High Maintenance 3x09

High Maintenance 3x09

Die HBO-Dramedy High Maintenance ist Wohlfühl-Fernsehen schlechthin und bietet seinen Zuschauern einen großartigen Blick auf das Leben an sich, in all seinen Formen und Farben. Dabei ist der Mensch nie allein, sondern stets Teil eines großen Ganzen, worin wiederum eine wunderschöne Botschaft der Serie steckt.

„High Maintenance“ (c) HBO
„High Maintenance“ (c) HBO
© ??High Maintenance“ (c) HBO

Normalerweise verfolgen Serien ein Ziel. Es gibt einen Plot, der Charaktere von A nach B bringt, um im Zuge dessen entwickeln sich besagte Charaktere weiter. Motive und Ziele verändern sich über die Zeit, die grundsätzliche Struktur, die Dramaturgie der Geschichte, bleibt jedoch die gleiche. Manche Serien sind sehr auf ihren Plot konzentriert, für andere ist es „nur“ ein Mittel zum Zweck, um Zeit mit bestenfalls interessanten, komplexen Figuren zu verbringen. Was diese erleben ist letztlich gar nicht mal so wichtig. Es geht um das Wie und manchmal auch um das Warum. Nicht mehr und nicht weniger.

Die HBO-Produktion High Maintenance steht gefühlt allein auf weiter Flur da, wenn es um das Phänomen des „plotlosen Erzählens“ geht. Kaum eine andere Serie zeigt so wenig Interesse daran, einer klaren Erzählstruktur zu folgen, Prämissen zu etablieren oder Charaktere vorzustellen. Kaum eine andere Serie lebt so sehr im Moment wie dieses Kleinod der jüngeren Fernsehgeschichte, welches 2012 erst als Webserie auf Vimeo existierte und 2016 von HBO als vollwertige, halbstündige Dramedy präsentiert wurde. Kreiert von Katja Blichfeld und Ben Sinclair, der auch die Hauptrolle des namenlosen, grasdealenden Protagonisten - „The Guy“ - in New York übernimmt, stellt „High Maintenance“ den Inbegriff eines Nischenprodukts dar, dessen Strukturlosigkeit eine einzigartige Tugend ist.

Paradoxerweise kann man aus dieser vermeintlichen Strukturlosigkeit ein formelles Gerüst für jede einzelne Geschichte herausfiltern, die „High Maintenance“ in bisher drei Staffeln mit seinen wenigen, aber sehr treuen Zuschauern geteilt hat. Jede Episode der Serie folgt einer simplen Devise, die die Serienmacher ihren Autoren, Regisseuren und sich selbst auferlegt haben: Zeigt das Leben. Zeigt Menschen dabei, wie sie ihre Leben leben. Es geht nicht zwangsläufig um die Bewältigung von bestimmten Herausforderungen, um große Momente, um einschneidende Erlebnisse im Leben einer Person. Es geht einfach um das Leben einer Person.

Das kann auf den ersten Blick sehr langweilig sein. Ereignisarm. Gewöhnlich. Wir sind es gewohnt, in Serien und Filmen außergewöhnliche Geschichten von außergewöhnlichen Menschen zu sehen. Wir fühlen uns zu solchen Dingen hingezogen, weil wir der Meinung sind, dass wir relative normal sind, und normal ist langweilig, also entfliehen wir in fiktive Welten mit fiktiven Charakteren, die nicht normal, ergo nicht langweilig sind. Aber das Leben an sich ist nicht normal und langweilig. Und „High Maintenance“ wird nicht müde seinen Zuschauern dies immer wieder vor Augen zu führen.

In den einfachsten, unspektakulärsten Lebensausschnitten wildfremder Menschen findet diese Serie immer wieder etwas Besonderes und Einzigartiges. Etwas, das wir ins Herz schließen können, etwas, das uns zutiefst irritiert und nicht mehr loslässt. Etwas, das uns zeigt, was alles in diesem großen bunten Topf namens Leben steckt. Und wie toll es doch eigentlich ist, dass wir es so nutzen können, wie wir wollen. „High Maintenance“ gewährt über seinen vignettenhaften Erzählstil nicht nur Einblicke in die unbeschreibliche Vielseitigkeit unserer Umwelt und all die „Schätze“, die sich ums herum finden lassen. „High Maintenance“ ist eine Ode an das Leben per se und all die verschiedenen Facetten, die dieses beinhaltet.

