Hijack: Final Call - Review der Pilotepisode

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Das passiert in „Hijack“
Sam Nelson Idris Elba ist ein Geschäftsmann, der gerade von Dubai nach London zurückkehrt, als sein Flug in der ersten Staffel von Hijack plötzlich entführt wird. In Echtzeit erlebt das Publikum die Ereignisse im Flieger mit. Doch auch die Mitarbeiter von Tower Control Dubai schöpfen Verdacht und Sam gelingt es, mit dem Smartphone eine Nachricht an seine Familie abzuschicken, bevor die Kidnapper das W-LAN abschalten. Was haben die Entführer vor? Welche Ziele verfolgen sie?
Echtzeit?
Als Jim Field Smith (Truthseekers) und George Kay (Lupin) im April 2022 „Hijack“ mit Idris Elba in der Hauptrolle ankündigten, versprachen sie einen Thriller in Echtzeit. Erinnerungen an die Serienlegende 24 wurden wach, obwohl die neue Apple TV-Show inhaltlich nur wenig mit dem innovativen Konzept gemeinsam hat.
Tatsächlich fühlen sich die ersten 15 Minuten auch gar nicht an, als würde man dem Protagonisten Sam Nelson auf Schritt und Tritt quasi im Sekundentakt folgen. Einen annähernden Effekt erleben wir erst ab der Mitte der Pilotepisode mit der Entführung des Flugzeugs.
Tragisch ist dies indes nicht, zumal das Debüt eine gewisse Anlaufzeit benötigt, um die Hauptfigur und die Prämisse vorzustellen. Das gelingt wiederum insgesamt recht gut, auch, weil Idris Elba sein Alter Ego Sam Nelson als zwar höflichen, aber relativ schweigsamen Zeitgenossen darstellt, der kein Interesse an Smalltalk oder überhaupt irgendwelchen Kontakten hat.
Er war geschäftlich in Dubai und möchte lediglich nach Hause zurückkehren, obwohl er von seiner Frau getrennt lebt. Damit ist der wichtigste Charakterzug von Nelson auch schon etabliert, denn die Folge endet mit einem verwirrenden Plotpoint, der sich in den nächsten Episoden auf die eine oder andere Art noch verdichten wird. Doch dazu später mehr.
Flugzeug
Ansprechend ist, dass sich die Serie nicht allzu lange mit Vorgeplänkel aufhält. Circa 20 Minuten reichen vollkommen, um alle wichtigen Personen vorzustellen, ein latentes Bedrohungsmoment aufzubauen und ein Gefühl der Spannung zu implementieren. Das ist ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen aktuellen Konzeptionierungen, die oft bis zu zwei Folgen benötigen, um allen mehr oder weniger wichtigen Figuren genügend Raum zu geben. Im Gegenzug dazu konzentriert sich der Einstieg in der Thrillerserie „Hijack“ auf Sam, Flugzeug-Captain Robin Allen Ben Miles, seine Geliebte Colette Kate Philipps sowie die vier Kidnapper.

