I'm a Virgo: You a Big Muthaf*cka - Review der Pilotepisode

© Amazon Prime Video
Es hat was Ironisches, dass der amerikanische Rapper und Filmemacher Boots Riley, der sich als Kommunisten bezeichnet und als solcher aktivistisch auftritt, ausgerechnet bei Amazon Prime Video gelandet ist, dem Gesicht des Turbokapitalismus. Genial ist, wie Riley die Plattform zu nutzen weiß, um nicht etwa sich selbst bloßzustellen, sondern sie. Vergleichbares sah man zuletzt bei systemkritischen Serien wie Andor oder Severance, deren Auftraggeber, also Disney+ und Apple TV+, beim aktuellen Autorenstreik nicht ganz verstehen, dass eigentlich sie die Schurken ihrer Fiktion sind...
In seinem gefeierten Debüt-Film „Sorry to Bother You“ von 2018 gingen Rileys satirische Schnitte vielleicht noch etwas tiefer als nun bei seiner neuen und ersten Coming-of-Age-Dramedy I'm a Virgo (deutsch übersetzt: „Mein Sternzeichen ist Jungfrau“). Auf der inhaltlichen Ebene geht es um einen 19-Jährigen, der 13 Fuß groß ist (umgerechnet knapp vier Meter). Doch dient das Riesenthema vielmehr als Parabel dafür, wie es sich für Schwarze Jugendliche anfühlt, in den USA aufzuwachsen. Die rassistische Mehrheitsgesellschaft stigmatisiert sie zur Gefahr, obwohl diese erst durch sie ausgeht.
Als Zuschauer:in erkennt man jedenfalls schon in der großartigen Pilotepisode (mit dem schönen Titel You a Big Muthaf*cka), dass Cootie, wie die Hauptfigur heißt, ein überaus sanfter Riese ist. Gespielt wird der Junge von Jharrel Jerome, der für seine Darbietung im Netflix-Vierteiler When They See Us 2019 einen Emmy gewann.
Ebenfalls im Ensemble: Mike Epps (Uncle Buck, The Upshaws) und Carmen Ejogo (True Detective, Your Honor) als Onkel Martisse und Tante Lafrancine, die ihren übergroßen Adoptivsohn vor dem Übel auf der Welt abzuschirmen versuchen; die Youngsters Brett Gray, Kara Young und Allius Barnes als Cooties Clique; Olivia Washington als sein love interest Flora; und Walton Goggins (Justified, The Righteous Gemstones) als böser Gegenspieler „The Hero“.
Das Twamp Monster
Riley lässt es sich als Regisseur und Autor nicht nehmen, gleich zu Beginn von „I'm a Virgo“ die teils lustigen, teils tragischen Einzelheiten des Riesendaseins zu erforschen. Wir sehen modifizierte Möbel, maßgeschneiderte XXXXXL-Umstandskleidung, die recht kostspielige Versorgungslage und auch die nicht ganz unkomplizierte Notdurft für ein Kind wie Cootie (ehrlich gesagt gibt es keine anderen Kinder wie ihn). Wir sehen ein Aufwachsen voller Entbehrungen, voller Vorsicht vor der nichtsahnenden Außenwelt und Illusionen für die Zukunft.
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Cootie wächst größtenteils vor dem Fernseher auf. Ihm fehlen die sozialen Kontakte, also lernt er Werbe-Jingles auswendig oder identifiziert sich mit Stars wie Jay Whittle (Goggins), der als Comic-Schöpfer ganz konservativ für „Recht und Ordnung“ eintritt. Ordnung mag aber auch Cooties Onkel, der ihm einen straffen Tagesplan vorgibt, der beispielsweise Bildung, Sport und Körperhygiene vorsieht. Seine Tante deckt den emotionalen Teil der Erziehung ab. Sie erklärt ihrem Neffen, warum sein isoliertes „Rapunzelleben“ für ihn das Beste ist. Doch mit jedem Tag des Älterwerdens glaubt Cootie weniger daran. Die Welt lockt mit fremden Versprechungen wie Junkfood oder Partys...

