I Love Dick 1x01

Wertung: 4,5 von 5 möglichen Sternen
In dem Amazon-Piloten I Love Dick darf Kathryn Hahn (Crossing Jordan, Happyish) ihr Können vor und Jill Soloway (Transparent) ihres hinter der Kamera zeigen. Die Basis für die Serie schuf Chris Kraus 1997 mit dem gleichnamigen Roman, den sie in einem Stil geschrieben hat, den sie als confessional literature (zu Deutsch: bekennende Literatur) bezeichnet. Und so fühlt es sich auch an: wie ein tiefer Blick in eine Beziehung, eine Seele, die nicht weiß, wohin sie will - und nicht zuletzt in eine Besessenheit.
Worum es geht
Chris und ihr Ehemann Sylvere (Griffin Dunne, House of Lies) machen sich auf den Weg von New York nach Texas, in den kleinen Ort Marfa, in dem ein Künstlerinstitut jede Menge Freigeister anzieht und der trotzdem aussieht wie der tiefste Süden. Dort hat Sylvere ein Stipendium erhalten, bei Dick (Kevin Bacon), einem charismatischen Mann, der sich auch als Sektenführer eignen würde. Doch dazu später. Zunächst lernen wir das Ehepaar, eine Filmemacherin und ein Philosoph, in ihrem vollgestellten New Yorker Apartment kennen, gestresst vom anstehenden Umzug. Zwischen aller Freigeistigkeit der beiden Individuen herrscht in der Ehe die Tristesse einer Beziehung im Leerlauf vor. Die Witze, die sie sich gegenseitig an den Kopf werfen, würden auch jedem Reihenhausunglückspaar gut zu Gesicht stehen.
Während der Fahrt, die bezeichnenderweise von Chris hinter dem Lenkrad bestritten wird, und in den ersten Momenten in Marfa wird deutlich, dass Sylvere besser in der Welt klarkommt als seine Frau und sowohl erfolgreicher als auch selbstbewusster ist. Chris hingegen zeichnet von sich ein Bild als wandelndes Chaos. Eigentlich will sie ihren Mann in Texas nur abliefern und sich dann nach Venedig aufmachen, wo ihr jüngster Film auf dem Filmfestival laufen soll. Doch dann stellt sich heraus, dass die Veranstalter ihn aus dem Programm genommen haben, weil sie trotz einer Unterlassungsaufforderung Musik ohne Genehmigung verwendet hat. Ihre Reaktion darauf scheint vor allem darin zu bestehen, den Kontakt zur Außenwelt möglichst zu reduzieren und sich zuzukiffen.
Vor der ersten Party im Künstlerinstitut lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie am liebsten gar nicht gehen möchte - und schnell zeigt sich wieso: Statt freundlichen Unterhaltungen prallt Chris mit den anderen Gästen verbal aneinander und geht auch schon mal mitten im Gespräch einfach weg, wenn es ihr zu viel wird. Bis sie den neuen Mentor ihres Mannes erblickt, eben jenen Dick aus dem Titel, an den Chris' Stimme aus dem Off über die gesamte Episode immer wieder Fragmente von Liebesbriefen richtet.
Der Mann mit der Extraportion Charisma scheint weder besonders interessiert noch desinteressiert und lässt sich auf eine Einladung des Ehepaares zum Abendessen ein. Dieses Treffen zu dritt wird dann zum Herzstück der Episode. Während Chris und Sylvere sich durch eine holprige Gesprächsautomatik bewegen, hält Dick mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Und wirft damit die ohnehin nicht gerade stabile Chris völlig aus der Bahn. Von dem Vorwurf, fremde Musik zu stehlen, geht es fast nahtlos weiter zu der Anschuldigung, dass viele Filme von Frauen unvollendet blieben, weil sie einfach nicht gut genug seien. Eben „weil sie aus einer Position der Benachteiligung heraus entstehen.“
Zwischen Entsetzen und Unglauben spitzt sich die Besessenheit zu, die sie für den Mann empfindet und diese entlädt sich zunächst in sexueller Anziehung, die von Dick jedoch kaum beachtet wird. Zu Hause setzt sie sich hin und schreibt an das Objekt ihrer Begierde und landet schließlich mit ihrem Ehemann im Bett, der aus der Besessenheit seiner Frau selbst einen Lustgewinn zu ziehen scheint. Oder ebenfalls gerade dabei ist, Dick zu verfallen.