Die weiteren Beteiligten, wie etwa der Flugbegleiter Arthur Jeremy Ang Jones oder die Erste Offizierin Anna Kaisa Hammarlund sind bislang eher schmückendes Beiwerk, um das Gefühl der Bedrohlichkeit aufrechtzuerhalten. Allerdings wird in den ersten 45 Minuten bereits angedeutet, dass sich der eine oder andere Fluggast mutig zeigen könnte, was möglicherweise in eine nervenaufreibende Katastrophe führt.
Es bleibt abzuwarten, wie die Showrunner das Thema Widerstand behandeln werden. Gegen Ende der Folge gelingt es Sam jedenfalls zunächst nur mit Mühe, einige Hitzköpfe davon abzuhalten, einen der Hijacker anzugreifen, ein starkes Indiz darauf, dass noch einiges an Action auf uns zukommt.
Waffen an Bord
Bevor wir uns mit dem Cliffhanger befassen, soll noch auf eine nicht unwesentliche Fragestellung eingegangen werden: die Waffen, die sich im Flieger befassen, nämlich. Wer regelmäßig fliegt, weiß, wie intensiv die Kontrollen heutzutage sind. Insofern ist es aus logischen Gesichtspunkten heraus betrachtet zunächst einmal eher unwahrscheinlich, dass es den Angreifern gelingt, gleich vier Pistolen an Bord zu schmuggeln.
Bisher lässt „Hijack“ die Frage vollkommen offen, wie es dazu kam. Beim ersten Schauen kann durchaus der Eindruck entstehen, dass es sich um Waffen aus dem 3D-Drucker handelt. Allerdings findet eine junge Frau auf dem WC eine Patrone mit Metallmantel, die sicherlich beim Sicherheitscheck aufgefallen wäre.
Es liegt also die Vermutung nahe, dass die Entführer Helfershelfer haben, doch warum und weshalb? Auch diese spannende Frage bleibt bisher unbeantwortet, zumal die Kidnapper die Kommunikation mit den Bodenstationen kappen und auch das Flugziel nach London nicht ändern. Hinzu kommt, dass die Geiselnehmer sich als internationales und bunt zusammengewürfeltes Team aus Engländern und Arabern herausstellen. Insofern wird es interessant sein, herauszufinden, welche Motive sie verfolgen.
Der Cliffhanger
Wie bereits angedeutet, endet die Folge mit einem ungewöhnlichen Plotpoint, der wiederum neue Fragen aufwirft. Sam (übrigens toll gespielt von Idris Elba hat soeben noch eine Nachricht an seine geschiedene Frau abgesetzt, in der er ihr mitteilt, dass das Flugzeug Luftpiraten zum Opfer fiel. Im nächsten Augenblick bietet er ihnen aber eine Zusammenarbeit mit dem Hinweis darauf an, dass ihm seine Mitreisenden vollkommen egal seien und er nur lebend nach Hause kommen möchte.
Das ist durchaus überraschend, auch wenn alles darauf hinauszulaufen scheint, dass Nelson lediglich Zeit schinden und das Vertrauen der Entführer gewinnen will. So oder so hat der Cliffhanger das Potential, die Geschichte zu einem dramatischen Höhepunkt zu führen. Wie und ob das gelingt, werden wir in den kommenden sechs Episoden miterleben.

Fazit
„Final Call“ ist ein guter, wenn auch nicht ganz perfekter Einstieg für eine Serie mit einer Flugzeugentführungsprämisse, denn sicherlich erfindet „Hijack“ das Rad nicht neu. Auf die eine oder andere Art hat man alles schon gesehen, was die Pilotfolge auffährt, und doch fühlt sich die Erzählung nicht gestelzt, in die Länge gezogen oder langweilig an.
Die Story kommt schnell in die Gänge, wird immer wieder mit einem Blick in den Tower von Dubai und in Richtung von Sams Familie aufgelockert und zudem von einer Reihe interessanter Fragestellungen flankiert. Über die Figurenzeichnung lässt sich bisher nicht sehr viel sagen, am berechenbarsten erscheint jedoch die des Captain Robin Allen. Er hat ein Verhältnis mit der Flugbegleiterin Colette und als einer der Kidnapper sie mit dem Leben bedroht, schlägt er seine Erste Offizierin brutal nieder, um das Cockpit zu öffnen.
Ob das glaubwürdig erscheint, muss jede Zuschauerin und jeder Zuschauer für sich allein entscheiden. Einerseits ist man dazu geneigt, aus Liebe und Verzweiflung große Dummheiten zu begehen, andererseits ist es die Aufgabe des Captains, über 200 Menschen zu beschützen. Wie entscheidet man sich also in so einer Ausnahmesituation?
Fakt ist, dass die Showrunner eine Lage konstruieren mussten, die Allen dazu veranlasst, den Kidnappern die Kontrolle über das Flugzeug zu übergeben, und die sind offenbar bereit, zum Äußersten zu gehen. Als Allen anfangs die Kooperation verweigert, weist der Anführer der Geiselnehmer seinen Kumpanen an, Colette zu erschießen und so lange zu töten, bis er nachgibt.
Insofern ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit auch eine des persönlichen Gustos und soll deshalb bitte nicht überbewertet werden, zumal die Pilotfolge ansonsten gut zu unterhalten weiß und Lust auf mehr macht. Vier von fünf Hijacker.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Hijack“, die nun beim Streamingdienst Apple TV+ gestartet ist: