How to Sell Drugs Online (Fast): Kritik zur neuen Netflix-Serie der bildundtonfabrik

© ??How to Sell Drugs Online (Fast)“ (c) Netflix
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten fünf Episoden der sechsteiligen ersten Staffel von „How to Sell Drugs Online (Fast)".
„Don't Try This at Home“ - unter diesem Titel wurde die wenig später in How to Sell Drugs Online (Fast) umbenannte Netflix-Comedy, die heute, den 31. Mai ihre Weltpremiere feiert, Ende Oktober 2018 im Rahmen einer neuen Produktionsoffensive des Streaminganbieters am Standort Deutschland vorgestellt. Die angekündigten Serien sorgten nur mit Abstrichen für spürbare Vorfreude, geschweige denn für ein öffentliches Interesse von größerer Bedeutung. Im Fall von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ horchten jedoch nicht wenige gespannt auf, steckt hinter diesem auf einer wahren Begebenheit beruhenden, nach wie vor sehr sperrig betitelten Format doch die in der deutschen Medienlandschaft längst fest verwurzelte bildundtonfabrik.
Ebenjene Kölner Kreativschmiede, die bereits für Formate wie „Roche & Böhmermann“, das „Neo Magazin Royale“, „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...“ oder auch den leider abgesetzten, aber sehr empfehlenswerten YouTube-Kanal Gute Arbeit Originals von funk verantwortlich gezeichnet hat. Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann, die beiden Gründer der 2012 ins Leben gerufenen bildundtonfabrik, haben die Idee zu „How to Sell Drugs Online (Fast)“ entwickelt, eine dynamische, visuell poppige Coming-of-Age-Geschichte über einen liebeskranken Teenager, der von seinem Kinderzimmer aus gemeinsam mit seinem besten Freund im Netz Drogen vertickt, um so seine Angebetete zurückzugewinnen.
Wie gesagt: Das alles fußt auf der Wirklichkeit, die sogar in den Anfangsminuten der ersten Episode sehr direkt referenziert wird. Was unsere Hauptfigur Moritz (Maximillian Mundt) von seinem realen, megalomanischen Vorbild aus Leipzig trennt, ist wiederum die Motivation. Und, dass es sich halt um eine Netflix-Serie handelt, die man mit ein paar fiktiven Elementen dramaturgisch aufpeppen kann. Dazu zählt zum Beispiel, dass sich der Protagonist vollends seiner Rolle in dieser Erzählung bewusst ist und so auch mal direkt uns Zuschauerinnen und Zuschauer anspricht. „Ba-dam!“
Die Handschrift der bildundtonfabrik, genauer Käßbohrers, Murrmanns und ihrer beiden Drehbuchkollegen Sebastian Colley und Stefan Titze ist durchweg klar erkennbar: „How to Sell Drugs Online (Fast)“ mutet extrem flott erzählt an und wirft mit popkulturellen Referenzen nur so um sich. So, wie sich der Hauptcharakter in den einleitenden Worten zu Beginn seiner selbst bewusst ist, sind es auch die Autoren und die Serie. Da ploppt auch schon einmal ein „Skip“-Button auf, wenn es zu einer farbenfrohen Erklärung kommt, was eigentlich Ecstasy-Pillen sind. Man spielt gekonnt mit dem Medium Serie und wie dieses heutzutage ausgeliefert und konsumiert wird. Kleinigkeiten wie die Einblendung von Chatverläufen mitten im Bild oder gar spielerische Elemente, die einem Jump'n'Run entnommen sein könnten, lockern die Erzählung auf und verleihen dem Gezeigten einen durchaus erfrischenden Charakter.
Etwas problematisch wird es aber, wenn all diese Spielereien irgendwann nur noch als Gimmick dienen, ohne wirklich nachhaltig beeindrucken zu können. Der überraschende Auftritt einer Fernsehikone der 90er Jahre im Zuge eines nostalgisch liebgewonnenen Kultformats ist herrlich überraschend und durchaus amüsant. Doch nicht zu selten entsteht ebenfalls der Eindruck, dass vieles in „How to Sell Drugs Online (Fast)“ sehr gewollt ist. Diese Reizüberflutung, zahlreiche Popkulturinsider sowie zynisch-sarkastische Metakommentare hat man sich unverfroren auf die Fahne geschrieben, passend zu der Zielgruppe, die man mit dieser Philosophie erreichen will, welche viele der jüngeren Zuschauerschaft verinnerlicht haben. Die hohe Kunst ist es, nicht selbst wegen seines zu kräftigen Bemühens, dem digitalen Zeitgeist gerecht zu werden, unter die Räder zu kommen.
