The Desert: Review der ersten beiden Episoden

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Das passiert
Eben feierte Peggy (Patricia Arquette) mit ihrer Familie in ihrem schicken Haus noch eine Party, da steht auch schon die DEA (Drug Enforcement Administration) mit Rammen und in voller Montur vor der Tür. Zu dumm, dass sich ihr Mann Denny (Matt Dillon) seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Marihuana, Kokain und anderen „Glücklichmachern“ verdient hat und es ihm nun an den Kragen geht.
Zehn Jahre und eine Haftstrafe später findet sich Peggy in einem Western-Dorf als Schauspielerin wieder. Einmal in der Woche holt sie sich ihre Dosis Methadon ab und versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Als Ihre Mutter stirbt und sie ihr Haus verliert, kommt sie auf die verrückte Idee, eine Partnerschaft mit dem glücklosen Privatdetektiv Bruce (Brad Garett) einzugehen und stößt bald darauf tatsächlich auf ihren ersten Fall.
Der ehemalige Anchorman (Hauptmoderator) Bob (Rupert Friend) versucht sich nun als falscher Guru und hat soeben Peggys Freundin Tammy um 3000 Dollar erleichtert. Als Peggy das Geld zurückbeschaffen will, stößt sie auf ein gestohlenes Gemälde von Picasso, einen Bösewicht und seine fiese Tochter und gefälschte Kunstwerke. Prompt riecht sie einen Fall und stolpert mit Bruce unversehens in eine große Sache hinein.
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Staraufgebot
Patricia Arquette hat es wieder getan. Nachdem die hochdekorierte Ausnahmeschauspielerin schon in Severance, The Act, CSI: Cyber und natürlich in 130 Folgen Medium (lest dazu auch unseren Streamingtipp) glänzte, setzt sie nun in High Desert starke Akzente. In den ersten beiden Episoden, Schmerzbewältigung und „Zwei Möpse, aber kein Freund =ein Verbrechen“, die wir bisher haben sichten können, zieht Arquette das Geschehen mit einer Leichtigkeit an sich, die einfach eine wahre Freude ist.
Wer Arquette noch als hellsehende Staatsanwaltsgehilfin in Erinnerung hat, die ansonsten als Vollblutmama ein glückliches Leben führt, wird von dieser drogensüchtigen, skurrilen Hauptfigur geradezu überrumpelt. Gut, dass Showrunnerin Jennifer Hoppe nicht an der weiteren Besetzung gespart hat. Mit dem aus Obi-Wan Kenobi und Homeland bekannten Rupert Friend, Daniel Colman (Battlestar Galactica, Interview with the Vampire), der inzwischen 75-jährigen Bernadette Peters (Mozart in the Jungle sowie den oben erwähnten Stars steht Arquette ein gut gewähltes Ensemble zur Seite, das hervorragend harmoniert und „High Desert“ zu einem besonderen Trip in die Welt einer Frau macht, derer Leben eigentlich ein Trümmerhaufen ist.
Dennoch gelingt es Peggy offensichtlich, immer wieder auf die Füße zu fallen, auch wenn sie sich ihren Methadon-Alltag hin und wieder gerne mit einem LSD-Trip oder einer „Tüte Gras“ versüßt. Obwohl sie ihre Fehler hat, ist diese Frau doch irgendwie sympathisch, so dass man ihr gerne auf ihren Abenteuern in der kalifornischen Kleinstadt Yucca Valley, nahe der Wüste folgt.
Überraschender Einstieg
Die Geschichte beginnt recht simpel mit einer Familienfeier. Man merkt schnell, dass die Menschen, denen man soeben begegnet, keine 08/15-Vorstädter sind, ein Eindruck, der sich nur wenige Minuten später bestätigt. Denn plötzlich halten vor dem hübschen Vorstadthaus schwarze Wagen, aus denen ein hochgerüsteter Einsatztrupp der DEA entsteigt. Bewaffnet mit Einmannrammen, halbautomatischen Gewehren und schusssicheren Westen stürmt die Drogenbehörde das schicke Anwesen. Drinnen herrscht indes reges Treiben. Peggy und ihr Mann Denny versuchen soeben, massenhaft Marihuana und einen großen Batzen Geld verschwinden zu lassen, da ist es auch schon zu spät.
Nichts hat auf diesen Einstieg hingedeutet, umso überraschter beobachtet man als Zuschauender zunächst das Treiben, bis Denny bei dem wahnwitzigen Versuch scheitert, kiloweise „Stoff“ im Abfluss seiner Spüle zu entsorgen und sich kläglich darüber beschwert, dass dieser verstopft ist. Spätestens hier wird klar: High Desert nimmt sich in keiner Weise ernst und setzt eine exzentrische Szene hinter die andere, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen.
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Platzpatronen, Trips und geklaute Kohle
Das gelungene Stilelement zeichnet die ersten beiden Episoden aus, denn Peggy ist weder um einen Spruch verlegen, noch ist sie sich dafür zu schade, als alternde Western-Bardame den Can-Can zu tanzen. Es ist herrlich mitanzusehen, wie Arquette im typischen Bartenderinnenkleid die Beine schwingt und dabei Flaschen aus Effektglas auf den Schädeln ihrer Kollegen zertrümmert oder mit Platzpatronen im Colt für Ruhe im sprichwörtlichen Stall sorgt. Als ihre Familie, die sie in den letzten Jahren finanziell unterstützt hat, ihr den Geldhahn zudreht, wird es dennoch brenzlig für sie. Gekonnt wechselt die Situation zwischen Drogenrausch, Trauer und dem unbedingten Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen hin und her, ohne an Homogenität einzubüßen. In solchen Momenten nimmt die Serie unverkennbare Dramedy-Züge an, was den Figurenaufbau auf starke Weise unterstützt.
Richtig Fahrt nimmt die Geschichte auf, als Peggys Chef bestohlen wird und er sie verdächtigt, weil sie sich regelmäßig ins Büro schleicht, um sich am Kaffee gütlich zu tun. Eine falsche Verdächtigung kann die Ex-Knacki-Frau natürlich nicht auf sich sitzen lassen, und so findet sie kurzerhand durch deduktives Kombinieren heraus, dass ihre Kollegin Tammy Susan Park das Geld nahm, um sich ein paar neue „Möpse“ (sic!) maßschneidern zu lassen.
Der eigentliche Grund für den Diebstahl liegt jedoch bei Guru Bob verborgen, der Tammy mit einem witzig geschriebenen Mix aus Liebesschwüren und pseudoreligiösen Geschwurbel um den Finger wickelte, um die naive Frau auszunehmen. Gut, dass Tammy Peggy zuvor ein Video schickte, um sie zu ärgern und sie darauf einen seit zehn Jahren als gestohlen gemeldeten Picasso entdeckt. Sie überredet den erfolglosen Detektiv Bruce, bei dem sie sich in der Pilotfolge als Praktikantin aufgedrängt hatte, dem Fall nachzugehen. Ab hier wird es richtig verrückt, denn die Welt des selbst erklärten Gurus ist so stark überzeichnet, dass man aus dem Schmunzeln kaum noch herauskommt.
Fazit
„The Desert“ ist überdreht, beinahe aberwitzig und mit den Ausflügen in Peggys Drogenexzesse und Guru Bobs Welt unrettbar überzogen. Und damit ist die Serie nicht mehr oder weniger als ein Riesenspaß. Patricia Parquette fährt in der Rolle ihr ganzes Können auf und wird von einem starken Ensemble unterstützt. Die kurze und knackige Erzählweise (die Episoden sind zwischen 25 und 37 Minuten lang) sorgt für Stringenz und lässt keinen Raum für unnötige Ablenkungen.
Das ist auch gut so, denn als Zuschauerin und Zuschauer möchte man keinen Moment des Abenteuers der vielleicht ungewöhnlichsten Detektivin der derzeitigen TV-Landschaft verpassen. Eingebettet in eine Inszenierung, die durchaus gewollt Bezüge auf die 90er und 2000er Jahre aufweist (man beachte nur das klassische Intro), macht „High Desert“ von der ersten Minute an Lust auf mehr. Viereinhalb von fünf LSD-Trips.
Hier abschließend noch der Originaltrailer zur neuen Serie „High Desert“: