Japan sinkt: Review der Netflix-Pilotepisode

Japan sinkt: Review der Netflix-Pilotepisode

Der stilistisch zügellose Animeregisseur hinter Titeln wie Devilman Crybaby und Night Is Short, Walk on Girl bleibt optisch bodenständig, während er mit Japan sinkt einen berühmten Katastrophenroman für Netflix adaptiert. Wie sehr der Auftakt erschüttert, erfahrt Ihr im Pilotreview.

Japan sinkt (c) Netflix
Japan sinkt (c) Netflix
© apan sinkt (c) Netflix

Masaaki Yuasa ist eine der spannendsten und identifizierbarsten Stimmen im Animebereich. Während der Regisseur vor Jahren noch durch seinen Mindfuck-Animefilm „Mind Game“ bekannt war und sich unter dem Radar kleineren Serien wie dem Sporttitel „Ping Pong“ widmete, wurde die Welt 2018 im großen Stil auf ihn aufmerksam, als er mit Devilman Crybaby eine überraschend emotionale Neuinterpretation des apokalyptischen Action-Animes von Go Nagai ablieferte - das war übrigens die erste waschechte Netflix-Eigenproduktion im Bereich Anime. Nach dem ebenfalls fantastischen „Keep Your Hands of Eizouken!“ aus der Anime-Winter-Season 2020 meldet er sich nun mit seinem vorerst letzten Projekt, das er als Präsident seines Animationsstudios Science Saru inszeniert hat, zurück: eine Adaption des japanischen Katastrophenromans Japan sinkt von Sakyo Komatsu, von dem es bereits mehrere Verfilmungen und sogar eine Parodie gab.

Yuasas Netflix-Orignal „Japan sinkt: 2020“ verliert in der ersten Episode Der Anfang vom Ende keinerlei Zeit, das Land der aufgehenden Sonne untergehen zu lassen. Dass wir es wieder mit einem zerschmetternden Stück Animationsdrama zu tun bekommen, lässt schon das schmerzhaft schöne Opening vermuten, das den Alltag der Familie Muto aufzeigt, von dem in ein paar Minuten nichts mehr übrig sein wird. Frau Muto ist gerade im Begriff, auf dem Haneda-Flughafen zu landen, während ihr Mann mit der Arbeit am Olympiastadion beschäftigt ist, Tochter Ayumu mit ihrem Sportteam den Staffellauf trainiert und Sohnemann Go zu Hause Videospiele zockt. Dann kracht ein ziemlich schweres Erdbeben über Tokio herein, was keine Seltenheit für die Metropole ist. Go schaut nicht mal von seinem Spiel hoch, doch das Gerüttel sollte nur ein Vorbote sein...

Netflix
Netflix - © Netflix

Kurz darauf leuchten sämtliche Mobiltelefone Japans mit einer dringenden Warnung der Regierung auf. Ein Nachbeben? Der gruselige Geniestreich an „Japan sinkt“ besteht unter anderem darin, keine Szenen aus so etwas wie der nationalen Unwetter- und Erdbebenzentrale zu zeigen, in der Expertinnen und Experten die Frühwarnzeichen auswerten. Wir werden völlig unbedacht und damit wie die Bevölkerung dieses Katastrophen-Animes direkt ins Geschehen geworfen, das nach nur acht Minuten mit dem verheerenden zweiten Beben aufwartet, das unglaubliche Verwüstung in ganz Japan anrichtet.

Im Gegensatz zu anderen Projekten von Yuasa hält sich die Charakter-Animation stilistisch zurück und sieht beinahe wie ein gewöhnlicher Anime aus, nur dass die Figuren angenehm realistisch erscheinen und nicht nur aus elfenhaften Nymphen bestehen. Im Gegensatz dazu werden Menschen allen Alters und jeglicher Körperform dargestellt. Umso mehr tobt man sich in den Szenen der Zerstörung aus, die aber weniger auf Blockbusterschauwert und mehr auf reales Drama abzielen. Falls man außerhalb Japans nicht sofort an das schicksalhafte Tohoku-Erdbeben von 2011 denkt, das die Atomkatastrophe von Fukushima verursacht hat, erinnert eine Figur im Hintergrund mit einer Dialogzeile daran.

Wie durch ein Wunder kommen alle vier Familienmitglieder der Muto-Sippe mit nicht mehr als einem Kratzer davon und versuchen, sich zu Hause zu versammeln. Als Ayumu dort nur Trümmer vorfindet, bemerkt sie am Shinto-Schrein die exzentrische Beleuchtung, mit der ihr Vater einst den eigenen Garten hat aufleuchten lassen. Durch diesen Trick findet sich die Familie am Gipfel des Hügels ein und erlebt einen kurzen, aber notwendigen Verschnaufmoment. Nur quält sich Ayumu mit der Tatsache, ihre Sportkameradinnen verletzt zurückgelassen zu haben... und dann regnet es plötzlich Leichen vom Himmel.

Fazit

Japan sinkt beweist nicht gerade gutes Timing. Schließlich fühlt sich die Welt durch die Corona-Pandemie ohnehin apokalyptisch an und in Japan hat es erst letzte Woche schlimme Überschwemmungen gegeben, nach denen Hunderttausende ihr Heim verlassen mussten. Katastrophenfantasien und zerstörerische Gedankenexperimente heben wir uns eigentlich für Zeiten auf, in denen man Unglücke dieser Art bereits durchgestanden hat. Aber auch ohne diesen Extraballast weiß Yuasas Adaption des klassischen japanischen Untergangsromans in der ersten von zehn Folgen und in weniger als 30 Minuten zu erschüttern. Vielleicht keine große Überraschung für jene, die den (auf sehr andere Art) schockierenden Auftakt seiner Devilman Crybaby-Interpretation gesehen haben...

Mit Familie Muto als Ankerpunkt werden wir direkt ins Verderben geworfen, das sogar in der ersten Episode schon die obligatorische Zerstörung des Tokyo Tower beinhaltet. Kleinste menschliche Dramen spielen sich währenddessen an den Seiten und im Hintergrund ab, wenn die Menschen zum Beispiel kurz nach dem Erdbeben um Vorräte kämpfen oder an öffentlichen Telefonen Schlange stehen, weil das Mobilnetz offline ist. Die herzige Verschnaufpause am Ende der ersten Episode war bitter nötig, aber vermutlich geht es von hier aus nur noch bergab...

Hier noch der Trailer zur neuen Netflix-Serie „Japan sinkt“:

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