Kritik der neuen HBO-Dramaserie Here And Now von Alan Ball

Kritik der neuen HBO-Dramaserie Here And Now von Alan Ball

Eine düstere Serie für düstere Zeiten: In Here and Now schreibt sich Alan Ball den Frust über alles von der Seele, was seiner Meinung nach in Amerika - und der Welt - schiefläuft. Das könnte auf lange Sicht sehr anstrengend werden, weckt zu Beginn aber erst mal Interesse.

Ramon (Daniel Zovatto) wird von merkwürdigen Halluzinationen heimgesucht. (c) HBO
Ramon (Daniel Zovatto) wird von merkwürdigen Halluzinationen heimgesucht. (c) HBO
© amon (Daniel Zovatto) wird von merkwürdigen Halluzinationen heimgesucht. (c) HBO

Als sogenannter liberal - in Deutschland würde man dazu wohl Sozialdemokrat sagen - hat man es in Amerika derzeit nicht leicht. Nach acht Jahren mit dem ersten schwarzen US-Präsidenten war man sich eigentlich schon sicher, den nächsten Meilenstein zu erreichen: die erste Präsidentin. Doch dann kam der Schock, den niemand für möglich gehalten hatte, die Wahl einer gefährlichen Witzfigur, eines Diktators in spe, ins mächtigste Amt der Welt. Kulturell wird das unterschiedlich aufgearbeitet, mal ignoriert, mal aggressiv konfrontiert, mal versucht herunterzuspielen.

The world is bigger than us

Der Fernsehmacher Alan Ball, einer der wichtigsten Autoren im klanghaften HBO-Stall, Schöpfer solcher Erfolge wie Six Feet Under und True Blood, hat nun seine eigene Abrechnung mit Trump-Amerika vorgelegt. In Here And Now erzählt er von einer besonders progressiven Familie aus der besonders progressiven Großstadt Portland, die vor dem Scherbenhaufen ihres Schaffens steht. Vor allem die beiden Elternteile Greg (Tim Robbins) und Audrey (Holly Hunter) sind desillusioniert, da sie einst glaubten, die Welt zu einem besseren Ort machen zu können, aber doch nichts erreicht haben.

Dieses Sujet ist naturgemäß ziemlich düster, und Ball et al. halten sich auch zu keinem Zeitpunkt zurück, ihre Figuren mit dem eigenen Frust aufzuladen. Nun könnte man glauben, dass die Ernüchterung über äußere Zustände zu mehr innerfamiliärem Zusammenhalt führen würde, aber auch das ist nicht der Fall. Statt sich an der eigenen Diversität und Fortschrittlichkeit zu erfreuen und eine Art Schutzwall gegenüber den bösen Mächten des Konservatismus aufzubauen, verlieren sich die meisten Charaktere in innerparteilichen Grabenkämpfen. So richtig mag sich hier fast niemand.

Folglich fällt es auch uns Zuschauern schwer, große Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Trotzdem hat mich die Pilotepisode Eleven Eleven nicht so abgeschreckt, wie es diese anfänglichen Zeilen vielleicht vermuten lassen. Darin ist zwar alles - bis auf ganz wenige Lichtblicke - düster, grau und traurig, aber die darstellerischen Leistungen, die Dialogarbeit und ein Hauch des Übernatürlichen werden mich weiterhin einschalten lassen. Außerdem gibt es einige Figuren, die zwar ziemlich unausstehlich daherkommen, deren Schicksal aber trotzdem interessant sein könnte.

Greg (Tim Robbins) schafft es nicht, vor seinen Gästen gute Miene zum depressiven Spiel zu machen.
Greg (Tim Robbins) schafft es nicht, vor seinen Gästen gute Miene zum depressiven Spiel zu machen. - © HBO

Der interessanteste Charakter der Auftaktepisode ist Ramon (Daniel Zovatto), das jüngste adoptierte Kind der Familie Boatwright-Bayer. Er stammt ursprünglich aus Kolumbien, seine älteren Geschwister Ashley (Jerrika Hinton) und Duc (Raymond Lee) aus Liberia respektive Vietnam. Ihre jüngste Schwester Kristen (Sosie Bacon) ist das einzige leibliche Kind von Greg und Audrey. Diese Familienzusammenstellung sollte der familiäre Beitrag zu einer offeneren, freundlicheren, friedlicheren Welt sein. Stattdessen herrscht in der Familie viel Neid, Missgunst und gegenseitige Verachtung.

Hungry for approval

Ramon ist beispielsweise schwul, hatte aber noch nie einen festen Freund, geschweige denn einen Kandidaten für dieses Amt mit nach Hause gebracht, weil dort die bis zur metaphorischen Erdrosselung überfürsorgliche Audrey warten würde, um der sexuellen Aufgeklärtheit ihres Sohnes zu huldigen. Genau das passiert in der Pilotepisode: Henry (Andy Bean), mit dem Ramon seit Wochen im Waschsalon-Café flirtet, fragt einfach, ob er ihn zum 60. Geburtstag seines Vaters begleiten könne. Dort wird Henry, der Ramons Warnung, es könne weird werden, in den Wind geschlagen hat, sogleich in freudiger Erregung von Audrey in Beschlag genommen.

