie zu finden, die so aufgeklärt mit den Themenkomplexen Vergewaltigung, Trauma und Sex umgeht. Die Kollegen des amerikanischen Online-Magazins Vulture haben darin gleich 20 Elemente gefunden, die im MCU zum ersten Mal vorkommen.
Bevor wir jedoch tiefer in diese Materien eintauchen, wollen wir uns der Handlung der Premierenstaffel widmen. Am Ende schafft es die von Krysten Ritter wunderbar gespielte Jessica Jones, ihren Widersacher, den von David Tennant ebenso wunderbar gespielten Gedankenmanipulator Kilgrave, zu besiegen. Die Finalepisode AKA Smile ist eine der besten der gesamten Staffel, was vor allem auch am hervorragend inszenierten und noch besser geschriebenen Showdown liegt. Hier wird der aufregende Schlusspunkt unter ein Katz-und-Maus-Spiel gesetzt, das bisweilen drohte, sich in der eigenen Redundanz zu verlieren.
Vielleicht ist das der größte Kritikpunkt an der ersten Staffel - es war schlicht nicht genug Geschichte vorhanden, um 13 Episoden zu füllen. Zehn Folgen wäre wohl die bessere Anzahl gewesen, denn dann hätte man sich manch Handlungsbogen sparen können, der nur dazu gemacht schien, Kilgrave wiederholt aus auswegloser Lage zu befreien. Hierzu gehören zum Beispiel die aufrührerischen Anwandlungen von Jessicas Nachbarin Robyn (Colby Minifie), die die Kilgrave-Selbsthilfegruppe darauf einschwört, Jessicas Wohnung zu überfallen. Ähnliches gilt für den Versuch der knallharten Anwältin Jeryn (Carrie-Anne Moss), Kilgrave aus seinem schallisolierten Gefängnis zu holen.

Als reines Plotelement fühlte sich denn auch Will Simpson (Wil Traval) an, der in Rekordzeit die Gesichter wechselte. Erst war er Kilgraves Lakai, dann der Verbündete von Jessica und ihrer Schwester Trish (Rachael Taylor), dann wieder eine Hürde auf dem Weg zur finalen Konfrontation. Glücklicherweise steht am Ende dieses Erzählstrangs aber eine der besten Kampfszenen der Staffel, als Jessica und Trish den mit einer Kampfdroge aufgeputschten Angreifer gemeinsam außer Gefecht setzen.
Teamwork, right? I read about that somewhere
Überhaupt machen die Kampfszenen eine erfreuliche Entwicklung durch. Zu Beginn der Staffel hatte es noch den Anschein, als hätten Rosenberg und Konsorten kein gesondertes Interesse daran, mitreißende Kämpfe zu inszenieren (was auch kein großes Problem gewesen wäre, schließlich hatte man sich dezidiert dazu entschieden, keine klassische Superheldenserie zu drehen). Die erwähnte Auseinandersetzung und der gewalttätige Konflikt zwischen Jessica und ihrem Liebhaber Luke Cage (Mike Colter) im Konzertsaal konnten jedoch auch dieses Zuschauerverlangen befriedigen - wenn auch nicht ganz auf dem Niveau des Netflix-Kompagnons Daredevil.
Was mir in diesem Zusammenhang nachteilig für einen Konsum in Binge-Watching-Form erschien, war das Ansinnen der Serie, Kilgraves furchteinflößende Unbarmherzigkeit so oft und so brutal wie möglich zu verbildlichen. Hätte ich mir die Episoden im klassischen Wochenrhythmus zu Gemüte geführt, wäre das wohl nicht so stark ins Gewicht gefallen. Kurz nacheinander geschaut wirkt Kilgraves Zeichnung als sadistischer Über-Bösewicht jedoch überfrachtet. Die Befehle, die er seinen (Selbst-)Mordopfern - sogar seinen eigenen Eltern - aufträgt, sind selbst für einen hartgesottenen Serienjunkie ohne Furcht vor Blut, Innereien oder abgetrennten Körperteilen bisweilen nicht ganz einfach hinzunehmen.
Aufgefangen wird das durch Tennants wunderbar nuanciertes Spiel, die seine Figur eben nicht in der Ecke des überzeichneten supervillains verharren lässt, sondern auch ihm diverse Traumata zuschreibt. Eine Entschuldigung für seine verabscheuungswürdige Verhaltensweise ist das jedoch nie - er bleibt über den gesamten Verlauf der Staffel der unbedingt zu besiegende Vergewaltiger von Körper und Geist. Seine unbeugsame Obsession für Jessica wird ihm schließlich zum Verhängnis, als sie ihm vorspielt, wieder in seinem Bann gefangen zu sein, nur um ihm in einem unachtsamen Moment endgültig den Garaus zu machen.

Im fantastischen Klimax am Pier kulminieren die interessantesten Entwicklungen der Staffel. Die entfremdeten Schwestern Trish und Jessica finden dabei wieder zusammen und zerstören gemeinsam die Quelle ihrer Traumata. In Jessicas zerstörter Wohnung wartet indes eine Bekannte aus der ersten Netflix-Marvel-Serie Daredevil darauf, dass Luke Cage aus seinem Koma erwacht. Für diejenigen Zuschauer, die mit Jessica Jones neu ins MCU eingestiegen sind, dürfte der hochrangige Gastauftritt von Rosario Dawson als Superhelden-Krankenpflegerin Claire Temple eine merkwürdige Überraschung gewesen sein. Für alle anderen indes ein sinnvoller Verknüpfungspunkt dieser beiden Formate.
Two of a kind
Überdies ist es herrlich mitanzusehen, wenn sich zwei begabte Schauspielerinnen wie Dawson und Ritter die spöttelnden Dialogbälle zuspielen. Die Serie schafft es über ihren gesamten Verlauf, die vielen äußerst düsteren Szenen (wozu neben dem Selbstmord von Kilgraves Mutter auch derjenige von Hope (Erin Moriarty) zählt) mit witzigen Passagen aufzuhellen. Für die ist Ritter wie geschaffen - kaum eine andere Darstellerin kann diesen trockenen, beißenden Humor besser. Am Ende ist Jessica in den Augen der Öffentlichkeit die Superheldin, die sie niemals sein wollte. Passenderweise kehrt da auch das Voice-over zurück, das nie so richtig zur Serie passen wollte: „Maybe it's enough that the world thinks I'm a hero.“
Nun sitzt sie also in ihrer verwüsteten Wohnung (deren Eingangstür kurz vor Ende der Staffel in Erfüllung eines niedlichen Running-Gags erneut zerstört wurde) und schaut angewidert auf ihr pausenlos klingelndes Handy, bevor ihr Nachbar Malcolm (Eka Darville) abnimmt und sich als ihr Sekretär bewirbt. Es ist eine nette Ausgangskonstellation für eine noch nicht bestellte zweite Staffel, die ich mir alleine wegen Ritter anschauen würde, auch wenn darin mit Kilgrave ein signifikanter Teil fehlen würde. Jessica Jones ist eine so faszinierende Figur, dass sie eine weitere Staffel problemlos alleine schultern könnte.
In der achten Episode, AKA WWJD?, wird ihr vermutetes Trauma schließlich zum realen. Darin spricht sie zum ersten Mal aus, dass sie von Kilgrave nicht nur seelisch, sondern auch körperlich vergewaltigt wurde: „Not only did you physically rape me but you violated every cell in my body and every thought in my goddamn head.“ Jessica ist jedoch eine Überlebende, die sich nicht von ihrem Trauma definieren lässt. Sie wird Kilgrave nie verzeihen, sie wird seine Misshandlungen nie vergessen, aber gleichzeitig setzt sie alles daran, sich nicht seiner Methoden bedienen zu müssen, um ihn zu besiegen.

Besagte Szene spielt sich in Jessicas Elternhaus ab, das sich Kilgrave unter den Nagel gerissen hat, um dort das Objekt seiner Begierde wieder auf seine Seite zu ziehen. Nachdem Jessica ihren Peiniger beschuldigt hat, entspinnt sich ein Streit, der auf erschreckende Weise die Mechanismen im echten Leben widerspiegelt, wenn eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Sie hat Recht mit ihren Anschuldigungen, doch er streitet sie ab und behauptet einfach, dass es in ihrer früheren Beziehung (zu der er sie gezwungen hatte) niemals eine Vergewaltigung gegeben habe.
Pain is always a surprise
Als sie realisiert, dass er mit Hope das gleiche getan hat, kennt sie nur noch das Ziel, Beweise für seine übernatürlichen Kräfte zu finden. Auch hier wird die Erfahrung von Vergewaltigungsopfern auf beängstigende Weise gespiegelt - die Verzweiflung, jemanden davon zu überzeugen, dass eine Vergewaltigung stattgefunden hat (vor allem, wenn es keine physischen Beweise gibt), und die damit einhergehende emotionale Verrohung, Ermüdung und Frustration. Jessica kennt all diese Gefühle und will deshalb nur eines: andere davor beschützen.
Dank dieses Porträts selbstloser Stärke und überlebten Traumas wird aus der Comicverfilmung mehr als nur eine Flucht aus der Realität - sie wird zu einem „realistischen, kathartischen Narrativ für Überlebende“, wie Pilot Viruet in Flavorwire schreibt. Dafür spricht auch der sehr aufgeklärte Umgang mit körperlicher Lust. Die vielen Sexszenen zwischen Jessica und Luke befriedigen keine männliche Pornofantasie, sondern zeigen Sex, wie er wirklich ist - und vor allem, wie er Frauen Spaß macht.
Die Aufgeklärtheit erstreckt sich überdies auf die Vielfalt im Ensemble. Hier werden nicht nur Schauspieler unterschiedlicher Hautfarben eingesetzt, es wurden auch Figuren als homosexuell geschrieben, die in der Comicvorlage keine waren. In einem Handlungsstrang wird sogar alltäglicher Rassismus thematisiert, was für das MCU ebenso eine Premiere ist wie die vielen Sexszenen. Am Ende lässt sich eine ganz einfache Botschaft herausdestillieren, die wohl nicht ganz zufällig von einer weiblichen Führungsfigur stammt: Wenn wir zusammenhalten, aufeinander aufpassen und Rücksicht auf die Befindlichkeiten unserer Nächsten und Übernächsten nehmen, sind wir alle besser dran.
Das mag pathetisch klingen, passt aber zu dieser tollen Super-Antiheldenserie, die in einer simplen Wahrheit kulminiert: „I love you.“
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 27. November 2015(Jessica Jones 1x13)
Schauspieler in der Episode Jessica Jones 1x13
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