Jaguar: Kritik zum Start der spanischen Netflix-Serie

© zanenfoto aus der Serie Jaguar (c) Netflix
Mehr als zehn Jahre nach dem genreprägenden Tarantino-Streifen „Inglourious Basterds“ zeichnen sich Nazi-Jäger:innen als neuer Trend im Serienbereich ab. Nach dem umstrittenen Amazon-Drama Hunters (2020) mit Al Pacino legt Netflix nun mit der spanischen Eigenproduktion Jaguar nach. Das Format wurde von den Produzenten Ramon Campos und Gema R. Neira entwickelt, die als Duo schon Las Chicas del Cable (zu Deutsch: „Die Telefonistinnen“) oder Velvet kreiert haben.
Mit der Pilotepisode, die hierzulande den Titel Das Haus trägt, ging am gestrigen Mittwoch, den 22. September nun die sechsteilige Auftaktstaffel von Jaguar auf Sendung. Weil es sich um eine Netflix-Serie handelt, sind natürlich auch die fünf übrigen Folgen schon online (allesamt sogar in deutscher Synchronisation). Wir haben den Auftakt für Euch gesichtet und sind positiv überrascht von dem hochwertig produzierten period piece aus Spanien.
Dabei sollte die Überraschung gar nicht mal so groß sein, immerhin hat sich Spanien als Netflix-Außenstelle längst an der Spitze etabliert. Man denke nur an Erfolgsformate wie Haus des Geldes, Elite, Sky Rojo und selbstverständlich Las Chicas del Cable. Da kann Deutschland nur neidisch hinterherschauen...
Worum geht's?
Die Geschichte spielt 1962 in Madrid. Während der Großteil Europas von den Faschisten befreit wurde, herrscht in Spanien weiter Franco. Kein Wunder also, dass die iberische Halbinsel vielen flüchtigen Nazis aus Deutschland und Österreich als Unterschlupf dient. Ein fiktiver NS-Verbrecher namens Otto Bachmann (Stefan Weinert) hat ein ganzes Netzwerk aufgebaut, das seinen ehemaligen Komplizen helfen soll, nach Spanien zu fliehen. Der Name der Operation lautet Odessa.
Was Bachmann nicht weiß: Er wurde längst enttarnt. Eine unscheinbare Kellnerin, die in einem deutschen Restaurant arbeitet, hat eine ganz persönliche Verbindung zu ihm. Er war es nämlich, der ihren Vater damals im Konzentrationslager Mauthausen ermordet hat. Isabel Garrido, gespielt von Blanca Suarez (Las Chicas del Cable), ist logischerweise die Heldin der Geschichte. Mit Rattengift will sie Bachmann und seine Nazi-Freunde schnellstmöglich außer Gefecht nehmen. Doch dann macht ihr eine mysteriöse Gruppe einen Strich durch die Rechnung...

Eine actionreiche Verfolgungsjagd nimmt ihren Lauf. Die Serie Jaguar zeigt hier, wie breit sie sich aufstellen will: einerseits die ernsthafte Dokumentation der schrecklichen Verbrechen Deutschlands während der Zeit des Nationalsozialismus, andererseits eine unterhaltsame Story mit fiktiven Helden und durchchoreografierten Kampfszenen. Beim eingangs erwähnten Tarantino-Streifen „Inglourious Basterds“ überwog damals klar der Unterhaltungsfaktor, bis die historische Genauigkeit sogar absichtlich verworfen wurde, während Amazon mit Hunters (2020) beide Elemente ungeschickt vermischt hat, was unter anderem Kritik der Gedenkstätte Auschwitz auslöste (wir berichteten).
Netflix' Jaguar wiederholt diesen Fehler - zumindest in der Auftaktfolge - nicht, denn die Vergangenheit und Gegenwart bleiben getrennt voneinander. So kann die Serie sowohl verantwortungsvoll mit dem sensiblen geschichtlichen Hintergrund umgehen als auch ein paar Actionszenen einbauen. Zumal es sich die Eigenproduktion aus Spanien auch aus philosophischer Sicht nicht so einfach macht, wie die amerikanischen „Hunters“. Denn Isabel muss abwägen, ob ihr persönlicher Wunsch nach Rache wirklich wichtiger ist als das große Ganze. Wenn sie Bachmann umbringt, stirbt auch die letzte Chance, die anderen Nazis aufzuspüren und sie vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Das ist das Ziel der mysteriösen Gruppe, von der ihr Attentat sabotiert wurde: Sie wollen einen spanischen Nürnberger Prozess.
Wie ist es?
Kurzum: Die spanische Nazi-Jäger-Serie Jaguar macht von Anhieb einen sehr viel seriöseren Eindruck als Hunters (2020) damals. Außerdem beweisen die Showrunner Campos und Neira, dass sie trotzdem coole Held:innen haben können. Die Pilotepisode ist sehr direkt in Sachen Exposition und Vorbereitung. In knapp 40 Minuten bereitet sie die Bühne für eine vielversprechende Staffel. Nachdem die Protagonistin Isabel (Blanca Suarez) schon ziemlich gut charakterisiert ist, können wir uns nun auf ihre neuen Freunde konzentrieren. Allen voran Ivan Marcos (Farina - Cocaine Coast) als Anführer Lucena weckt natürlich Interesse. Oder auch der Youngster Oscar Casas (Einmal Hexe...) als Nachwuchs-Nazi-Jäger Castro.
Perspektivisch muss Jaguar wahrscheinlich aufpassen, weiterhin die schwierige Balance zu halten. Mit überstilisierten Badass-Momenten wie ganz am Ende der ersten Episode, wenn der Animals-Song „House of the Rising Sun“ ertönt und Isabel in Zeitlupe zum Team stößt, sollte sich die Serie tendenziell zurückhalten. Allgemein ist zu hoffen, dass die Action im Lauf der Staffel nicht Überhand gewinnt, was sicher auf Kosten der Charakterarbeit ginge. Dafür ist auch die grundlegende Prämisse zu kostbar, denn viele Zuschauer:innen dürften überhaupt zum ersten Mal erfahren, dass sich deutsche Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg so in Spanien aufhalten konnten.
Hier abschließend der Trailer zur neuen Serie Jaguar beim Streamingdienst Netflix:
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