Bei der Charakterzeichnung der Matriarchin haben Ball und Konsorten wahrlich keine Gnade walten lassen. Audrey wird von nahezu allen anderen Familienmitgliedern auf unterschiedliche Weise verachtet, was angesichts ihres Verhaltens aber auch nicht allzu schwer nachzuvollziehen ist. Mit dem Cateringteam spricht sie ziemlich herablassend auf Spanisch, gegenüber ihren Kindern übt sie keinerlei Zurückhaltung. Duc, der sich aus bisher unbekannten Gründen in sexueller Enthaltsamkeit übt, verkündet sie beispielsweise unverblümt: „Women hate men like you.

Mit Kristen, dem einzigen Abkömmling, der noch zu Hause wohnt, befindet sie sich sowieso im Dauerclinch. Von Ramon erhält sie für ihre Neugier und Beschlagnahmung von Henry sogleich eine saftige Quittung: „We put our dicks in each other.“ Später, als sie und Greg ihren jüngsten Sohn zur Therapie begleiten, weil der merkwürdige halluzinatorische Anfälle erlitten hat, wird auch klar, woher diese Verachtung stammt. Audrey ist völlig unfähig, Distanz zwischen sich und ihren Kindern aufzubauen. Sie will alles wissen, überall mitreden, alles bestimmen - oder wie Greg es formuliert: „You want to control everything.

Solche Zärtlichkeiten sind in „Here and Now“ selten - und dann auch noch teilweise gespielt.
Solche Zärtlichkeiten sind in „Here and Now“ selten - und dann auch noch teilweise gespielt. - © HBO

Die Diskrepanz zwischen Wunschvorstellung und Realität wird besonders deutlich auf Gregs Geburtstagsfeier. Zuvor hat er bereits gegenüber seinem Lieblingsstudenten Michael (Kevin Bigley), der ihn als sein Idol bezeichnet, und der Sexarbeiterin, die er einmal pro Woche aufsucht, überaus deutlich gemacht, dass er sich in einer tiefen Depression befindet. Hernach schafft er es noch nicht einmal, nach Hause zu fahren, ohne dabei anhalten zu müssen, um seinen Tränen freien Lauf lassen zu können. In der Dusche setzt er sich auf den Boden, verkündet Audrey, keine Lust auf eine Rede zu haben, und gießt deren teures dänisches Shampoo in den Ausguss.

Fuck Denmark

Wer zu diesem Zeitpunkt glaubt, nun ist es aber mal genug mit der Trostlosigkeit, der muss sich auf noch unbequemere Szenen einstellen. Nachdem Audrey eine kurze Ansprache gehalten hat, die vor Heuchelei nur so trieft, nötigen sie und die übrigen Partygäste Greg dazu, doch auch ein paar Worte zu äußern. Nach kurzem Zögern wirft er sämtliche Etikette über Bord und lässt seinen negativen Gefühlen freien Lauf. Er spricht davon, sich manchmal zu wünschen, dass sein Herz endlich aufhören solle zu schlagen, es dann aber einfach weitermache. Zum Schluss zieht er ein verbittertes Fazit: „All I see is ignorance, hatred, terror, and rage. We lost, folks. We lost.

In diesen Momenten spricht Robbins unverhohlen aus, was Ball wohl am stärksten bewegt. Nun stellt sich die Frage, ob daraus eine ansehnliche Serie gemacht werden kann, in der vielleicht auch ab und zu mal ein Hoffnungsschimmer zu erkennen ist, oder ob es nun zehn Episoden lang so unnachgiebig weitergehen wird. Von US-Kollegen, die schon mehrere Episoden gesehen haben, liest man dazu leider nichts Ermutigendes. Ich werde mir trotzdem die gesamte Staffel ansehen, ganz einfach, weil mir die Grundkonstellation des Familiendramas und die Besetzung so gut gefallen.

Ein bisschen mehr Zuneigung könnten sich Ball und sein Autorenteam für ihre Charaktere aber gerne abringen. Sonst hat man es beinahe ausschließlich mit Leuten zu tun, die vor der eigenen Desillusion kapituliert haben. Und so naheliegend das angesichts all der Fehlentwicklungen auch ist, die derzeit auf der Welt stattfinden, so wichtig wäre es doch, wenigstens in der Popkultur Wege aufzuzeigen, wie es besser gemacht werden kann. „The arc of the moral universe is long, but it bends toward justice“, sagte einmal Martin Luther King, Jr. Wenn man davon in Here And Now eine Andeutung sehen würde, könnte daraus eine wirklich gute Serie werden.

Diese Serie passen auch zu «Here And Now»