Jane the Virgin 1x22

Jane the Virgin 1x22

Die Telenovela-Persiflage Jane the Virgin von The CW war vielleicht die größte Überraschung der gerade ausgehenden TV-Season. In Chapter 22 findet die erste Staffel nun einen gebührenden Abschluss, endet aber mit einem diskussionswürdigen Cliffhanger.

Jane (Gina Rodriguez) und ihre Familie sind überglücklich über den Nachwuchs. / (c) The CW
Jane (Gina Rodriguez) und ihre Familie sind überglücklich über den Nachwuchs. / (c) The CW
© (c) The CW

Schon zu Beginn des Jahres entschied sich das US-Network The CW, seiner damals noch blutjungen Serie Jane the Virgin eine weitere Staffel zu gönnen. Das Ende der ersten Staffel dürfte Showrunnerin Jennie Snyder Urman erst danach geplant haben, ist dies doch ein schockierender Abschluss, der nicht so richtig in den bisherigen Verlauf der Serie passen will.

There are many Jesus Christs. There is only one Jane

Schon der Auftakt dieser Telenovela-Persiflage (bisweilen auch -Hommage) konnte vor allem dank des ausgezeichneten Ensembles überzeugen. Die Episode bewies einmal mehr, dass man Serien niemals nach ihrem Namen beurteilen sollte. Im Verlauf der ersten Staffel konnte das Format dann seine Stärken konsolidieren und seine Schwächen in den Griff bekommen. Unglaublich, wie viel Spaß man hier haben konnte - und wie traurig, mitreißend und dramatisch das alles gleichzeitig war!

Alles an Jane the Virgin schreit aus voller Kehle „TELENOVELA“; und doch schafft es die Serie, ihre Geschichten in realistischen Charaktermotivationen einzubetten. Es ist genreverändernd, wie dieses Format erzählt. Der fantastische Sprecher Anthony Mendez ist eine eigene Figur, die am meisten dazu beiträgt, die Erzählung nicht in echte Telenovela-Gefilde abgleiten zu lassen. Er sorgt mit seinen sprachlichen Interventionen stets für genug Selbstreflexion, dass man die dramaturgischen Kalamitäten als Zuschauer augenzwinkernd hinnehmen, sich bisweilen sogar an ihnen erfreuen kann.

Als Jugendlicher habe ich ein paar Jahre lang die RTL-Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten geschaut. Heute würde ich es keine Sekunde mehr aushalten, dort zuzusehen. Dabei unterscheiden sich die Handlungsbögen nicht allzu sehr von denen in Jane the Virgin. Bei „Jane“ dienen sie aber nur als Leinwand, um kohärente Charaktergeschichten zu erzählen - und das gelingt in der ersten Staffel nahezu ausnahmslos. Dabei müsste man eigentlich schon bei der Prämisse mit den Augen rollen. Eine jungfräuliche Vorzeigestudentin, die aus Versehen mit dem Sperma ihres ehemaligen Schwarms inseminiert wird? Nein, danke! Eigentlich.

Schwierige Entscheidung © The CW
Schwierige Entscheidung © The CW

Bei dieser Prämisse hat der Wahnsinn selbstredend nicht Halt gemacht. Es ging immer so weiter, es gab kriminelle Untergrundorganisationen, Schönheitschirurgen, die Verbrechern ein neues Gesicht verpassten, korrupte Polizisten, geheime Zwillinge, ins Koma Gefallene und Amnesie Erleidende, verloren geglaubte Eltern und überraschend auftauchende Kinder. Das alles war aber nur sehr professionell eingesetztes Hintergrundrauschen - genau wie die poppigen Farben, die makellosen Körper, der immerblaue Himmel.

We don't know anything about boys

Im Zentrum all dieser Verwerfungen steht Jane Villanueva (Gina Rodriguez), die einen stringenten Lebensplan verfolgt, der fortan an jeder erdenklichen Abzweigung torpediert wird. Ihre Großmutter Alba (Ivonne Coll) hat ihr einst das Versprechen abgerungen, mit dem ersten Sex bis zur Ehe zu warten, und weil Jane so gewissenhaft ist, will sie dieses Versprechen auch unbedingt halten. Alba ist gläubig und nimmt ihrer Enkelin aus religiösen Gründen dieses Versprechen ab, aber diese Konnotationen spielen in der Serie allenfalls eine tangentiale Rolle.

Hier wird nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geurteilt, hier wird nicht moralisiert und missioniert. Es gibt einen Grund, warum sich Jane dem Sex entzieht, ja - aber dieser Grund hat für den Fortlauf der Geschichte kaum noch eine Bedeutung. Es geht fortan eher um wichtigere, praktischere Fragen, die der Lebensrealität dieser Figuren entspringen: Soll Jane das Baby überhaupt behalten? Wen soll sie heiraten - Rafael (Justin Baldoni) oder Michael (Brett Dier)?

Soll sie überhaupt heiraten? Will sie überhaupt mit einem dieser beiden zusammen sein? Wäre sie nicht viel besser im Frauenverbund ihrer Familie aufgehoben? Das ist nämlich eine weitere bemerkenswerte Errungenschaft dieser Serie: Sie stellt drei Frauen in ihr Zentrum, die zwar von Männern umkreist werden, die wichtigsten Entscheidungen aber nur miteinander fällen. Es sind stets Rafael und Michael, die als dramaturgische Steigbügelhalter für Jane dienen. Trotzdem haben auch sie eigene Geschichten, eigene Gefühle und eigene Lebensrealitäten. Überhaupt sind die Nebencharaktere in Jane the Virgin allesamt mit einem komplexen Emotionshaushalt und eigenen Handlungsbögen ausgestattet.

#BestDude © The CW
#BestDude © The CW

Das gilt sogar für eine Witzfigur wie Rogelio - hinreißend komisch gespielt von Jaime Camil. Er ist zumeist für den comic relief zuständig, bekommt aber genug Charakterisierung, um ganz allein für emotionale Augenblicke zu sorgen. Das geschieht meist im Zusammenspiel mit Janes Mutter Xiomara (Andrea Navedo), die selbst ein gewichtiger Grund dafür ist, warum Jane so lange mit Sex warten will. Aus ihr hätte ebenfalls leichte eine reine Witzfigur werden können. Aber auch sie hat eigene Träume, Wünsche, Vorstellungen, Geschichten.

The fact that you don't know why I'm upset makes me doubly upset

Einfach wunderbar, wie erwachsen sich diese vor Bonbonfarben beinahe berstende Serie politisch und gesellschaftlich sensiblen Themen annimmt. Jane zieht nach der ungewollten Schwangerschaft ernsthaft in Erwägung, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Das sorgt bei ihrer gläubigen Großmutter natürlich für helle Aufregung, doch führt sie ihre Argumentation nie mit religiösem Furor, sondern stets mit dem Wohlergehen ihrer Enkelin im Hinterkopf. Jane lässt sich von Mutter und Oma beraten, kommt dann aber selbst zu einer informierten, wohlüberlegten Entscheidung.

Wir können die misslichen Situationen, in die sie ständig gerät, bestens nachvollziehen, was die Serie trotz allen Telenovela-Popanz so realistisch macht. Hier müssen echte Menschen echte Probleme bewältigen. Das bedächtige Drehbuch und die hervorragenden Schauspieler verhindern dabei, dass all diese bisweilen überzogene Handlungsbögen ins Melodramatische abrutschen. Und dann kommt noch hinzu, dass Jane the Virgin unheimlich witzig sein kann - hauptsächlich wegen Rogelio und dem Sprecher, aber oft genug auch wegen Jane und Xiomara und Alba und Rafael und Michael und Petra (Yael Grobglas).

Das Ende der ersten Staffel ist indes überhaupt nicht witzig. Janes Neugeborenes wird von einer Handlangerin der großen Bösewichtin Rose aka Sin Rostro (Bridget Regan) entführt. Für mich ist das ein viel zu dramatischer Abschluss einer Staffel, die sich bisher nicht an solch dramatische Tiefschläge gewagt hat - und dies vielleicht auch nicht sollte. Bei aller Liebe für dramatische Stoffe: Ich habe Jane the Virgin bislang nicht als Serie wahrgenommen, die sich brutalen Themen wie Kindesentführung annimmt.

Es ist nun leider das Ende, mit dem wir leben müssen. Ich hoffe einfach, dass dieser Kurs zu Beginn der zweiten Staffel schnell korrigiert wird. Eine Steigerung der dramatischen Elemente würde die Serie verändern - ich bin mir nicht sicher, dass sie dann noch genauso unterhaltsam wäre. Die Autoren- und Produktionsteams haben sich mit dieser tollen ersten Staffel aber einen ausreichend großen Vertrauensvorschuss erarbeitet, um ihnen zutrauen zu können, auch aus einer solch schwierigen Thematik das Beste herauszuholen.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 13. Mai 2015

Jane the Virgin 1x22 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 22
(Jane the Virgin 1x22)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel zweiundzwanzig
Titel der Episode im Original
Chapter Twenty-Two
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 11. Mai 2015 (The CW)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 14. September 2015
Autoren
Josh Reims, Jennie Snyder Urman
Regisseur
Zetna Fuentes

Schauspieler in der Episode Jane the Virgin 1x22

Darsteller
Rolle
Yael Grobglas
Ivonne Coll
Jaime Camil

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