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Liebe. Trauer. Wut. Freude. Das komplette Spektrum des menschlichen Daseins spiegelt sich in dieser Serie wieder, deren kleine Reise durch die große Stadt New York - die perfekte Kulisse für all diese Mikrokosmen - noch lange nicht am Ende ist. Die Fahrt mit dem Sportrad durch die wuseligen Asphaltschluchten der Weltmetropole geht unermüdlich weiter, von einer Lebensgeschichte zur nächsten. Das ist „The Cruise“, wie es so treffend im Finale der dritten Staffel beschrieben wird. Kein schöneres Gefühl gibt es für den „Guy“, dessen Wege sich mit so vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten kreuzen, der manchmal nur am Rand oder im Hintergrund einer Geschichte steht, und manchmal selbst mittendrin statt nur dabei ist.

The Guy“ ist unser Avatar auf diesem Trip, unser Stellvertreter, dessen eigene kleine Geschichte beiläufig und völlig frei von Eitelkeiten erzählt wird. Man könnte unsere Hauptfigur, das Bindeglied zwischen all den Personen und Momenten dieser Serie, fast vergessen. Umso wirkungsvoller ist es dann auf einmal, wenn sich ein Teil einer Episode konkret um „The Guy“ dreht, der eben nicht nur ein außenstehender Beobachter wie wir ist, sondern selbst intime Einblicke in sein Dasein preisgibt.

Dieses ist gefüllt mit sonderbaren Begegnungen, mit herzlichen Wiedersehen und unangenehme Alltagssituationen. „The Guy“ radelt durch die Welt mit offen Augen und offenen Herzen, tuckert in einem ollen Wohnmobil umher, verliebt sich, startet eine Beziehung, beendet diese Beziehung, steigt wieder auf Drahteseln und radelt weiter, trifft sich mit Freunden, die sich in einer ganz anderen Lebensphase als er befinden, nimmt an dieser für kurze Zeit teil, und schwingt sich zurück auf den Sattel, nachdem er kurz überlegt hat, was er selbst mit seinem Leben anstellt. Aber diese Frage stellt sich „The Guy“ nicht in einem vorwurfsvollen Ton. Er ist vielmehr dankbar für all diese Farben und Töne, für diese Unberechenbar- und Strukturlosigkeit des Lebens, das keine Grenzen kennt und in dem man nie alleine ist.

Eine traumhafte Montage zum Abschluss der dritten Staffel von High Maintenance illustriert hervorragend, wie toll es doch ist, ein Teil eines großen Ganzen zu sein und die Möglichkeit zu haben, permanent Verbindungen knüpfen zu können, das das eigene Leben bereichern. Dass man alles um einen herum aufsaugen und für andere da sein kann, die sich vielleicht gerade sehr schwer damit tun, ihr Leben zu leben. Diese kleine Serie hat so viel Herz und Verständnis, so viel Witz und Tragik, so viel alles. Und nie zuvor hat sich die Kernaussage des HBO-Formats so deutlich gezeigt wie hier, in den letzten Minuten von Cruise. Das Leben ist wie eine Fahrt, mit ein paar Zwischenstopps hier und da, ohne ein konkretes Ziel. Die Strecke, die man zurücklegt, der Weg, auf dem man nicht alleine unterwegs ist - darum geht es. Immerhin sitzen wir doch alle irgendwie im gleichen Boot, nicht wahr?

Oder um es mit den Worten des Songs Do Your Best von John Maus zu sagen, der am Ende der dritten Staffel erklingt:

Someone,

Someones alone,

In the city tonight,

You've gotta do whats right,

In the city tonight,

Someones alone,

Reach out your hands to the one alone,

In your city tonight,

You've gotta do whats right,

In your city tonight.

Trailer zur 3. Staffel von High Maintenance:

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Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 24. März 2019
Episode
Staffel 3, Episode 9
(High Maintenance 3x09)
Deutscher Titel der Episode
Hohe Erwartung
Titel der Episode im Original
Cruise
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. März 2019 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 22. Mai 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 22. Mai 2019

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