Idiotsitter 1x01

Welch wunderbar verquere, abstrus witzige Formate hat uns der kleine amerikanische Kabelsender Comedy Central in den letzten zwei Jahren beschert! Einst waren Jon Stewart und Stephen Colbert mit ihren Fake-News-Shows die AushÀngeschilder des Senders. Nach ihrem Abschied jedoch macht sich dort eine Mischpoke talentierter junger Comedians breit, die von harmloser Network-Comedy so weit entfernt sind wie das grauenvolle NBC-Format Truth Be Told von einem guten Witz.
Get it girl! Get it just like Meg Ryan would!
In der jĂŒngsten Vergangenheit hat Comedy Central solch groĂartigen Serien wie Broad City, Review, Another Period und Inside Amy Schumer das Vertrauen geschenkt. Diese Formate eint, dass sie nicht nur wahnsinnig lustig sind, sondern auch etwas Neues, kaum je Dagewesenes ausprobieren. Die neue Comedy Idiotsitter lĂ€sst sich nun mĂŒhelos in diese illustre Auswahl einreihen. Ihre Schöpferinnen und Hauptdarstellerinnen Jillian Bell (Workaholics) und Charlotte Newhouse feuern darin aus allen komödiantischen Rohren.
Die darunterliegende PrĂ€misse liest sich zunĂ€chst wahrlich absurd. Harvard-Absolventin Billie (Newhouse) droht, in ihren Studentenkrediten zu ertrinken, weshalb sie sich dazu breitschlagen lĂ€sst, einen furchteinflöĂenden, wahnsinnig gut bezahlten Babysitterjob anzunehmen. Sie muss dabei jedoch nicht auf ein Kind aufpassen, sondern auf die erwachsene Gene (Bell), die dank nichtvorhandener Erziehung und einem Aufwachsen in obszönem Reichtum ĂŒber keinerlei Bewusstsein von Recht, Benehmen und zwischenmenschlichem Verhalten verfĂŒgt.
Ihre Eltern Kent (Stephen Root) und Tanzy (Jennifer Elise Cox) haben lĂ€ngst aufgegeben, die nicht enden wollenden Eskapaden ihrer Tochter - an denen sie auch selbst schuld sind - einzuhegen. Sie versuchen lieber, die Probleme mit materiellen Schauwerten zu begraben, und ergreifen jede sich bietende Möglichkeit zur Flucht vor dem eigenen Satansbraten. Verdenken kann man es ihnen nur schwerlich, wie bereits das cold open eindrucksvoll beweist. Sturzbesoffen sitzt Gene da auf einem geklauten Pferd und klopft an die Scheibe eines Polizeiautos, in dem sich die Beamten gerade ĂŒber die letzte Episode von Castle unterhalten. Völlig schamlos fragt die Reiterin: „How much for sex with both of you?“

Diese erste Szene illustriert den Tonfall der Serie schon sehr gut, weshalb Zuschauer, denen ein solcher Humor nicht gefĂ€llt, eigentlich da schon ausschalten könnten - ab jetzt wird das alles nĂ€mlich nur noch ungezĂŒgelter, lauter, frivoler. Nach dem merkwĂŒrdigsten BewerbungsgesprĂ€ch ever sucht Billie aka Wilhelmina zunĂ€chst das Weite, bevor sie von Kent mit einer uns Zuschauern verborgenen Summe - wie sollte es anders sein - zur Umkehr bewegt wird. Fortan ist sie mit Gene alleine, weil ihre Eltern diese gĂŒnstige Gelegenheit gleich nutzen, um zu einem Atemworkshop in Japan aufzubrechen.
The penis plan is still on the table, right?
Obwohl schnell offensichtlich wird, dass sich ihr Erzeuger (Tanzy ist die Schwiegermutter) nicht die Bohne fĂŒr sie interessiert, wird er von Gene in den höchsten Tönen gelobt. Hier kristallisiert sich der emotionale Kern der Serie heraus, in der es nicht nur um die KalamitĂ€ten dieser Durchgeknallten geht, sondern auch um ihre Verlorenheit, ihre Einsamkeit in einer Familie, in der Protz und Prunk alles sind und emotionale Zuwendung nichts. Inmitten dieser zĂŒgellosen Gaudi bricht dem Zuschauer da schon ein bisschen das Herz.
Viel Zeit bleibt dazu jedoch nicht, denn Gene hat lĂ€ngst den nĂ€chsten Streich ausgeheckt. Die von Billie vorgeschlagene gemĂŒtliche Fernsehparty mit einem oder zwei Freunden eskaliert schnell in einen Hausrave, an dessen Ende Billie, von K.O.-Tropfen ausgeknockt, aus einem zweitĂ€gigen Koma erwacht. Ganz unschuldig ist sie daran jedoch nicht, auf der Party lĂ€sst sie nĂ€mlich bald ihrer wilden Seite freie Fahrt. Die anfĂ€ngliche Besorgnis um Gene, das Haus und die eigenen Haare wandelt sich bald in frenetisches Feiern ohne RĂŒcksicht auf Verluste.
Beide Hauptfiguren zeigen also schnell Seiten an sich, die man zunĂ€chst nicht vermutet hĂ€tte. Die letzte Ăberraschung fĂŒr Billie ist indes eine angenehme. Der selbsternannte „Generous General“ Gene hat den von ihr induzierten Blackout nĂ€mlich zur Wiedergutmachung genutzt und all ihre Studienkredite abbezahlt. Soviel GenerositĂ€t bleibt nicht unbelohnt, weshalb Billie widerwillig zustimmt, der unter Hausarrest stehenden Gene ein Alibi zu verpassen: „If you love me, if you're my best friend, you will break my hand.“
Idiotsitter ist eine wahnsinnig witzige Komödie mit zwei liebenswert verschrobenen Protagonistinnen, die keine einzige Gelegenheit auslassen, um einen blöden, verqueren, fantasievollen, staubtrockenen oder feuchtfröhlichen Witz zu landen. Bell und Newhouse sind sich fĂŒr keinen Schabernack zu schade - mag dieser noch so ekelerregend und abstoĂend sein. DafĂŒr sei ihnen - und Comedy Central - groĂer Respekt ausgesprochen. Wenn solche Formate auch nicht fĂŒr viele Zuschauer geeignet sind - eines sind sie nie: langweilig.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 15. Januar 2016Idiotsitter 1x01 Trailer
(Idiotsitter 1x01)
Schauspieler in der Episode Idiotsitter 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?