Hundert Jahre Einsamkeit 1x01

© Netflix
Das passiert in âHundert Jahre Einsamkeitâ
JosĂ© Arcadio BuendĂa (Marco GonzĂĄlez) lebt in der Serie Hundert Jahre Einsamkeit mit seinem Familienclan in einem kleinen abgelegenen Dorf irgendwo in Kolumbien gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Das Leben der Menschen ist von harter Arbeit, Gottesfurcht und tiefem Aberglauben geprĂ€gt. Deshalb haben es JosĂ© und seine mit ihm frisch vermĂ€hlte Cousine Ărsula IguarĂĄn (Susana Morales) nicht gerade leicht, zumal die Alten die Geburt ein mögliches Kind aus der Beziehung als Fluch ansehen wĂŒrden.
Dennoch sind die beiden glĂŒcklich, bis BuendĂa einen Ehrenmord begeht und der Geist des Toten der jungen Familie von nun an auf Schritt und Tritt folgt. Um der nicht zur Ruhe kommenden Seele zu entfliehen, ziehen JosĂ©, Ărsula und die jĂŒngeren Familienmitglieder aus und grĂŒnden im Dschungel in der NĂ€he des Meeres das Ărtchen Macondo.
Als der gut gebildete und wissenschaftsaffine Vagabund Melquiades (Moreno Borja) mit einer Gruppe umherziehender Leute auftaucht und JosĂ© in die Geheimnisse der Landkartenkunst einweist, Ă€ndert sich fĂŒr die Bewohner Macondos plötzlich alles. Ab sofort sind sie nicht mehr von der AuĂenwelt abgeschnitten, sondern werden bald Teil des unbarmherzigen Verwaltungsapparates...
Technisch gut
„Hundert Jahre Einsamkeit“ gehört zu jenen Serien, die fraglos viel zu bieten, aber auch die Neigung haben, zumindest Teile des Publikums einigermaĂen ratlos zurĂŒckzulassen. Nun sind Verfilmungen von mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Literaturwerken immer eine Sache fĂŒr sich. Man denke beispielsweise nur an den groĂartigen „Der alte Mann und das Meer“ mit Weltstar Anthony Quinn, der bei nicht wenigen, auf heutige Sehgewohnheiten getrimmte Menschen, wahrscheinlich eher Langeweile als Interesse auslösen dĂŒrfte. Ăhnlich ergeht es einem, wenn man den ersten Teil mit dem Titel Macondo anschaut, der rein technisch betrachtet fantastisch umgesetzt ist.
Getragen wird die Geschichte von historisch akkurat in Szene gesetzten, symboltrĂ€chtigen Bildern, die dank authentischer KostĂŒme und Sets wie aus einem Guss wirken. Auch der mystische Ansatz, dass die BuendĂas vor dem Geist eines von JosĂ© Ermordeten fliehen, der ihnen auf Schritt und Tritt folgt, kann sich sehen lassen. Man spĂŒrt geradezu das Leben im ausgehenden 19. Jahrhundert in Kolumbien und der Aberglaube ist visuell greifbar.
Im Verbund mit den bestens ausgewĂ€hlten Hauptdarstellern Marco GonzĂĄlez und Susana Morales ergibt sich so auf audiovisueller Ebene ein ansehnliches Werk. Allein dafĂŒr lohnt sich das Einschalten im Grunde genommen schon, vor allem, wenn man auf epochal angelegte Familiendramen geeicht ist.
Ratlosigkeit
Die in der Ăberschrift angesprochene Ratlosigkeit bezieht sich indes weniger auf die gut gelungene technische Umsetzung, als vielmehr auf den ErzĂ€hlstil, der von einem auktorialen ErzĂ€hler aus dem Off in der Bahn gehalten wird. In Anbetracht der Tatsache, dass die Geschichte mit dem Nachfahren des Protagonisten beginnt, der gerade vor einem militĂ€rischen ErschieĂungskommando auf den Tod wartet, ist diese Entscheidung verstĂ€ndlich, wenn auch leider nicht immer gut umgesetzt.
GrundsĂ€tzlich hĂ€tte der Einsatz des Voice-Overs zu Beginn der Folge nĂ€mlich absolut ausgereicht, um die Zuschauenden darĂŒber in Kenntnis zu setzen, dass nun eine RĂŒckblende auf den schicksalshaften Beginn der Ereignisse rund um den BuendĂas-Clan folgt. Das nimmt merklich Tempo aus der ohnehin nicht gerade rasanten ErzĂ€hlung und ist obendrein unnötig, weil die ErklĂ€rungen des ErzĂ€hlers schlicht unnötig sind.
