Irma Vep 1x08

© oster zur Serie Irma Vep - hier unser Review zur Miniserie. (c) HBO
Die amerikanisch-französische HBO-Miniserie Irma Vep von A24 tauchte schon in zwei unserer Bestenlisten des Jahres auf und dürfte unter den Topserien der ersten Jahreshälfte das obskurste Geheimtippformat sein. Mein Kollege Bjarne hatte auch schon in SJ-Therapie 6x09: Irma Vep und die Nischenserien, die niemand sieht darüber geschrieben. Nun ist die erste und einzige Staffel abgeschlossen und ging genauso unaufgeregt zu Ende, wie damals die Vorlage von Olivier Assayas, der seinen eigenen Experimentalfilm über Remakes noch einmal in Form einer Remake-Serie umsetzte. Doch nur, weil handlungstechnisch nicht viel passiert ist, heißt das nicht, dass nicht eine Menge drinsteckt, über das es sich zu reden lohnt.
Life imitating art imitating life imitating art...
In der „Irma Vep“-Filmvorlage aus dem Jahr 1996 spielt Maggie Cheung sich selbst als Hong-Kong-Actionstar, der nach Paris kommt, um die Hauptrolle in einem Remake des französischen 1915er Serial-Stummfilmklassikers „Les Vampires“ („Die Vampire“) zu übernehmen. Leinwandlegende Musidora stellte darin besagte Irma Vep (ein Anagramm von vampire) als Anführerin einer notorischen Ganovenbande dar. Der authentisch und beinahe dokumentarisch wirkende Film weckt Erinnerungen an „Die amerikanische Nacht“ von Francois Truffaut und auch Rainer Werner Fassbinders „Warnungen vor einer heiligen Nutte“ nannte Assayas als Inspiration.

Die „Irma-Vep“-Serie beginnt mit derselben Prämisse wie die Vorlage, aber mit Alicia Vikander („Tomb Raider“, „The Green Knight“) als amerikanische Schauspielerin namens Mira Harberg, die sich nach dem kommerziellen Erfolg mit einem Marvel-mäßigen Comicblockbuster an ein ernsthafteres Prestigeprojekt wagen möchte und in die Hauptstadt Frankreichs reist. Dort arbeitet der sensible, langsam in Vergessenheit geratene Regisseur Rene Vidal (Byron Bowers) an einem ambitionierten Serien-Remake von „Les Vampires“, nachdem er den Stoff in den 90ern schon einmal mit einer asiatischen Hauptdarstellerin und geringeren Mitteln in Angriff genommen hatte.
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Vor lauter Metaebenen kann einem hier schon mal schwindelig werden, sie dienen aber nicht nur dem prätentiösen Selbstzweck. Assayas verarbeitet hier unter anderem sehr persönlich seine Beziehung zum Thema Film und Filmindustrie im Allgemeinen, zu seinem ehemaligen Projekt im Speziellen und noch intimer: die zerbrochene Ehe mit seiner damaligen Hauptdarstellerin Cheung, mit der er nach dem Dreh einige Jahre verheiratet war. Seinem fiktiven Stand-in-Charakter Rene erscheint seine damalige Hauptdarstellerin Jade Lee (Vivian Wu) deshalb im Laufe der Handlung als geisterhafte Erscheinung, der er noch so viel zu sagen hat, wozu er damals nicht mehr die Gelegenheit bekommen hatte.
Die schwarze Magie des Filmemachens
Gleichzeitig geht es neben sehr realistischen Irrungen und Wirrungen an einem stressigen Filmset um die Metaphysik des Filmemachens. Mira, die neue Irma Vep, und Regisseur Rene unterhalten sich etwa an einer Stelle über jene Geister, die ein Filmset und ihre Darstellenden heimsuchen, während die ambitionierte Assistentin Regina (Devon Ross) an den experimentellen Filmemacher Kenneth Anger und seine Thesen von Filmen als satanische Riten erinnert - Filme als schwarze Magie, mit welcher Luzifer heraufbeschwört werden kann. Nicht als böser Teufel, sondern als Lichtgestalt der projizierten Illusionen. Mit dieser Kombi aus Industrie-Insiderblick und kunstvoller Besprechung von Filmen als magische Träume wirkt die Serie beinahe wie eine Mischung aus der voyeuristischen Business-Serie Succession und David Lynchs surrealen Hollywood-Nachtmahren „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“.
Als besonders kunstvoller Kniff werden alte Szenen aus dem Stummfilm-Serial mit den neu gedrehten Neufassungen für die Remake-Serie kombiniert und sind thematisch mit den Episoden verknüpft, die wiederum nach Segmenten des Serials benannt sind. Zum Beispiel in Folge vier namens The Poisoner, wenn es innerhalb der fiktiven Erzählung der Vampire um ein Gift geht und Mira von dem Medienmogul hinter der Produktion dazu angehalten wird, ihr Konterfei für eine lukrative Parfumwerbung herzugeben. So geht es auch immer wieder um die Integrität von Filmen als Kunstform versus Produkt und Unterhaltungsmassenware sowie die Verantwortung und den Wert von Remakes.

