
© ??Iron Fist“ / (c) Marvel/Netflix
2013 verkündeten Marvel und Netflix einen Mega-Deal über gleich fünf Serien zu den Street-Level-Heroes aus New York. Seitdem haben wir schon Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage in Action erlebt und nun gesellt sich auch Iron Fist dazu, während bald Marvel's The Defenders und Punisher folgen werden.
Während Daredevil schon durch den ersten Film einige Bekanntheit hatte, gelten die anderen Figuren für das gemeine Volk wohl eher als B-Figuren, die man vorher nicht kannte, wenn man nicht mit Marvel vertraut ist, doch bisher lieferte die Zusammenarbeit zumindest interessante Ansätze in wechselnder Qualität ab. Persönlich halte ich „Daredevil“ für die stärkste Serie, gefolgt von Jessica Jones und dann „Luke Cage“.
Meine Erwartungen an „Iron Fist“ waren begrenzt optimistisch, denn was man von der Serie erwartet, liefert „Daredevil“ eigentlich bereits ab: Kompromisslose, stylisch choreographierte Kämpfe, die für TV-Verhältnisse bahnbrechend sind. So blieb „Iron Fist“-Showrunner Scott Buck die Wahl: Versucht man das Ganze noch zu toppen, steuert man in eine Richtung, die fernöstliche Kung-Fu-Elemente zelebriert oder versucht man die „realistische“ Version und konzentriert sich auf den Business-Aspekt? Leider ist letztes der Fall, was die Serie - zumindest im Piloten Snow Gives Way und den ersten sechs Episoden - zu einer Enttäuschung werden lässt.
Die Prämisse von „Iron Fist“
Im Zentrum steht Danny Rand (Finn Jones, Game of Thrones). Bei einem Flug mit seinen Eltern, stürzt die Maschine über den Himalayas ab. 15 Jahre lang gelten die drei für die Öffentlichkeit als tot. Das lässt das Firmenimperium in der Hand vom Mitgründer Harold Meachum (David Wenham) und dessen Kindern Joy (Jessica Stroup) und Ward (Tom Pelphrey). Für die Öffentlichkeit gilt Harold zum Start der Serie ebenfalls als verstorben, weswegen die Kinder die Firma Rand Enterprises leiten, die unter anderem mit Pharma-Geschäften ihr Geld macht.
Danny kehrt überraschend nach New York zurück: barfuß, ungewaschen und konfus und möchte mit der Firmenleitung sprechen, doch sowohl die Security als auch seine alten Freunde und Weggefährten glauben seine Geschichte nicht. Warum auch? 15 Jahre sind eine lange Zeit, er sieht komplett anders als in ihrer Erinnerung aus und benimmt sich merkwürdig. Das Verhalten passt nicht in die rauhe New Yorker Geschäftswelt. Also wird er herausgeworfen und versucht nun irgendwie doch glaubhaft zu machen, dass er wirklich Danny ist und bemüht sich darum Ereignisse abzurufen, die nur er kennen kann und ihn so legitimieren.
Warum er verschwunden ist, wird auch angedeutet: Er hat den Flugzeugabsturz überlebt, wurde von Mönchen im sagenumwobenden Ort K'un Lun aufgelesen und in der mystischen Kampf-Kunst unterwiesen. Er hat sich den Titel des größten Kriegers erworben: The Immortal Iron Fist, Beschützer von K'un Lun und Feind von Hydra und möchte nun diesem Feind die Stirn bieten und die Leitung der Firma in eine andere, gerechtere Richtung lenken.
Eine große Rolle spielt auch Colleen Wing (Jessica Henwick), einer Martial-Arts-Lehrerin, die im Park Werbung für ihr Dojo macht. Schnell erkennt er die Courage der jungen Frau und möchte ihr und ihrer strauchelnden Kampfschule helfen und vielleicht sind auch Hormone im Spiel.
Castingfehlgriffe

Die Marvel Studios sind besonders im Filmbereich sehr gut, was das Casten der Rollen angeht. Robert Downey Jr., Chris Evans, Chris Pratt oder Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Scarlett Johansson, Hayley Atwell oder Zoe Saldana sind bei den Blockbustern kaum wegzudenken, während die Castings von Charlie Cox, Jon Bernthal, Vincent D'Onofrio, David Tennant, Mike Colter oder Krysten Ritter im TV-Seqment sich als größtenteils perfekt erwiesen haben und sich beliebig fortsetzen ließen.
Das trifft auf Finn Jones als Danny Rand und große Teile des Supporting Casts, mit Ausnahme von Jessica Henwick leider nicht zu und auch die sympathische Colleen-Wing-Darstellerin kriegt bisweilen Material, das sie zur passiven Figur macht, die stärker dargestellt werden könnte. Jones fehlt leider das Charisma eines Leading Man, er wirkt hölzern und es mangelt an Bildschirmpräsenz und dem gewissen Etwas. Es ist einfach zu generisch und nichtssagend.

Auch die Meachum-Zwilling sind nicht gerade die spannendsten Supporting-Figuren, die Marvel bisher eingesetzt hat. Bei Ward trifft nahezu das gleiche zu, wie bei Rand, nur das er ein eindimensionaler und unsympathischer Antagonist ist. Joy ist derweil zwiegespalten und gefangen zwischen Familienloyalität und dem Kindheitsfreund, den sie zunächst abstößt, sich ihm später aber öffnet. Schauspielerisch werden sie nicht großartig gefordert, liefern somit also auch nichts erinnerungswürdiges ab.
Anders bei den Vorgängern: Cox fängt die Dualität seiner Figur Matt Murdock auf beeindruckende Art und Weise ein, Colter ist als Cage zwar kugelsicher, aber innerlich doch verletzlich und hadert mit seiner Heldwerdung, Ritter ist als Jones gebrochen, traumatisiert und „abgefuckt“, Finn muss einen privilegierten, reichen Menschen spielen, der zum Retter wird -„Batman“ oder „Doctor Strange“ lassen grüßen, doch die Serienmacher tun sich schwer damit, uns bei „Iron Fist“ ein Gefühl für seinen Verlust zu liefern. Darüber hinaus arbeiten sie nach dem Motto tell und don't show, was dazu führt, dass manche Informationen auf unspannende Art und Weise quasi über Dritte vermittelt werden, statt uns etwa Training oder Montagen zu zeigen. Viel lieber verbringt man dann Szenen in bürokratischen Firmensitzungen und mit unsympathischen und-+ antagonistischen Figuren.
Boring Fist

Sicherlich liegen die Schwächen in der Figurendarstellung auch am Drehbuch, das zu wünschen übrig lässt und im Piloten keine rechte Spannung aufbauen kann. Neben den langweiligen Firmensitzungen werden wir Zeuge von Kämpfen, die auf dem Niveau einer schwachen Arrow-Staffel sind und denen man - anders als bei Daredevil - viel zu sehr den Einsatz von Stuntmen ansieht. Es gibt wenig im Serienpiloten das neu, spannend oder sonderlich innovativ ist oder einen Grund liefert, direkt weiterzuschauen. Vielmehr begeht dieser Auftakt die Todsünde eines Serienpiloten: Er ist einfach unsagbar langweilig.
Besonders der Fakt, dass ein Martial-Arts-Held in Zeiten von „The Raid“, Into the Badlands, Daredevil und selbst Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. Kämpfe abliefert, die auf dem Niveau von vor 10 oder 15 Jahren liegen, schmerzt wenn man weiß, was bei der Konkurrenz und zwar intern und extern möglich ist und was die Comicvorlage im Prinzip gratis als Inspirationsquelle liefert.
Als Beschützer von K'un Lun sollte „Iron Fist“ ein formidabler Kämpfer sein, der normale Feinde mühelos ausschaltet, doch genau das ist nicht der Fall und das ist merkwürdig und raubt der Figur viel der Glaubwürdigkeit. Sicherlich könnte man damit argumentieren, dass es einen langsamen Aufbau zu einem großen Finale geben muss oder dass die Figur gegen normale Gegner eher ökonomisch und wenig flashy kämpft, das ist aber in Zeiten von Peak-TV und Peak-Superhelden-TV keine Ausrede für langweilige Inszenierung und wird vor allem nie innerhalb der Serie etabliert oder so artikuliert.
In späteren Verlauf bessert sich die Kampfinszenierung zwar leicht etwa durch Cage-Fights und auch durch die Schurken wird ein wenig Härte reingebracht, allerdings ist das lange nicht die Referenz, die man sich ausgemalt hätte. Schade ist, dass man Finn Jones kein dezidiertes Kampftraining gegönnt hat und in seinen Szenen am ehesten durch Schnitte zu kaschieren versucht, dass er es nicht selbst kämpft, sondern ein Stuntman.
Das Pacing ist ein weiteres Problem, das den Sehgenuss trübt. Kaum ist Danny da, wird er nämlich durch ein Plot-Device wieder aus dem Verkehr gezogen und plötzlich kommt alles zum Stilstand - viel zu früh und unnötig. Warum man mehrere Episoden dafür aufbringen muss um zu beweisen, dass er derjenige ist, der er behauptet zu sein, will nicht in meinen Kopf rein. Allerdings haben wir ähnliche Mechanismen auch schon in anderen Marvel-Netflix-Serien gesehen, so bei Luke Cage, der verletzt und angeschossen durch die Gegend streift oder Jessica Jones, wo die Serie in der Mitte der Staffel etwas an Fahrt verliert. Doch nirgends kommt die Handlung so langsam in die Gänge wie hier. Zwar steigert sich die Qualität der Serie, besonders in Episode 5 und 6, aber der Pilot macht keinen guten Ersteindruck, was wirklich schade ist.
Den Zuschauer unterfordern

Ungeschickt ist zumindest stellenweise der Umgang mit dem Wissen der Zuschauer im Zusammenhang mit den anderen Marvel-Serien, da tauchen Namen, wie die Hand auf und ein Feind, der schon in Daredevil eine Rolle spielte, der allen sofort schon beim Klang der Stimme ein Begriff sein könnte und es dauert bis Folge fünf, bis die Autoren die große Offenbarung in Szene setzen. Es ist ihnen anzurechnen, dass sie auch Neu- oder Quereinsteiger abholen wollen, die treuen Zuschauer denken sich aber sicherlich, was diese unnötige Geheimniskrämerei soll.
Unweigerlich baut man so auch Marvel's The Defenders auf, wo die Solohelden und Teile des unterstützenden Casts aufeinandertreffen werden, aber man könnte den Zuschauern auch etwas mehr Fähigkeit zu Abstraktion und Verständnis einräumen.
Kritisieren muss ich auch das Gefühl, das pro Folge relativ wenig von Bedeutung passiert, was aber auch mit dem langsamen Tempo zu tun hat, das wohl zur Atmosphäre beitragen soll, aber es funktioniert nicht. Ein Running Gag ist, dass Danny Rand nicht für voll genommen wird oder man sich über ihn lustig macht und leider möchte man in den Chor der Kritiker innerhalb der Serie einstimmen, die Figur scheint nicht spannend oder konfliktgetrieben zu sein, um das Interesse der Zuschauer zu wecken.
Es wird kaum bis gar nicht deutlich was Danny Rand eigentlich möchte. Die Serie postuliert nämlich keine vollwertige These, was er mit der Rückkehr nach New York bezweckt. Dauernd wird gesagt es geht nicht um Geld, aber irgendwie schwebt ihm schon vor wieder an der Firma beteiligt zu sein und in einer Szene der vierten Episode, sieht man auch die wohltätige Seite in Rand. Doch wenn noch nach sechs Episoden nicht klar ist, was die Motivation oder das Ziel ist (außer die Hand zu zerstören), dann fühlt man sich beim Zuschauen unerfüllt.
Fazit

Eine Art Hippie-Batman mit mystischen Kampfkünsten und glänzender Faust kann sicherlich unterhaltsam sein (Hallo Lasko!) und vielleicht sind die verbleibenden sieben Episoden der ersten Staffel auch besser als der Anfang, allerdings muss man dann schon bei 50 bis 60 Minuten pro Folge einen langem Atem beweisen. Manchmal ist weniger in der Erzählung eben auch Gold wert.
Die Serienmacher konzentrieren sich in meinen Augen auf die langweiligsten Elemente, die die Figur in der Folge ausmachen. Wenn ich eine Superheldenserie einschalte, dann will ich keine Firmenquerellen sehen, sondern in fremde, exotische Welten, wie es K'un Lun eben ist, entführt werden und Dinge sehen, die sich meiner Vorstellungskraft entziehen. Mythen und Magic Marvel Moments, aber nicht Verhandlungen über Subventionierungen von Medikamenten und das ewig lange Herauszögern von Information, die der Zuschauer schon lange hat, der Rest der Figuren aber aus willkürrlichen Gründen nicht glauben will.
Der Pilot ist dabei klar die schwächste Folge, die Folge sechs würde ich bisher am stärksten bewerten und vier Sterne verteilen, weil wir dort eine erste richtige Herausforderung sehen, der sich Danny mit seinem einzigartigen Skill stellen muss. Vorher liegt die Bewertung eher darunter. Der Auftakt kriegt, aus den genannten Gründen mit Mühe und Not 2,5 Sterne.
Somit ist Iron Fist - zumindest in den vor der Besprechung zur Verfügung gestellten sechs Episoden - die schwächste Marvel-Serie von Netflix.
Trailer zu „Iron Fist“:
Nachfolgend: Spoilerintensiver Ausblick auf die weiteren Folgen.
Ausblick - Vorsicht! Ab hier explizitere Spoiler zu den Folgen 2 bis 6

Warum genau Showrunner Scott Buck sich dazu entscheidet nicht K'un Lun als Handlungsort, zumindest für ausgedehntere Flashbacks zu wählen, erschließt sich mir nicht. Die Hintergrundgeschichte Dannys bleibt deswegen blass, klischeebeladen und uninspiriert. De facto unterscheidet sich die Inszenierung des Flugzeugabsturzes nur wenig von dem, den man in „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ sieht, nur das eben Danny dabei ist. Die Flashback-Fetzen und seine Backstory, erinnern wie bereits erwähnt an Arrow oder Batman sind aber so nebensächlich eingestreut, das einem das völlig egal ist, was hier vorgefallen ist, wobei es der faszinierendste Aspekt sein könnte. So muss man sich auf Hörensagen und Behauptungen verlassen. Es wird behauptet Iron Fist ist der krasseste Kämpfer, eine lebende Legende, doch einen Beweis was das bedeutet, bleibt man uns schuldig. Selbst der hier oft erwähnte Daredevil scheint ein besserer Kämpfer zu sein, als Danny, nur hat der eben keine schnieke eiserne Faust.

Gut finde ich, dass man die Verbindung zwischen den einzelnen Netflix-Marvel-Serien aufrecht erhält und Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss), deren Vorlage ohnehin im Comic bei Iron Fist beheimatet ist, als seine Anwältin zum Einsatz kommt, während Maskottchen Claire (Rosario Dawson) natürlich auch nicht fehlen darf und ganz „zufällig“ dann erscheint, wenn man eine fähige Night Nurse braucht und die Charaktere per Exposition in gewisse heldenhafte Richtungen lenken muss.
Auf der Schurkenseite ist es Madame Gao (Wai Ching Ho), die die Pfade mit Danny kreuzt, mit K'un Lun und früheren Iron Fists vertraut ist und ihm in Episode sechs, Immortal Emerges From Cave mühelos überlistet und wegstoßen kann, während er seine Wunden leckt. Ob sie der Big Bad der Staffel ist und bleibt, ist nach sechs Episoden noch nicht abzusehen, doch die Verbrecherqueen, die groß im Heroinbusiness ist, könnte theoretisch auch ein Feind im Defenders-Kaliber sein. Als Schurkin hat sie auf jeden Fall Potential und mir sagt ihre geheimnisvolle Aura und ihr Hang zu handgeschnitzten Einladungen zu. Durch Gao und der Organisation die Hand, mit der sie in Verbindung steht, steigt auch der Gewaltgrad um einiges an. Immerhin kann man sich in dieser Hinsicht freuen, dass Marvel hier weiterhin keine Kompromisse macht und Zartbesaitete wieder aufpassen sollten, ob sie von Schwertern durchbohrte und abgetrennte Köpfe sehen wollen.
Nun ist nur noch die Frage: Wo führt das ganze hin? Diese Antwort bleiben uns die sechs Episoden schuldig. Bleibt nur zu hoffen, dass der Rest der Staffel besser wird und sich eher an Daredevil, als am Finale von Luke Cage orientiert.
Sterne-Fazit nach dem Pilot: Zweieinhalb.
Sterne-Fazit nach sechs Episoden: Drei bis dreieinhalb.