Nicht falsch verstehen bitte. „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist keine actionlastige Geschichte, sondern ein metaphorisches und analogisches Werk auf die Geschichte Kolumbiens in Form eines Familiendramas. Damit ergeben sich ansatzweise Ăhnlichkeiten zu Serien wie beispielsweise dem Klassiker „Fackeln im Sturm“, der aber wesentlich spannender beginnt.
Dieser Tatsache wird unter anderem darin Rechnung getragen, dass sich die DebĂŒtepisode recht nah am schriftstellerischen Original orientiert. Das ist an sich eine gute Entscheidung, zumal der 2014 verstorbene Autor Gabriel GarcĂa MĂĄrquez Zeit seines Lebens die Verfilmung seiner Arbeit ablehnte und Netflix erst den Zuschlag von den Erben erhielt. Es ist davon auszugehen, dass die Genehmigung der filmischen Umsetzung entsprechend an gewisse Auflagen gebunden war und der Wunsch nach AuthentizitĂ€t ganz oben auf der Liste der Rechteinhaber stand.
Schwer verdaulich

Das Àndert aber nichts daran, dass sich die erste Stunde stellenweise schon arg in die LÀnge zieht, obwohl das zu Sehende ja nicht uninteressant ist, sondern eben nur ereignislos daherkommt. Wenn José, seine Begleiterinnen und Begleiter etwa minutenlang in schönen Bildern durch die rauen Landschaften Kolumbiens ziehen, ist das toll anzusehen, wirklich dramatisch ist das alles aber nicht.
Sicherlich, hier und da geschieht etwas Unvorhergesehenes wie der Absturz eines Esels von einem schmalen Bergpfad in die Tiefe, doch dies reicht natĂŒrlich nicht, um uns aus der Lethargie der ansonsten doch langweiligen Wanderschaft herauszureiĂen.
Wirklich interessant wird es erst gegen Ende der Episode, als der fĂŒr die Geschichte so wichtige Umherziehende Melquiades auftaucht und JosĂ© sozusagen von einem Blinden zu einem Sehenden mutiert. Dank der von ihm mitgebrachten GerĂ€tschaften und Karten verĂ€ndert sich der kleine, enge Blickwinkel des GrĂŒnders von Macondo plötzlich und beeinflusst ihn nachhaltig.
Sinnbildhafte Bildkompositionen bestimmen nun den Tenor der Geschichte und fĂŒhren uns zurĂŒck zu JosĂ©s Nachfahren, der, wie wir inzwischen wissen, hellseherische FĂ€higkeiten besitzt, die aber im Angesicht des Todes letztlich nutzlos sind. Wie sich die Geschichte ĂŒber die insgesamt acht Episoden entwickelt, bleibt abzuwarten. Bislang prĂ€sentiert sich die Serie allerdings als kĂŒnstlerisch hochwertig, aber nicht immer durchweg unterhaltsam.
Fazit
Dem obigen Text ist vielleicht bereits zu entnehmen, dass „Hundert Jahre Einsamkeit“ schwer zu bewerten ist. Einerseits muss man Netflix fĂŒr den Mut loben, ein solches literarisches Schwergewicht zu verfilmen und sich damit in Gefilde der Weltliteratur vorzuwagen, die vor allem dem westlichen Publikum bisweilen fremd und zu mystisch erscheinen könnten.
Die technische Umsetzung ist hervorragend gelungen und die verwendeten bildhaften Metaphern sorgen dafĂŒr, dass man mitdenken muss. Andererseits fehlt es fĂŒr heutige Sehgewohnheiten vielleicht etwas zu sehr an Schauwerten. Das ErzĂ€hltempo ist - wohl auch notwendigerweise - eher gemĂ€chlich, Momente, die uns aus der fast depressiven Stimmung herauszuholen vermögen, sind selten und ob die Hauptfiguren genug Interesse generieren, dĂŒrfte ebenfalls nicht leicht zu beantworten sein.
Daher ist die Bewertung der Pilotfolge bitte als reine Momentaufnahme zu verstehen, da die Geschichte das Potential zu purer Epik in sich birgt und nun einmal eine gewisse Anlaufzeit benötigt.
Deswegen vergeben wir mit Tendenz nach oben hier dreieinhalb von fĂŒnf Landkarten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 11. Dezember 2024Hundert Jahre Einsamkeit 1x01 Trailer
(Hundert Jahre Einsamkeit 1x01)
Schauspieler in der Episode Hundert Jahre Einsamkeit 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?