Wie kommt es rüber?
Aus dem Buch im bekennenden Stil ist eine Pilotepisode geworden, die das Leben einer unzufriedenen Frau unter das Brennglas legt. Es geht um Kunst, um Selbstfindung, um Besessenheit und eine sterbende Ehe. Es gibt viel zu entdecken in der halben Stunde, die Amazon uns zunächst einmal von I Love Dick gönnt. Wie man es bei der Kombination der drei zentralen Frauen, die an dem Stoff beteiligt waren, erwarten darf, treffen viele Gespräche ins Schwarze und oft auch dahin, wo es einem selbst schon beim Zuschauen wehtut. Nichts läuft glatt, vieles wird schnell peinlich und alles in allem fühlt sich vieles zu real an, um es von sich wegzuschieben.
Besonders die Dynamik der Beziehung kommt in der ersten Episode stark heraus. Weder Sylvere noch Chris zeigen bisher ihre charmantesten Seiten, aber wo man ihr die Verlorenheit deutlich ansieht, stößt er den Zuschauer mit einer unnatürlichen Art Selbstsicherheit ab. Sie verletzen sich, sie scherzen miteinander und manchmal verteidigen sie sich, oft alles innerhalb einer Minute. In jedem Fall ist deutlich, dass diese Beziehung auf dem abbrechenden Ast sitzt, wenn sich nicht etwas gewaltig ändert. Das erkennt nicht nur Nachbarin Devon (Roberta Colindrez), die gleich ein Stück über die beiden Neuankömmlinge in der Künstlerkolonie aufsetzt.
Vieles, was das Buch richtig gemacht hat, setzt die Serie fort. Chris Kraus' Werk wurde zu einem Schlüsselwerk des Pop-Feminismus und ebnete den Weg unter anderem für Serien wie Girls. Und so kommt auch diese Serie daher. Wie gemacht für ein Publikum, das auf die Rückkehr von Lena Dunham auf die Mattscheibe wartet und nun bereit ist, sich statt mit jungen Großstadtfrauen mit einer einzelnen Seele zu beschäftigen, die dabei ist, ihren eigenen künstlerischen Weg zu entdecken und dabei vielleicht ihre Ehe aufgibt.
Wo Hannah, Marnie und die anderen aus „Girls“ selbstbewusst ans Werk gehen, weil sie wissen, worauf sie Anspruch haben und erst noch entdecken, wie die Welt auf sie reagiert, hat Chris bereits einiges gesehen und erlebt. Sie weiß um die Rückschläge und die Schwierigkeiten, die von außen oft nicht so einfach zu sehen sind. Und ihr fehlt - zumindest im Moment - die starke Freundin, mit der sie sich austauschen kann. Sie ist nicht die, die angreift, wie Hannah es tut, sie muss sich rechtfertigen. Vor Dick, vor ihrem Mann und vor der Welt. Auch wenn sie dieselbe Wut verspürt wie Hannah angesichts der Doppelmoral, die in der Luft liegt.
Fazit
Mit der Pilotepisode I Love Dick richtet sich Amazon an ein bestimmtes Publikum, allerdings eines, das immer mehr Zulauf bekommt. Aber auch nach wie vor immer noch erstaunlich heftigen Gegenwind. Die Serie polarisiert - wie auch die Buchvorlage. Wer es nicht durch eine Episode Girls schafft, der muss hier nicht einschalten, alle anderen dürfen sich freuen, der Übergang auf die Mattscheibe ist bei dem Stoff gelungen. Die Aussicht auf mehr vielversprechend.
Verfasser: Serienjunkies.de am Freitag, 19. August 2016I Love Dick 1x01 Trailer
(I Love Dick 1x01)
Schauspieler in der Episode I Love Dick 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?