
Uns Zuschauern und seinen Kunden ist er nur als „The Guy“ (Ben Sinclair) bekannt - der durch New York radelnde Drogenkurier, der als Bindeglied zwischen den einzelnen Geschichten der neuen HBO-Anthologieserie High Maintenance, die auf dem gleichnamigen Webserienformat basiert, dient. So gerät er in bisweilen abstruse, bisweilen gefährliche, aber immer witzige Situationen mit seiner unberechenbaren Klientel. In der Pilotepisode Meth(od) ist das nett anzusehen, jedoch auch ein bisschen harmlos.
Show me the money
Zu Beginn sitzt der Guy beim Friseur, der sich über die langsam ausgehende Haarpracht seines Kunden amüsiert, dessen merkwürdigen Wünsche aber ohne Umschweife umsetzt, obwohl er sie nicht versteht: „I'm a barber, not a magician.“ Diese erste Interaktion dient sogleich als Muster für all jene, die noch folgen werden: Sie ist lustig, wortreich und behände. So geht die halbe Stunde der Auftaktepisode schnell vorbei, wobei die einzelnen Geschichten naturgemäß in einen Wettstreit miteinander geraten, der nur für eine von beiden gut ausgeht.
Zwei britische Schauspieler haben sich den Weed-Lieferanten als ahnungsloses Versuchskaninchen ausgeguckt, um ihren amerikanischen Dialekt auszuprobieren. Das funktioniert als Pointe gut, nimmt der gesamten Kurzgeschichte aber etwas die Luft aus den Segeln, hätten die beiden als echte Figuren doch mehr Spaß gemacht als nur als Charaktere, die sie spielen. Andererseits gibt es für den Guy - und damit irgendwie ja auch für uns Zuschauer - gar keinen großen Unterschied dadurch, weil er ihrer Täuschung aufsitzt.
Mit Engelsgeduld nimmt er die Kapriolen des schauspielenden Johnny hin. Schon kurz nach der Lieferung will er eigentlich wieder gehen, woran er jedoch ständig gehindert wird. So muss er über sich ergehen lassen, dass der unberechenbare Johnny ihn beschuldigt, nicht sein Freund zu sein, dass er seine Kenntnisse über Sexarbeitsgesetze in Dänemark und Uruguay zum Besten gibt, dass er mit seinem Samuraischwert herumfuchtelt sowie Trainings- und Business-Tipps verteilt. Kumpel Chauncey sitzt hingegen größtenteils stumm auf dem Sofa und durchbohrt den Guy mit seinem penetranten Blick.
Das liest sich nun vielleicht nicht wahnsinnig komisch, ist es aber dank der schauspielerischen Leistungen sämtlicher Beteiligter. Am Ende sieht sich der Guy gezwungen, mit Johnnys Münzensammlung vorliebzunehmen, weil der schon wieder verschwunden ist, um seine angebliche Freundin zu besänftigen. Chauncey hat für den radelnden Drogenkurier zum Abschied nur ein Zitat aus „Kevin - Allein zu Haus“ übrig: „Keep the change, you filthy animal.“
Getting ready to tweet about your disappearance
Der nächste Kunde mit dringendem Lieferwunsch ist Max (Max Jenkins), dem seine Mitbewohnerin (Helene Yorke) in zunehmendem Maße auf die Nerven geht. Statt sie bei einer Dildoparty weiter zu bespaßen, widmet er sich lieber seiner Dating-App, wobei er auf den trockenen Alkoholiker Sebastian trifft. Dem folgt er zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, weil ihm selbst das freudvoller erscheint als ein weiterer gewöhnlicher Abend voller Drinks und Kokain mit der lästigen Ko-Bewohnerin seines Appartements.
Bald geht er dort sogar lieber hin, als mit ihr aufgenommene Episoden von „The Real Housewives“ anzuschauen: „Be a fat garbage monster on the couch with me.“ Sie rächt sich allerdings damit, seine Lüge von der Crystal-Meth-Abhängigkeit auffliegen zu lassen. Daraufhin stürzt er sich in ebenjene Droge, was für sein körperliches Wohlbefinden verheerende Konsequenzen hat. Zu Hause nimmt ihn seine Mitbewohnerin in Empfang, für die er kurz hintereinander sowohl hässliche als auch liebenswerte Worte findet: „You ruined me“ wird gefolgt von „I'm the luckiest boy in the world“.
Man merkt dem neuen Format High Maintenance an, dass es aus einer Webserie hervorgegangen ist. In der Pilotepisode wird daraus eine kurzweilige Aneinanderreihung zweier Geschichten mit ebenso liebens- wie verachtungswürdigen Charakteren, die nur ganz lose mit einem dünnen Faden namens The Guy verbunden sind. Audiovisuell ist das äußerst bekömmlich umgesetzt. Allerdings fehlt ein Bezugspunkt, es fehlt die Möglichkeit der emotionalen Verbindung zu einer oder mehreren Figuren.
Eine solche liefert die zweite Episode, Museebat, die vom Aufwachsen eines muslimischen Mädchens im verlockenden Sündenpfuhl New York erzählt (HBO hat Kritikern alle sechs Episoden zur Verfügung gestellt). Eine Serie über sie würde ich lieber sehen als die meisten Kurzgeschichten, die zwar äußerst unterhaltsam, aber irgendwie auch zahnlos sind.