Haus aus Glas 1x01

© WDR/Constantin Film/Michel Vertongen
Das passiert in der Folge „Der Wassermann“ der Dramaserie „Haus aus Glas“
Emily (Sarah Mahita) entstammt in Haus aus Glas der reichen Unternehmerfamilie Schwarz und trägt ein schweres Trauma in sich. Sie wurde als Kind entführt und drei Wochen lang in einer Holzkiste gefangen gehalten. Seitdem kann sie keine geschlossenen Räume mehr ertragen. Jahre später heiratet Emily den Emporkömmling und Günstling ihres Vaters Richard (Götz Schubert) namens Chris (Aram Arami).
Zu Feier des Tages kommt die gesamte Familie auf dem Schwarz-Anwesen zusammen, auch das aus Kanada angereiste schwarze Schaf Felix (Merlin Rose). Als das Haus zunächst aufgrund eines Alarms abgeriegelt wird und später herauskommt, dass Felix sein Erbe ausgezahlt bekommen will, offenbart sich allmählich, dass das Familienidyll nicht nur bröckelt, sondern wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.
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Emilys Welt
Nach Sichtung der Pilotfolge Der Wassermann lässt sich einführend eines vorwegnehmen: Sollte sich „Haus aus Glas“ in die eingeschlagene Richtung weiterentwickeln, stehen die Sterne für eine Dramaserie mit tiefen psychologischen, manchmal aber auch trockenen, Charaktereinblicken günstig. Allen voran Emily und Felix, aber auch die Beziehung zwischen Richard und seiner ihn sexuell beherrschenden Frau Barbara (Juliana Köhler) sorgen dafür, dass man sich von Anfang nicht wohl bei Familie Schwarz fühlt. Richard mag reich sein und seinem Clan ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichen. Rein menschlich gesehen liegt bei ihnen aber offensichtlich eine Menge im Argen.
Einerseits hat Emily ein schweres Trauma erlitten, als sie als Kind entführt und wochenlang in einer Kiste gefangen gehalten wurde. Andererseits ist sie aber auch ungewollt der Grund für die Unzufriedenheit ihrer Geschwister Leo (Morgane Ferru) und Eva (Stefanie Reinsperger), weil ihre Eltern sie in ihrem Wunsch nach Wiedergutmachung bevorzugt haben. Sie selbst hadert mit der Tatsache, ihnen so fern zu sein, obwohl ihr die Gründe dafür nicht voll bewusst sind. In der letzten Szene der Folge stellt sich heraus, dass sie ein Doppelleben führt und heimlich als Vloggerin Milli*Star mit 171000 Followern aktiv ist. Als sie mit blonder Perücke und stark geschminkt vor der Smartphonekamera sitzt, sagt sie entlarvend:
„Meine Geschwister waren heute alle da bei der Hochzeit. Und ihr kennt es vielleicht: Man freut sich auf sie, man freut sich, sie zu sehen, Zeit mit ihnen zu verbringen und am Ende kommt es dann ganz anders als man es gedacht hat. Es trifft einen, immer wieder. Egal wie stark man sich auch eigentlich gerade fühlt. Mir hilft es in dieser Situation, mir klarzumachen, dass wir uns alle in unterschiedlichen Universen bewegen.“
Aus dieser Mitteilung an ihre Gefolgschaft geht recht deutlich hervor, wie einsam Emily in Wirklichkeit ist und weshalb sie Trost in der Ehe mit dem undurchsichtigen Chris sucht, der eine Spur zu glatt ist, um wahr zu sein.
Schwarze Schafe
Felix ist in „Haus aus Glas“ wiederum ein Sonderfall. Sein Familiendrama spielt sich auf der Vater-Sohn-Ebene ab. Er hat sich nach Kanada abgesetzt und fand seine Freiheit im Ausland, wo Frau und Kind auf ihn warten. Deshalb ist nicht Emilys Hochzeit Felix' eigentliches Rückkehrmotiv, obwohl diese ihn über alles liebt. Ihm geht es darum, dass sein Vater über die Zukunft der Firma sprechen will, wovon er sich eine Auszahlung erhofft, um eine Farm zu kaufen.
Als Nächste im Bunde kommen Eva und Leo hinzu. Eva arbeitet hart in Richards Firma und rechnet sich Chancen auf die Geschäftsführung aus, während Leos Lebensinhalt in der Pilotfolge noch nicht klar umrissen wird. Sie ist jedoch lebensfroh und in gewisser Weise frech, was die ansonsten einigermaßen starre Konstellation ein wenig auflockert. Beide sind nach außen hin glücklich, doch der eine oder andere bissige Kommentar vornehmlich aus Evas Richtung offenbart doch, dass ihr Verhältnis zu Emily und zu ihrem Vater tiefe Risse hat.
Besonders interessant ist die oben bereits angedeutete seltsame Beziehung zwischen Vater Richard und Mutter Barbara. In Geschäftsfragen hat er ganz klar die Hosen im Haus an und bestimmt wo es langgeht. Wenn er jedoch Sex haben möchte, muss er seine Frau auf Knien darum bitten. Was man zunächst als erotisches Dominaspiel interpretieren könnte, zeigt bald aber Tendenzen in Richtung knallhart kalkulierter Machtausübung. Denn Barbara bestimmt in jeder Sekunde darüber, wann und wie sich Richard ihr nähern darf. So darf er nach dem Sex beispielsweise nicht immer in ihrem Bett übernachten, sondern zieht sich nach ihrer Abfuhr beinahe wie ein geprügelter Hund zurück.
Emotionaler Sprengstoff

Dass Glück im Fall der Familie Schwarz in „Haus aus Glas“ also lediglich auf finanzieller Ebene definiert werden kann, ist überdeutlich. Die Familienkonstellation bietet massig Sprengstoff, an dessen Lunte das stark aufspielende Ensemble in „Der Wassermann“ mit großer Spielfreude zündelt. Inwiefern er sich an Richards Offenbarung, dass Chris die Firma übernimmt (im zweiten Teil), entzündet, bleibt abzuwarten.
Es stellt sich allerdings die spannende Frage, wer genau Chris überhaupt ist. Denn wie Richard in einer Szene erzählt, tauchte er vor zwei Jahren quasi aus dem Nichts auf und arbeitete sich schnell in der Firma hoch. Hier klingt die Geschichte ein Stück weit wie ein klassisches Hollywood-Betrügerdrama, in dem ein charmanter Mann einen reichen Vater samt Tochter um den Finger wickelt, um sie anschließend auszunehmen oder sie gar zu ermorden. Zweites würde zum Ton der Serie bislang nicht passen, kann zumindest als Plan aber auch nicht ausgeschlossen werden. Insofern bleibt es auch in der Krimirichtung interessant.
Fazit

„Haus aus Glas“ funktioniert in der Pilotfolge dank des starken Casts und intelligent geschriebener Konstellationen auf figürlicher Ebene sehr gut. Im Haus von Familie Schwarz treffen Charakterwelten aufeinander und es tun sich Beziehungsabgründe auf, die kaum einen der Protagonisten wirklich sympathisch machen. Als kleines Manko erweist sich indes, dass es nicht immer ganz leichtfällt, nah dran zu bleiben, weil die Dialoge bisweilen einen Hauch zu trocken daherkommen. Ein Schuss wohldosierter Humor hätte hier sicherlich Wunder bewirkt. Dennoch animiert die Debütepisode zum Dranbleiben.
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Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann dies übrigens ab sofort in der Mediathek des Senders arte tun. Hier stehen alle sechs Episoden zum Abruf bereit. Wer lieber auf die lineare TV-Ausstrahlung warten möchte, muss sich noch bis zum 9. Januar gedulden. An diesem Tag startet der Sechsteiler mit den ersten beiden Episoden der Produktion um 20:15 Uhr auf Das Erste.
Wir vergeben vier von fünf Punkten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Donnerstag, 28. Dezember 2023(Haus aus Glas 1x01)
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