In Treatment 4x01

© zo Aduba und John Benjamin Hickey in der Serie In Treatment (c) HBO
Nach mehr als zehn Jahren kehrt die besondere HBO-Serie In Treatment zurück. Uzo Aduba (Orange Is the New Black) übernimmt den Kassensitz von Oscarpreisträger Gabriel Byrne und ergänzt das Psychotherapiedrama mit einer unverhofften vierten Staffel. Zu einem perfekten Zeitpunkt, denn durch die seelischen Belastungen der Corona-Krise dürfte der Bedarf nach „professioneller Hilfe“ weltweit gestiegen sein. Und tatsächlich spielen die Auswirkungen der Pandemie in der neuen Season eine wichtige Rolle.
Mindestens 16 frische Folgen wurden von der von Rodrigo Garcia, basierend auf der israelischen Vorlage „BeTipul“, entwickelten Serie, die ursprünglich von 2008 bis 2010 lief, produziert. In Treatment galt zwar nie als Quotenhit, aber wenigstens die Kritiken waren stets erfreulich. Zwei Emmy Awards für die Gaststars Dianne Wiest und Glynn Turman konnte der Kabelsender feiern. Der damalige Hauptdarsteller Byrne gewann außerdem einen Golden Globe. Auch der ehrwürdige Peabody-Preis fiel dem Format zu. Das American Film Institute nahm die Auftaktstaffel sogar in die Top 10 der „bewahrenswertesten“ Fernsehprogramme des Jahres 2008 auf.
Aduba - selbst zweifache Emmypreisträgerin und vielen wohl als „Crazy Eyes“ ein Begriff - muss im Revival also ziemlich große Fußstapfen ausfüllen. Den Posten des Showrunners teilen sich Jennifer Schuur (Big Love) and Joshua Allen (Empire). Das Konzept der Therapeutenserie bleibt unverändert: Jede Episode deckt in circa 30 Minuten eine Sitzung ab; die Patienten werden über einen Zeitraum von vier Wochen begleitet. Und auch die Psychologin geht mittels Supervision in die Selbstanalyse. Ihre Mentorin Rita wird dabei gespielt von Liza Colon-Zayas (David Makes Man).
Die Patienten wurden besetzt mit: Anthony Ramos („Hamilton“) als schlafloser Krankenpfleger Eladio, John Benjamin Hickey (The Big C) als straffälliger Ex-Millionär Colin und Quintessa Swindell (Trinkets) angeblich sexsüchtige Teenagerin Laila. The Killing-Star Joel Kinnaman ist außerdem als sehr kompliziertes love interest der Protagonistin Dr. Brooke Lawrence (Aduba) im Cast.
Wie ist die neue Staffel?
Viele, die mit dem Gedanken spielen, einen Blick in das Revival von In Treatment zu werfen, fragen sich vermutlich: Läuft das jetzt alles über Zoom? Zum Glück nicht, abgesehen von einer Ausnahme. Social-Distancing-Serien, die pandemiebedingt auf physische Dreharbeiten am Set verzichten, haben sich im vergangenen Jahr als eher ermüdendes Experiment erwiesen. Nach einem langen Tag voller digitaler Arbeitskonferenzen will man abends sicher nicht noch anderen bei zermürbenden Videogesprächen zuschauen. Außerdem wäre ein reines Online-Therapie-Format nicht mal wirklich innovativ, denn Web Therapy mit Lisa Kudrow hat das schon vor vielen, vielen Jahren gemacht...

Bei In Treatment stehen Dialog und Charakterzeichnung so klar im Zentrum, dass auf aufregende Kulissen leicht verzichtet werden könnte. Trotzdem war es Schuur und Allen offenbar wichtig, den Zuschauerinnen und Zuschauern auch etwas fürs Auge, nicht nur fürs Ohr zu bieten. Folglich hat man Dr. Brooke Lawrence in einer luxuriösen Designervilla in den Hollywood Hills einquartiert. Anders als ihr Vorgänger Dr. Paul Weston (Byrne), praktiziert die neue Therapeutin also nicht im tristen Baltimore, sondern im sonnigen Los Angeles.
Ihre Patienten können so einen atemberaubenden Panoramablick über die Stadt der Engel genießen. Wenn man selbst Psychologie studiert, ärgert man sich ein bisschen über die unrealistischen Standards, die die Serie da setzt. Denn ein derart prächtiges Anwesen beziehungsweise Ausweichbüro in Pandemiezeiten können sich nicht einmal die etwas wohlhabenderen US-Therapeuten leisten. Erklärt wird das Privileg der Protagonistin durch ein Erbe ihres toten Vaters, zu dem sie eine starke Beziehung hatte, welche sie noch heute in ihren eigenen Sitzungen beschäftigt. Genauso wie ein Jugendtrauma, das nie wirklich verheilt ist. Sowie eine Suchterkrankung.
In Treatment setzt im Revival also eine stärke der Originalserie fort, indem die zentrale Therapeutin wieder nicht als fehlerlose Vorzeigefrau mit perfekter Psychohygiene porträtiert wird, sondern als Mensch. Serien neigen gern dazu, Therapeutencharaktere entweder ins Himmlische zu verklären oder zu gemeinen Klischees verkommen zu lassen. Auf Dr. Paul Weston traf beides nie zu, denn er hatte zwar viele Glanzmomente, aber auch Rückschläge. Ähnlich sieht es nun also bei Dr. Brooke Lawrence aus. Aduba spielt den Charakter sehr engagiert und reicht damit eine überzeugende Bewerbung für ihren nächsten Emmy Award ein.
Etwas langweilig ist nur, dass Dr. Brooke Lawrence ihre Patienten fast ausnahmslos wie ein offenes Buch lesen kann und sich kaum aus der Ruhe bringen lässt. Einzig Colin (Hickey), der arrogante Tech-Betrüger, der frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde, schafft es, sie in Verlegenheit zu bringen. Seine Sitzungen sind in meinen Augen die spannendsten dieser Staffel. Zumal sie sich mit einem größeren gesellschaftlichen Konflikt auseinandersetzen: Wenn die sogenannten „alten, weißen Männer“ sich von der progressiven Jugend verdrängt fühlen. Colin schmeißt mit seiner Wut, die eigentlich ihm selbst gilt, wild um sich und legt sich mit der ganzen Welt an. Die Therapeutin scheint davon manchmal sogar amüsiert zu sein, was aus ethischer Sicht selbstverständlich ungut wäre.
Ebendiese ungewöhnliche Dynamik macht den Fall so interessant. Bei Eladio und Laila steht stattdessen eher die Problematik im Zentrum, dass sich die Therapeutin in eine Art Mutterrolle hineinversetzt sieht, was eine professionelle Haltung schwierig gestaltet. Ehrlich gesagt hätte ich Eladios Sitzungen - wohl nicht zufällig auch die einzigen, die ausschließlich online abgehalten werden - am liebsten übersprungen. Dabei ist er derjenige, der mit dem größten Leidensdruck zur Therapie kommt. Aber auch das ist typisch In Treatment und macht die Serie so einzigartig. Denn wahrscheinlich findet jeder andere Bezugspunkte, die für einen individuell interessant oder weniger interessant sein können.
Fazit
Alles in allem hat sich die DNS von In Treatment nach all den Jahren im Wesentlichen kaum verändert. Dass Dr. Paul Weston (Gabriel Byrne) nicht mehr im Zentrum steht, ist durchaus verkraftbar, weil Dr. Brooke Lawrence (Uzo Aduba) eine ähnlich komplexe Therapeutin abgibt wie er. An die neue, etwas unglaubwürdige Kulisse mit der Skyline von Los Angeles im Hintergrund kann man sich ebenfalls gewöhnen. Und wie schon damals sind auch diesmal die einzelnen Fälle und Patienten vielfältig genug, dass man sich im Prinzip die Rosinen rauspicken kann. Theoretisch reicht es vielleicht, erst mal nur die besonders starken Sitzungen mit John Benjamin Hickey als Colin sowie die Supervisionen anzuschauen.
Hierzulande erscheint die neue Season voraussichtlich bei Sky Atlantic, bei welchem auch die alten Staffeln der Produktion zur Verfügung stehen.
Hier abschließend der Trailer zur 4. Staffel der Serie In Treatment:
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 24. Mai 2021In Treatment 4x01 Trailer
(In Treatment 4x01)
Schauspieler in der Episode In Treatment 4x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?