Neugier, Abenteuerlust und die feste Überzeugung, nicht nur groß, sondern auch zu Großem bestimmt zu sein, sind aber nicht die einzigen Motive für Cooties früher oder später unvermeidbaren Ausbruch aus dem heimischen Gefängnis. Sein Koloss von einem Körper reagiert mit Panikattacken auf das ständige Engegefühl. Irgendwann schaltet sich auch Cooties Kopf dazu, als er erkennt, dass sein Onkel ihn bei seiner Herzensangelegenheit hintergangen hat: Hamburger.
Zunächst wagt sich der Teenager nur zaghaft hervor, sofern das für einen Riesen eben möglich ist (Augenzeugen geben ihm den Spitznamen „Twamp Monster“). Bald läuft er auch seinen Altersgenossen Felix (Gray), Jones (Young) und Scat (Barnes) in die Arme, die für Cootie aller Skepsis zum Trotz offen sind. Das völlig neue Gefühl von Freundschaft beflügelt ihn. Gemeinsam fahren sie durch die Straßen Oaklands - da spielt die Serie übrigens - und werden zu Lokallegenden.
Neben coolen Autotricks auf Parkplätzen und wilden Abenden in Nachtclubs sind die Vier aber auch aktivistisch unterwegs, was dem Serienschöpfer Riley wie gesagt selbst nicht fern liegt. So kleben sie in ihrer Nachbarschaft Plakate gegen Miethaie und kritisieren die Polizei. Das bringt sie, aber vor allem natürlich den besonders auffälligen Riesen ins Visier von Goggins' Schurkenfigur, der sich einen „RoboCop“-artigen Anzug gebastelt hat, mit dem er nun selbst den Comichelden spielt.
Den Kids droht er damit, sie als Gang zu verfolgen, was an seinen Vorurteilen keinen Zweifel lässt. So wird aus Cooties einstigem Kindheitshelden nun die Gefahr, vor der er sein Leben lang gewarnt wurde. In einem überraschenden Twist am Ende der Episode erfahren wir jedoch: Onkel Martisse und Tante Lafrancine sind auf alles vorbereitet. Hinter einer Wand haben sie überdimensionierte Sci-Fi-Gewehre versteckt, zu denen sie nun greifen. Falls Riley bis zu diesem Zeitpunkt nicht schon leises Interesse geweckt haben sollte, ist ihm spätestens jetzt unsere volle Aufmerksamkeit sicher...
Fazit
Alles in allem gelingt I'm a Virgo einer der vielversprechendsten Serienstarts des Jahres, das nun immerhin schon fast zur Hälfte um ist. Boots Riley hat ein modernes Märchen erfunden, an dem er spielerisch die Probleme der Zeit benennen kann. Die Serie springt auf faszinierende Weise zwischen Spaß und Ernst hin und her: In dem einen Moment erfreut sich der Riese an den Wundern der Welt (zum Beispiel dem Bass von lauten Boxen), im nächsten zeigt ihm seine Tante ein Fotoalbum des Schreckens über das, was die Menschen ihm antun würden, wenn er sich ihnen zeigt.
Der Hauptdarsteller Jerome spielt den Part fantastisch. Viele Teenager leiden unter Unsicherheit zu ihrem eigenen Körper, sodass sie sich am liebsten verstecken würden. Cootie will sich aber nicht mehr verstecken, wobei es für ihn schwierig ist - und das nicht nur, weil er ein Riese ist, sondern weil es ihm an Erfahrungen mit Gleichaltrigen fehlt. Er nimmt das Leben in seine großen Hände. Man kann nur hoffen, dass die Welt ihn nicht zerbricht. Fünf von fünf Sterne für dieses einfallsreiche Format, bei dem nebenbei bemerkt auch der Soundtrack sehr, sehr gut ist!
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Für die am heutigen Freitag, den 23. Juni gestartete Auftaktstaffel der Serie wurden insgesamt sieben Folgen produziert. Zur Premiere wurde ein Dreierpack geschnürt, während der Rest bei Amazon Prime Video dann wöchentlich nachgeliefert wird.
Hier abschließend noch der offzielle Trailer zur nun gestarteten neuen Serie „I'm a Virgo“: