I May Destroy You 1x01

© ichael Coel in I May Destroy You (c) BBC/HBO
Michaela Coel ist ein Name, den eigentlich alle Serienjunkies kennen sollten. Und wer ihn noch nicht kennt, lernt ihn spätestens jetzt kennen. Coel ist eine britische Autorin und Schauspielerin, die beispielsweise in Chewing Gum, Black Earth Rising und The Aliens zu sehen war. Ihr jüngstes Werk, das halbstündige Drama I May Destroy You, dürfte nun aber ihr bedeutsamstes werden. Zwölf Episoden umfasst die Auftaktstaffel, die nun nahezu zeitgleich bei der BBC und HBO an den Start ging (hierzulande hat sich leider noch kein Heimatsender gefunden). Der Pilot heißt Eyes, Eyes, Eyes, Eyes.
Worum geht's?
Coel, die nicht nur die Regie und das Drehbuch übernahm, spielt auch selbst die Hauptrolle Arabella. Diese wurde durch einen aufsehenerregenden Text über die sexuelle Selbstbestimmung junger Frauen zur „Stimme ihrer Generation“ erklärt - ein Titel, der natürlich nur im Unglück enden kann. So hadert die Autorin nun mit ihrem zweiten Buch, während ihre Literaturagenten immer wieder Druck machen. Aber auch privat läuft es für Arabella nicht gerade rund: Die Beziehung mit einem gewissen Biagio (Marouane Zotti) scheint zu Beginn der Serie gerade in die Brüche zu gehen.
Um sich von all dem abzulenken, lässt sie sich von ihren zwei besten Freunden, der Schauspielerin Terry (Weruche Opia) und dem Tänzer Kwame (Paapa Essiedu), dazu überreden, abends feiern zu gehen. Zum Rev.-Milton-Brunson-Song „It's Gonna Rain“ hüpft Arabella sorglos-freudig durch den Club. Dabei ahnt sie noch nicht, dass jemand ihren Drink vergiftet hat. Am Ende der Nacht wird dieser jemand sich sexuell an ihr vergriffen haben und sie wird sich an nichts mehr erinnern können.
An diesem Punkt endet die Pilotepisode von I May Destroy You, obwohl die Geschichte jetzt erst richtig losgehen dürfte. An dieser Stelle kann man sich zunächst fragen, wie der Serientitel zu verstehen ist. Übersetzt bedeutet er ja entweder „Ich könnte dich zerstören“ oder „Ich darf dich zerstören“. Richtet sich Arabella damit an ihren Vergewaltiger? Wie sie in den kommenden Folgen nun mit dem traumatischen Vorfall umgeht, wird sich zeigen. Showrunner Coel erklärte in ihren Interviews aber bereits, dass dieser Teil der Geschichte keineswegs nur fiktional sei...

Vor zwei Jahren gab Michaela Coel eine Rede im Rahmen des Fernsehfestivals von Edinburgh, in der sie darüber berichtete, wie sie selbst sexuell missbraucht wurde, als sie eines Nachts am Skript zur zweiten Staffel von Chewing Gum saß. Die BBC bestellte auf Anhieb eine neue Serie von Coel, in der sie sich zum Thema sexuelle Selbstbestimmung äußern sollte, also genau wie ihr Alter Ego Arabella. Später stieg dann auch HBO aufgrund der hohen Relevanz des Stoffes ein.
Grundsätzlich verdient Coel für ihren Mut, sich diesem düsteren Kapitel ihres Lebens so ausführlich noch mal zu stellen, natürlich größte Anerkennung. Zumal es vielen Opfern sexueller Gewalt schwer fällt, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen, da Scham und Angst meist eine große Rolle spielen. Außerdem wird die Protagonistin von I May Destroy You nicht nur als Opfer dargestellt, sondern als starke Frau, der etwas Furchtbares angetan wurde und die nun lernen muss, damit umzugehen.
Besonders bewundernswert ist es aber, dass Coel in der Serie sogar viel Humor beweist. Statt einem halbstündigen Drama könnte man tatsächlich auch von einer Dramedy sprechen. Wobei sie logischerweise keine großen Lacher haben will, sondern unterschwellige Spitzen. Die Figuren, die sie kreiert haben, sind äußerst interessant und man kann kaum erwarten, zu hören, was sie zu sagen haben, wenn es drauf ankommt. Und auch inszenatorisch ist I May Destroy You herausragend, wie vor allem die finale Szene im Club beweist. Selbst der Missbrauch wird eher abstrakt angedeutet. Allgemein war es Coel wohl wichtig, sexuelle Darstellungen nur mit hundertprozentigem Einverständnis aller Beteiligten umzusetzen.
Fazit
Mit I May Destroy You hat sich diese Woche eine neue Serie in Stellung gebracht, die alle Aufmerksamkeit der Welt erhalten sollte. Der Pilot Eyes, Eyes, Eyes, Eyes ist zwar wirklich eher als Prolog zu sehen, so dass Michaela Coel noch nicht allzu viel „sagen“ konnte, doch auch inszenatorisch wärmt sie schon mal ihre Stimme an, um hoffentlich all ihren Frust und Schmerz in der restlichen Auftaktstaffel auszuschreien. Selbst zweieinhalb Jahre nach #MeToo ist noch immer vieles mit Blick auf die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen unausgesprochen geblieben. BBC und HBO bieten nun die passende Bühne.
Hier abschließend der Trailer zur Serie I May Destroy You:
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 8. Juni 2020I May Destroy You 1x01 Trailer
(I May Destroy You 1x01)
Schauspieler in der Episode I May Destroy You 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?