Obendrein nimmt Assayas Themen wie whitewashing, kontroverse Vergewaltigungsszenen oder toxische Persönlichkeiten am Set auf, ohne konkrete Antworten oder konklusive Meinungen auszuformulieren. An dieser Stelle müssen wir ganz dringend auch über Miras deutschen, schwulen, jedoch homophoben, drogensüchtigen, prätentiösen, anstrengenden Co-Star Gottfried reden. Er ist schrecklich, er ist der schlimmste Kollege, den man sich vorstellen kann, er ist absolut unentschuldbar - er ist perfekt! Schauspieler Lars Eidinger, den man aus dem Tatort, Sense8 oder Babylon Berlin kennt, hat sich hier wahrlich ein Denkmal gesetzt mit dieser toxischen wie stylischen Type, die jedes Mal die Schau stiehlt, sobald sie auf dem Bildschirm erscheint. Seine Figur spielt das kriminelle Mastermind Juan-Jose Moreno in all seiner diabolischen Pracht.
In dieser Serie über ein Serienremake, das selbst ein Remake über einen Film über ein Remake ist, gesellt sich dann noch eine Metaebene hinzu, wenn die Schauspieler:innen nicht nur ihre fiktiven Stars und Crewmitglieder spielen, sondern plötzlich auch ihre historischen Gegenstücke - Musidora und ihren damaliger Regisseur Louis Feuillade. Diese eingestreuten Fun-Facts-Szenen sollen nicht nur eine weitere Verschachtelung aufmachen, sondern vor allem auch daran erinnern, was für ein Pionierarbeitsabenteuer das Filmemachen vor der großen Industrialisierung der Kunstform war.
Die Geister, die er rief
Viel mehr hat man natürlich von all dem, wenn man vorher den 90er-Jahre-Film gesehen hat, denn einige Szenen und Ideen spiegeln sich in der Serie wider. Zum Beispiel, wenn die Kostümdesignerin Zoe (Jeanne Balibar) wie ihr damaliges Pendant in einen Drogen-Subplot verwickelt wird, wenn der Regisseur erneut an seinem Projekt verzweifelt und sich tagelang aus dem Staub macht oder wenn die Hauptdarstellerin sich in ihrer Rolle verliert und fast wirklich zur Catsuit-tragenden Irma Vep wird, die sich auf nächtliche Ganovinnenstreife über die Dächer von Paris begibt...
Die Serie geht allerdings noch einen Schritt weiter und lässt Mira als Irma geradezu übernatürlich durch Wände schreiten, wodurch sie ihre Mitmenschen ausspionieren kann. Das hat aber weniger mit Superkräften und nicht einmal mit magical realism zu tun, sondern spielt in die Besprechung des oben erwähnten Konzepts hinein - der Geist von Irma Vep sucht regelrecht die Serie über die Serie heim. Gleichzeitig scheint die „reale“ Mira während der Zeit der Dreharbeiten eine Art Zauber zu umgeben, denn so gut wie jede Person - von der älteren Kostümbildnerin über ihren mittlerweile vergebenen Exfreund Eamonn (Tom Sturridge), ihre Exfreundin Laurie (Adria Arjona), mit der sie eine eher kontrollierende Beziehung hatte, bis hin zum Regisseur - ist irgendwie mehr oder weniger in sie verliebt.
Am Ende gibt es keinen großen Plot aufzulösen und keine große Wendung: Die neue „The Vampires“-Serie wird allen Widrigkeiten zum Trotz fertiggestellt und Mira erhält von Assayas das Geschenk einer strahlenden Zukunft mit ihrem Wunschprojekt, während sein fiktives Pendant Rene in sein Familienleben außerhalb der Filmproduktion zurückkehrt und sich versöhnlich vom davonfliegenden Geist Irma Veps verabschiedet.
Le Fazit
Irma Vep ist eine besondere kleine Serie über das Filme- und Serienmachen mit all den schmutzigen, amüsanten aber auch glorreichen Details, die der Prozess mit sich bringt. Dabei wird die Zunft durch die Linse von Regisseur Olivier Assayas im Remake trotz aller Industriekritik ganz schön romantisiert, was nicht wenige prätentiös finden werden. Es fällt jedoch schwer, sich nicht von seiner Liebe für die Magie des Films mitreißen zu lassen und von seinen philosophischen bis metaphysischen Ausführungen geführt zu werden - vor allem, wenn man sich ebenfalls den ganzen Tag mit ebendiesem Thema befasst...
Ihr findet alle acht Folgen der abgeschlossenen HBO-Miniserie beim hiesigen WOW (ehemals Sky Ticket).
Hier abschließend noch mal der aktuelle Serientrailer zur Produktion „Irma Vep“:
Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 27. Juli 2022(Irma Vep 1x08)
Schauspieler in der Episode Irma Vep 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?