Jekyll & Hyde 1x01

Acht Jahre, nachdem Steven Moffat (Sherlock, Doctor Who) und BBC One mit James Nesbitt als Jekyll eine wahrlich moderne Interpretation von „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ ablieferten, nimmt sich ITV des Stoffes an und präsentiert mit Jekyll & Hyde eine Fortsetzung der Geschichte, die sich mit dem Enkelsohn des Hauptcharakters aus der Originalnovelle beschäftigt.
Direkt nach der Ausstrahlung machte die Serie bereits Schlagzeilen, denn vielen Eltern waren einige Szenen für den Sendeplatz um 18.30 Uhr zu brutal. Was sich in der ersten Episode abspielte und zu über 800 Beschwerden führte, schauen wir uns mal genauer an.
It's not magic, it's medicine
Nach einer 1885 spielenden Introszene mit dem zähnefletschenden Ur-Hyde, von der ich noch immer nicht ganz sicher bin, ob sie ernst gemeint war oder zum Lachen sein sollte, lernen wir unseren Protagonisten Dr. Robert Jekyll (Tom Bateman) kennen, der in Indien als Arzt tätig ist und abgesehen von gelegentlichen Anfällen, die ihm Superkräfte verleihen (Dr. Hulk SMASH!), ein guter Junge und anständiger Mediziner ist.

Aufgezogen wurde er von Dr. Najaran (Ace Bhatti), den er als seinen Vater ansieht, doch, als ein Brief aus England kommt, muss Robert sich erstmals mit seiner Vergangenheit und seinen Wurzeln auseinandersetzen. So macht er sich nach London auf, um Angelegenheiten des Nachlasses seiner Familie zu klären. Von seinem Ziehvater erhält er vor der Reise noch den Mantel seines biologischen Vaters, der die Initialen L. H. trägt.
A man within a man
In der englischen Hauptstadt statten drei Gasmasken tragende und bewaffnete Gentlemen einem Wesen mit dem Körper eines Tiers und dem Kopf eines Menschen - dem titelstiftenden Harbinger (Dee Tails) - einen Besuch ab. Das Monster prophezeit die baldige Ankunft einer mächtigen Person, ehe die Männer es töten und ihrem Boss, Colonel Roger Bulstrode (Richard E. Grant), Bericht erstatten.

Bei all dem vorliegenden overacting ist Grant der einzige Darsteller, der sich die überzogene Performance leisten kann und von dem ich gar nichts anderes erwarte. Auch ist seine Rolle die mit Abstand vielversprechendste: Er ist das Oberhaupt des Geheimdienstes Invisible Men, welcher sich wie eine Art viktorianische Men in Black, S.H.I.E.L.D. oder Torchwood um übernatürliche Wesen und deren Verschleierung kümmert. Liebes ITV, können wir die ganze Story mit Gollum-Boy bitte vergessen und eine ganze Serie über Richard E. Grant und seine Ghoul Busters bekommen?
In London angekommen darf Jekyll Jr. anhand einiger Hafenganoven seine Superkräfte demonstrieren und rempelt dort außerdem in das designierte love interest der Serie hinein. So unelegant wurde selten eine Figur eingeführt. Lily (Stephanie Hyam) stößt regelrecht zufällig mit der Hauptfigur zusammen und das ist ihr Ticket in die Geschichte. Beim Sohn des kürzlich verstorbenen Anwalts von Henry Jekyll erfährt Robert schließlich, dass sein Großvater sein Vermögen einem gewissen Edward Hyde hinterlassen hat und dass es sich bei seinem Vater um dessen Sohn - Louie Hyde (L. H.) - handelt, der im Krieg von einem gewissen Dr. Najaran gerettet wurde.
A very confused young man
Zu Hause in Indien bekommen die Eltern unterdessen unangenehmen Besuch von Captain Dance (Enzo Cilenti), der mit rabiaten Methoden hinter dem Aufenthaltsort ihres Sohnes her ist. Den wollen die Eltern partout nicht preisgeben und sterben dafür einen ziemlich unnötigen Tod, da sie nämlich just in diesem Moment Roberts Postkarten in den Händen halten. Notwendig für die Story ist das Ableben der Eltern allerdings schon, denn die schlechten Nachrichten aus Indien sind es, die seine erste Transformation in Hyde Jr. triggern.

Ausgestattet mit Glamrocker-Eyeliner spaziert der frischgebackene Bad Boy ganz Western-like in einen Saloon, um dort für Unruhe zu sorgen. Der Bartender (Donald Sumpter) scheint irgendwie zu wissen, was es mit ihm auf sich hat (hält er etwa jeden unangenehmen Zeitgenossen in seiner Bar für einen Hyde-Hulk?) und rettet ihm das Leben, indem er Roberts Wut schürt, nachdem er bei einer Schlägerei ein Messer in den Rücken bekommen hat. Ein Hoch auf wutgesteuerte Superkräfte.
Fazit
Die Beschwerden der ITV-Zuschauer müssen eher auf die frühe Uhrzeit geschoben werden, denn besonders brutal ist Jekyll & Hyde nicht unbedingt und was gezeigt wird, wird von mittelmäßigen Spezialeffekten und einem äußerst irritierenden Slow-Motion-Gimmick in Actionszenen überschattet. Ob Tom Bateman einen brauchbaren Jekyll/Hyde abgibt, lässt sich bisher schwer beurteilen. Der Darsteller scheint jedenfalls Spaß an der Rolle zu haben, auch wenn mitunter Flashbacks zu „Dark Peter Parker“ aus „Spider-Man 3“ in mir aufkamen. Außerdem besteht seitens der Autoren große One-Liner-Gefahr im Hyde-Modus.
Viel interessanter und potentiell abwechslungsreicher wäre wie gesagt eine Serie nur über Richard E. Grants Figur und die Geheimorganisation Invisible Men gewesen, die auch übernatürliche Wesen rekrutiert, aber natürlich weniger Wiedererkennungswert hat als ein Klassiker der Horrorliteratur. Angesichts der bereits existierenden und lohnenswerteren Serien Penny Dreadful und Jekyll sehe ich nach der ersten Stunde dieser Story leider nur wenige Gründe, dranzubleiben.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 31. Oktober 2015Jekyll & Hyde 1x01 Trailer
(Jekyll & Hyde 1x01)
Schauspieler in der Episode Jekyll & Hyde 1x01
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