Hide and Seek: Kritik zur ukrainischen Thrillerserie

© oster zur Serie Hide and Seek (c) ZDF Enterprises
Das passiert
Ein kleines MĂ€dchen verschwindet aus einer von innen verschlossenen Wohnung spurlos, wĂ€hrend ihr Vater gerade mit ihr Verstecken spielt. Als sich herausstellt, dass er ein Kleinkrimineller ist, fĂ€llt der Verdacht der beiden ukrainischen Kripo-Beamten Maxim Shumov (Pyotr Rykov) und Varta Naumova (Yulia Abdel Fattakh) schnell auf ihn. Eine intensive Befragung und die Untersuchung des Appartements ergeben jedoch keinerlei Anhaltspunkte, bis Varta herausfindet, dass sich der TĂ€ter mit seinem Opfer noch im mehrstöckigen Wohnhaus versteckt und sich als Reisender getarnt mit dem MĂ€dchen absetzen will. Um ihn zu stellen, wird der korrupte und drogensĂŒchtige Polizist Bondar (Mikhail Troynik) abkommandiert. Doch zu einer Verhaftung kommt es erst gar nicht, denn der Cop wird vor seinem Auto erschossen.
Einige Tage spĂ€ter erschĂŒttert ein weiterer EntfĂŒhrungsfall die Bevölkerung. Der Sohn der PopsĂ€ngerin Didi (Daria Polunina) verschwindet spurlos aus dem Club, in dem die Ikone gerade probt. HĂ€ngen die FĂ€lle zusammen? Und wenn ja, welche PlĂ€ne verfolgt der Gangster? Und was hat die Ermordung Bondars mit all dem zu tun?
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Ein guter Beginn
Die ukrainische Thriller-Serie Hide and Seek (im Original „Pryatki“) stammt bereits aus dem Jahr 2019, fand ihren Weg aber erst jetzt im Zuge der UnterstĂŒtzung der Kreativen des kriegsgebeutelten Landes nach Deutschland ins Free-TV. Bereits im November 2021 lief die Pay-TV-Premiere im Sony Channel.
Im Fokus steht die von Yuliya Abdel Fattakh eindringlich gespielte Ermittlerin Varta Naumova, die seit sieben Jahren als Polizistin dient, aber wĂ€hrend ihrer Ausbildungszeit vergewaltigt wurde und daher ihren mĂ€nnlichen Kollegen mit Abstand begegnet. Ihr neuer Partner Maxim hat ein VerhĂ€ltnis mit der leitenden Rechtsmedizinerin und ist gerade erst aufgrund eines Korruptionsverdachts einen Rang herabgestuft worden, als ein mysteriöser EntfĂŒhrungsfall das ungleiche Paar zusammenfĂŒhrt.
Die Serie beginnt in tristen, winterlichen Grau-Braun-Tönen und fĂŒhrt uns in eine zwar nicht moderne, aber saubere und groĂe Wohnung, wo ein Vater soeben mit seiner Tochter Verstecken spielt. Doch obwohl er die TĂŒr zuvor von innen verschlossen hat, verschwindet die Kleine wĂ€hrend des gemeinsamen Nachmittags spurlos. Die Frage, wie dies geschehen konnte und warum ausgerechnet das Kind eines Menschen, der offensichtlich nicht reich ist, gekidnappt wird, drĂ€ngt sich geradezu auf. Im Laufe ihrer Ermittlungen entwirrt das Polizistenduo ein Netz von Intrigen, falschen FĂ€hrten und Korruption und kommt dem TĂ€ter in den ersten vier vom Rezensenten gesichteten Episoden doch keinen Schritt nĂ€her.
