
Der Regisseur Antoine Fuqua ist ein renommierter und etablierter Name im großen Filmgeschäft von Hollywood. Vor gut 15 Jahren landete er mit dem Cop-Thriller „Training Day“ (der Hauptdarsteller Denzel Washington einen Oscar als bester Hauptdarsteller einbrachte und 2017 als TV-Drama bei CBS adaptiert wird) einen absoluten Volltreffer. Seitdem lässt es Fuqua in allen möglichen Szenarien und schöner Regelmäßigkeit krachen: „Tränen der Sonne“, „King Arthur“, „Shooter“ (zu dem es jetzt ebenfalls eine Serie gibt), „Olympus Has Fallen“, „The Equalizer“, „Southpaw“ oder auch zuletzt erst das Remake von „The Magnificent Seven“ zieren seine Filmographie.
Aber auch wenn Fuqua zwischendurch immer mal wieder sein Talent für handgemachte Action, die unter die Haut geht, gezeigt hat, an „Training Day“ ist bisher noch keiner seiner weiteren Spielfilme rangekommen. Vielleicht verhilft dem Filmemacher ja ein Wechsel ins Fernsehgeschäft, um einen neuen großen Hit zu landen. So machen Antoine Fuqua und sein Kollege Robert Munic (Empire, Gang Related) jetzt nämlich gemeinsame Sache mit Audience, einem amerikanischen Nischen-Network, das von Fuquas prominenten Namen nur profitieren kann. Ob Serienneustart Ice, in dem eine Familie an Diamantenhändlern aus Los Angeles in die dunklen Machenschaften einer skrupellosen Gangsterdame hineingezogen werden, aber der erhoffte Erfolg für den Sender sowie Fuqua selbst wird, darf stark bezweifelt werden.
Diamond man
Auf den ersten Blick wirkt „Ice“ wie ein grundsolides Gangsterdrama, das gleich zu Beginn durch eine folgenschwere Dummheit des Bruders unserer Hauptfigur Jake Green ins Rollen kommt. Der Tod des Topverdieners der eingangs erwähnten Gangsterdame setzt Jake die Pistole auf die Brust, Wiedergutmachung zu leisten, um nicht nur das Leben seines Bruders zu retten, sondern auch die Existenz des Familiengeschäfts zu sichern. Am Ende der gut 30 Minuten zu langen Pilotepisode (etliche Szenen könnten problemlos gekürzt werden, um die Laufzeit von 75 Minuten zu minimieren und der Handlung zumindest ein Stück weit ihre Längen zu nehmen) ist es Jake gelungen, vorerst das Schlimmste abzuwenden. Doch neue Probleme lassen mit Sicherheit nicht auf sich warten.
Taking the high road
Denkt man sich zumindest, denn wie es nach der ersten Folge von „Ice“ weitergehen wird, ist recht vage. Es ist davon auszugehen, dass die Hauptfigur ein Spielball höherer Mächte bleibt und alles dafür tun wird, um seine Familie und deren Geschäft zu beschützen. Ein großer Reiz geht aber nicht wirklich von dieser Prämisse aus, die doch sehr einfach, nicht wirklich originell und ziemlich altbacken erscheint. Gut, man kann auch aus einer simplen Grundidee eine spannende Geschichte machen, dafür braucht es aber wiederum interessante Charaktere, mit dem man mitfiebern und sich im besten Fall auch ein bisschen identifizieren kann.
Doch neben den recht einfallslosen, Allerweltskonflikt als Grundlage für unsere Handlung tut sich hier das zweite große Probleme von „Ice“ auf. Selbst wenn das Drama in den Nebenrollen sehr ordentlich und viel versprechend besetzt ist - neben Serienaltmeister Raymond J. Barry (Justified oder auch „Training Day“), den britischen Haudegen Ray Winstone („The Departed“) und Audrey Marie Anderson (Arrow) wird auch Donald Sutherland (Crossing Lines) in späteren Folgen zu sehen sein -, steht und fällt die Erzählung mit ihrem Protagonisten Jake Green, gespielt von Cam Gigandet, den einige vielleicht noch aus seiner kurzen Zeit bei The OC als Kevin Volchok oder aus der kurzlebigen Anwaltsserie Reckless kennen könnten.