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How to Sell Drugs Online (Fast) gelingt dieser anspruchsvolle Balanceakt mal besser und mal schlechter. Manchmal kann die überladene Machart der Streamingdienst-Serie etwas anstrengend sein, andere Male weiß man die kreative, freigeistige Vision aller Beteiligten sehr zu schätzen. Denn in dieser Form stellt die Comedy in dem hiesigen Seriengeschäft durchaus Neuland dar. Dem Mut und Selbstbewusstsein der Macher, kompromisslos ihrem oft knallbunten Leitfaden zu folgen, kann man Respekt zollen, denn das alles hätte auch weitaus langweiliger und vor allem generischer aussehen können. Interessanterweise ist es aber vor allem die Verpackung der Netflix-Serie, von der hier ein besonderer Reiz ausgeht, und eher weniger der Inhalt. Zumindest, wenn man nur die ersten drei Episoden der sechsteiligen ersten Staffel von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ betrachtet.
In diesen werden zwar die verschiedenen Charaktere grundlegend etabliert, allen voran geben hier jedoch die auf dem Papier zwar spezielle, letztlich aber gewöhnliche Prämisse und der doch sehr unspektakuläre Plot den Ton an. Es mag nicht so recht Spannung aufkommen, wenn Moritz und sein bester Kindheitsfreund Lenny (Danilo Kamperidis) an ihrem Onlineshop für Drogen schrauben und dabei in Berührung mit einem abgehalfterten Kleinstadtdealer (Bjarne Mädel) kommen, über den ein wenig der Druck auf das jugendliche Duo erhöht werden soll. Die Machenschaften unserer beiden Drogenbarone in spe sind eben nicht so interessant, wie es sich die Autoren anscheinend vorgestellt haben. Daran kann selbst der einfallsreiche Schnitt sowie eine sehr gelungene Musikauswahl wenig ändern, um etwas mehr Schwung in die geradlinig erzählte Handlung zu bringen, welche hier und da mit ein paar Schnörkeln aufgehübscht wird.
Wo sich wiederum eine Stärke von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ finden lässt, ist die Coming-of-Age-Komponente, die insbesondere in der vierten Episode hervorragend ausgespielt wird. Hier schwingt sich die Serie erstmals eindringlich zum Sprachrohr einer komplett verunsicherten Generation auf und gewährt intime Einblicke in eine Reihe von jugendlichen Charakteren, die nach außen hin bestimmte Rollen spielen, aber in Wirklichkeit selbst nicht wissen, was sie wollen, was von ihnen erwartet wird und an welcher Stelle sie das Leben später ausspucken wird. Was vorher hauptsächlich auf simpelste Art und Weise arg plotgetrieben (Junge will Mädchen zurückgewinnen und trifft dafür extrem fragwürdige moralische Entscheidungen) gewesen ist, orientiert sich jetzt an den Figuren, die man zu Beginn allesamt gewissen Stereotypen zuordnen kann, in denen jedoch mehr als nur eine Facette steckt.
Erfahrene Seriengucker dürften alles andere als überrumpelt von dieser Entwicklung sein, die sich stellenweise andeutet, aber im speziellen Fall der vierten Folge filtert die pointierte Inszenierung von Arne Feldhusen - neben Lars Montag einer der zwei Regisseure der Produktion - perfekt die Beklemmungen, Selbstzweifel, Scheinheiligkeiten und den Zweckzynismus junger Menschen in der heutigen, digitalen Welt heraus. Es zeigt sich hier eine durchaus gesellschaftskritische Seite von „How to Sell Drugs Online (Fast)“, mit der man nicht nur auf den gefährlichen Social-Media-Wahn unserer Zeit und das ständige Bedürfnis nach Selbstdarstellung eingeht. Es geht auch um die Umstände, wie es so weit kommen konnte und wie die desillusionierte „Jugend von heute“ diesen Entwicklungen einfach so überlassen wurde, ohne zu wissen, wie sie damit eigentlich umgehen soll.
In dieser Hinsicht ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine positive Erscheinung, der man in der Folge die teils eher schlichte Rahmenhandlung und den ein wenig deplatzierten Fanservice (Stichwort: unerwartete Gastauftritte) verzeihen kann. Es ist schwer, eine junge Serie für ein junges Publikum zu machen, das es zumeist besser weiß. Manchmal tappt auch der Netflix-Neustart in diese Falle und möchte uns zu sehr belehren und aufklären, zu klug und zu cool sein. In der Summe steckt in diesem Format aber reichlich Potential, viele clevere Ideen und ein Ansatz, diese an die Zuschauer zu bringen, der unverbraucht, sehr bildhaft und lebendig wirkt. „How to Sell Drugs Online (Fast)“ ist vielleicht kein allumfassender, einzigartiger Rausch, den man nie wieder vergessen wird. Aber es ist ein kleines gewagtes Experiment, mit Höhen und Tiefen, das eine faire Chance verdient hat. Und falls nicht: Uns bleibt ja immer noch der „Skip“-Button. Schöne, neue Welt 2.0.
Hier abschließend der Trailer zur neuen Netflix-Serie How to Sell Drugs Online (Fast):