
Wer mal wieder die Essenz britischen Humors und ein Kammerspiel in Perfektion erleben möchte, der sollte sich unbedingt die Pilotepisode der neuen britischen Serie Inside No. 9 ansehen. Serienschöpfer Steve Pemberton und Reece Shearsmith (bekannt als die kreativen Köpfe hinter The League of Gentlemen und Psychoville) haben ihre neue Produktion als Anthologieserie angelegt. Die einzigen verbindenden Elemente der sechs Episoden der ersten Staffel sind die Zahl 9 und die Präsenz der beiden Hauptdarsteller Pemberton und Shearsmith.
Who was that really boring one?
In Sardines spielen die Besucher der Verlobungsfeier von Rebecca (Katherine Parkinson) und Jeremy (Ben Willbond) ein Spiel, das in Deutschland als profanes Versteckspiel bezeichnet werden würde. Bei dieser Familie (beziehungsweise in England) wird jedoch eine andere Version gespielt („This isn't 'hide-and-go-seek'.“). Dabei suchen sich die Teilnehmer gegenseitig. Sobald einer den anderen gefunden hat, muss er bei ihm im Versteck ausharren und warten, bis alle anderen sie auch finden. So kommt es, dass sich Inside No. 9 zum Kammerspiel auf engstem Raum entwickelt. Die Teilnehmer befinden sich nicht nur alle in einem Zimmer, sondern in einem Schrank.
Zuerst findet Rebecca im Schlafzimmerschrank den verstockten Ian (Tim Key). Sie gesellt sich zu ihm. Zwischen ihnen entspinnt sich eine - für englischen Humor so typische - schrullige Unterhaltung, gezeichnet von Momenten peinlicher Stille und schreiend komischen Dialogen. Zum Beispiel fragt Ian seine Spielpartnerin, ob sie denn schon einen Termin für die Hochzeit festgesetzt habe. Sie eröffnet ihm, dass sie sich als Hochzeitstermin den 9. November habe reservieren lassen. Ian entgegnet daraufhin: „Oh dear, that's 9-11.“ Statt ihn jedoch darauf hinzuweisen, dass er dabei englische und amerikanische Datumszählung durcheinanderbringt, kommt Rebecca nur ins Stutzen und scheint sich für einen Moment echte Sorgen zu machen.
Ian vergreift sich einmal mehr, als Rebeccas Bruder Carl (Steve Pemberton) dazustößt. Er fordert seine Schwester auf, Platz für ihn im Schrank zu machen. Ian will dieser Aufforderung zusätzliche Vehemenz verleihen, als er energisch postuliert: „Yeah, chill out, bitch.“ Nach diesen beiden Auftaktszenen konnte ich mich kaum noch zurückhalten - meine armen Kollegen mögen mir verzeihen. Jedoch verpulvert die neue Serie ihre Dialoghöhepunkte nicht zum Beginn der Pilotepisode. Vielmehr schaffen es die Autoren, das Drehbuch auf konstant hohem Niveau zu halten.

Nacheinander stoßen Stu (Reece Shearsmith), Carls Lebensgefährte, Rachel (Ophelia Lovibond), die Exfreundin des Bräutigams, Haushälterin Geraldine (Anne Reid), Mark (Julian Rhind-Tutt), dessen Ehefrau Elizabeth (Anna Chancellor), John (Marc Wootton) und Jeremy zu der Schicksalsgemeinschaft. Irgendwann wird es zu eng im Schrank, vor allem angesichts der Tatsache, dass „Stinky John“ zu ihnen gestoßen ist und darauf besteht, die Regeln des Spiels einzuhalten.
Nobody wins. You just wait.
Also entscheiden die Teilnehmer, die Regeln des Spiels etwas aufzulockern und sich über das Schlafzimmer zu verteilen - bis Familienpatriarch Andrew (Timothy West) hinzukommt und anordnet, dass in seinem Haus nach seinen Regeln gespielt werden müsse. Alle zurück in den Schrank also - alle bis auf Ian, der auf der Toilette vergessen wird. Im Schrank kommt es schließlich zu den familienfeierüblichen gegenseitigen Vorwürfen und heftigen Anschuldigungen. Bisweilen erinnert die Szene an den famosen Spielfilm „Das Fest“ des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg.
Unterbrochen wird das Gekeife nur durch das Realisieren, dass sich nun alle Teilnehmer des Spiels im Schrank befänden und das Spiel dadurch beendet sei. Da ist es jedoch schon zu spät. Das Ende ist indes viel zu köstlich, als dass ich es an dieser Stelle verraten würde. Einfach selbst anschauen, es lohnt sich!
Die Auftaktepisode von Inside No. 9 hat wirklich alles, was man sich von einer tiefschwarzen englischen Komödie erwünscht. Bissige Dialoge zwischen schrulligen Charakteren, die allesamt von exzellenten Schauspielern verkörpert werden, schwierige Themen, die für Beklommenheit sorgen, eine Inszenierung, die die Beklemmung eines klassischen Familienfests (wer kennt sie nicht?) perfekt einfängt. Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: Wir werden keinen der Charaktere jemals wiedersehen.