Korruption
Ein Kind aus einem eigentlich sicheren Umfeld verschwinden zu lassen, ist allerdings grundsĂ€tzlich ein Trigger fĂŒr Krimifans, die es lieben, mitzuraten. Das vor allem, wenn es bald darauf ein weiteres Opfer gibt, das augenscheinlich nicht das Geringste mit dem ersten zu tun hat. Der Vater des MĂ€dchens ist ein kleinkrimineller Autoschieber, der von seiner im Ausland lebenden Frau getrennt lebt und es sich von der religionsfanatischen Oma nicht nehmen lĂ€sst, sein Kind zu sehen. Der verschleppte Junge Bogdan (Stepan Matuzko) ist wiederum der Sohn einer gut situierten Pop-Ikone, die ihn nie wollte und es nicht schafft, eine enge Bindung zu ihm aufzubauen. Aus so einer PrĂ€misse lieĂe sich ein packendes Verwirrspiel stricken, was streckenweise auch hervorragend gelingt.
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Spannend ist zudem das Umfeld, in dem sich die Hauptfiguren Maxim und Varta bewegen. Drehbuch-Autor Simor Glasenko und Regisseurin Iryna Gromozda zeichnen ein dĂŒsteres Bild voller Korruption und Misstrauen vom ukrainischen Polizeiapparat und zitieren damit unverhohlen die Bestechungsskandale und Vetternwirtschaft, die das Land vor der Wahl von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj 2019 heimsuchten. Viele Kollegen des Duos denken in allererster Linie an sich. Maxims ehemaliger Partner Bondar (schön unsympathisch von Mikhail Troynik verkörpert) ist drogensĂŒchtig, brutal und ein skrupelloser Dealer, der im Verlauf der Pilotfolge (Neue Partner) vollgepumpt mit Amphetaminen eine Ăberwachung ĂŒbernimmt und dabei erschossen wird.
Ein anderer Kollege verrĂ€t in Folge vier einem schmierigen Reporter ein Geheimnis ĂŒber Varta, das dazu fĂŒhrt, dass ihr Vorgesetzter sie vom Fall abzieht. Und dann gibt es da noch die mysteriöse Spezialeinheit 7, auch Siebener-Gruppe genannt. Der Polizeitruppe eilt der Ruf voraus, nicht nur eine einfache Einheit zu sein. Vielmehr kontrolliert die Bande in Uniform angeblich den Drogenhandel (Falsche FĂ€hrten). Steht die Frage, inwiefern die EntfĂŒhrung der beiden Kinder mit der Ermordung des korrupten Bondar zusammenhĂ€ngt, bereits spĂ€testens ab Folge zwei (Alte Bekannte) im Raum, nimmt dieser Verdacht mit zunehmenden Hintergrundwissen richtig Fahrt auf. Ein weiterer Kandidat auf ein kriminelles Doppelleben ist ein Staatswalt, der mit Varta zusammen auf der UniversitĂ€t war, und ein undurchschaubares Spiel zu treiben scheint.
LĂ€ngen
Zu erkunden gibt es also in dem durchaus ansprechend inszenierten achtteiligen Thriller mehr als genug. Als einziges Manko erweist sich stellenweise das doch recht gemĂ€chliche ErzĂ€hltempo, das hier und da mal kleine LĂ€ngen aufweist und vor allem in den Teilen zwei und drei (Zauberglöckchen) ohne Weiteres ein wenig gestraffter prĂ€sentiert werden könnte. Eine Episode weniger hĂ€tte dem ErzĂ€hlfluss durchaus gutgetan, zumal viel Zeit mit zwar nicht gĂ€nzlich sinnlosen, aber eben in die LĂ€nge gezogenen FigurengeplĂ€nkel vergeudet wird. GlĂŒcklicherweise kommt dies nicht ĂŒbermĂ€Ăig oft vor, so dass man damit gut leben kann, zumal das ErzĂ€hltempo in Folge vier erheblich anzieht und auf ein aufreibendes Finale hoffen lĂ€sst.
Fazit
Hide and Seek hat seinen ganz eigenen Stil, der sich von westeuropĂ€ischen und US-amerikanischen Produktionen durchaus wohltuend abhebt. Die Serie bietet einen erfrischend ehrlichen Blick auf ein Land, das vor dem Krieg gerade im Begriff war, sich von jahrelanger Korruption zu befreien und zu modernisieren. Sicherlich, hier und da gibt es die eine oder andere LĂ€nge. Im Gegenzug punkten aber gute Hauptdarsteller, eine spannende Idee und die dĂŒstere AtmosphĂ€re des ukrainischen Winters.