The bigger picture
Gigandet wirkt in Ice leider viel zu oft fehl am Platz und wie eine zu kurz gekommene, billige Kopie von Ray Donovan. Wenn der sonnenbebrillte Jake („the strong silent type“ zum zigsten Mal cool seine Gegenüber in Grund und Boden starrt und im feinen Zwirn übertrieben lässig aus seinem eleganten Sportlimousine steigt, dann erwische ich mich schon mehrfach dabei, wie ich angestrengt mit den Augen rolle. Zum einen, weil wir diesen Typ Charakter langsam aber sicher oft genug und dann auch noch besser gespielt gesehen haben. Und zum anderen, weil ich Gigandet in dieser Rolle nur sehr schwer ernst nehmen kann und er schon fast wie eine komplette Fehlbesetzung rüberkommt.
Davon abgesehen dümpelt die Handlung zu oft einfach nur vor sich hin und lässt paradoxerweise genau das vermissen, was Antoine Fuqua in vielen seiner Filme auszeichnet: knallharte, handgemachte Action und realistische, wenn auch larger than life-Charaktere, die etwas Besonderes ausmacht und uns aufgrund dessen in ihren Bann ziehen können. Hier wirken die meisten der auftretenden Figuren wie langweilige Stereotypen, die mitunter furchtbar platten Dialoge sind ebenfalls alles andere als hilfreich. Allein das erste Gespräch zwischen Jake und Gangsterin Sister Rah ist zum Angewöhnen, auch wenn man Judi Shekoni in dieser speziellen Rolle durchaus ihren Spaß ansehen kann.
Down the toilet
Insgesamt werde ich bei der ersten Folge von „Ice“ aber nur selten den Eindruck los, das hier viel Aufwind um sehr wenig gemacht wird, dass man das erste Kapitel dieser neuen Serie weitaus schlanker und nicht ganz so vollgestopft sowie in die Länge gezogen hätte erzählen können. Letzten Endes fehlen hier noch einmal gut 30 Minuten und Antoine Fuqua hat einen neuen Streifen abgedreht mit einer Geschichte, die im Grunde genommen nicht viel mehr hergibt als genau einen Spielfilm und bei der ich mich persönlich schon frage, ob es gleich eine ganze Serie sein muss.
Burn the bridge
Sei es nun in dieser Form als mehrteiliges TV-Drama oder als Spielfilm, so oder so recycelt „Ice“ für meinen Geschmack zu viele bekannte, mitunter längst tot getrampelte Genreelemente, ohne mir etwas Neues oder ein paar frische Ideen anzubieten. Tatsächlich flammt mein Interese bei der Sichtung der Pilotfolge nur einmal kurz auf, als es im letzten Viertel um die Faszination Diamanten, deren Ursprung und den teils gefährlichen Handel mit diesen geht, weil es dies in Serienform eben noch nicht wirklich gegeben hat. Jedoch dauert es viel zu lange, bis die Handlung zu diesem Punkt kommt. Und selbst danach geht es zurück in Richtung 0815-Crime-Drama, das wir so oder so ähnlich bereits bestens kennen.
Antoine Fuqua, der hier selbst Regie geführt hat und nach wie vor einer großer Fan stark kollorierter Aufnahmen ist (die satten Bilder sind durchaus ansprechend, Los Angeles könnte meiner Meinung nach aber etwas distinktiver eingefangen sein, siehe „Training Day“), liefert letztlich eine viel zu generische Dramaserie und eine teilweise schrecklich uninteressante, sich hinziehende Auftaktfolge ab, die mir sehr wenig Argumente gibt, am Ball zu bleiben.
Trailer zu „Ice“: