Harlem 1x01

© zenenfoto aus der Serie Harlem (c) Amazon Prime Video
Ich habe ein Deja-vu-Gefühl, nachdem ich mir die Folge Schwestern angeschaut habe, bei welcher es sich um den Auftakt der Serie Harlem von Amazon Prime Video im Zusammenspiel mit Universal TV handelt...
Die Starz-Produktion Run The World hatte die Prämisse dieser neuen Serie nämlich schon vor einigen Monaten probiert, damals allerdings wohl vor einem überschaubaren Publikum, denn Starz und Starzplay erreichen deutlich weniger Menschen weltweit als die 150 Millionen (und mehr) Prime-Kunden auf der Welt. Wenn ich an die Starz-Serie denke, sind meine Erinnerungen aber positiver und mir die Charaktere auch schneller ans Herz gewachsen.
Wovon handelt die Serie Harlem?
Die vier Frauen aus Harlem, die hier nun im Fokus stehen, wurden an der NYU einst zu Busenfreundinnen und sind es immer noch. Immer wieder sieht man sie zu viert ihre Zeit verbringen, ob nun im Kino, Restaurants, Clubs oder bei einer von ihnen zu Hause.
Da ist Camille (Meagan Good, Minority Report), eine Anthropologie-Professorin an der Columbia University, die sich mit den Datingnormen vieler Kulturen auskennt, ihr eigenes Liebesleben aber nur schwer in den Griff bekommt. Wir lernen sie über einen ebensolchen Vortrag kennen und bald schon wird sie vom Studenten Malik angeflirtet (Ashlee Brian). Doch ihr Moralcode und ihre selbstauferlegten Regeln verbieten es ihr, sich auf Studierende einzulassen.
Bald schon verlässt Malik den Kurs, stellt ihr im Fitnesscenter nach (übergriffig much?) und weil sie obendrein an einen Exfreund namens Ian erinnert wird, der wohl wieder in der Stadt ist, gibt sie ihm doch eine Chance, um sich abzulenken. Zumal ihre goldene Regel somit nicht mehr aktiv ist. Doch: Er verlangt gleich beim ersten Date eine Sexualpraktik, von der sie nicht viel hält: Sie soll ihm wortwörtlich den Po lecken, was natürlich für rege Diskussionen mit den Girls sorgt...

Tye (Jerrie Johnson, Good Trouble) ist eine erfolgreiche, queere Datingapp-Entwicklerin, die man als bossy und ungeduldig beschrieben könnte. Außerdem datet sie mit Vorliebe Influencerinnen oder Personen, die ihr intellektuell unterlegen sind, stellen zumindest ihre Freundinnen fest. Also will sie das Gegenteil beweisen, was natürlich nicht wie erwartet für sie ausgeht - und zwar mit einseitigem Oralsex ohne Gegenleistung.
Quinn (Grace Byers, Empire) ist eine hoffnungslose Romantikerin und Modedesignerin, die versucht, der Welt etwas zurückzugeben, während sie gleichzeitig ein angeschlagenes Geschäft führt und sich per Videocalls über Wasser hält. Von den schnelllebigen Datingapps hält sie nicht so viel, doch ein klassisches Clubdate lässt sie desillusioniert zurück, als der Typ mit ihrer Handtasche einen Abflug macht, sie ohne Geld und Telefon dasteht und der Zug ohnehin erst um fünf Uhr morgens wieder fährt...
Angie (Shoniqua Shandai, I Am the Night) ist eine selbstbewusste Sängerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und sich mietfrei bei Quinn durchschnorrt. Ihre besten Tage als Musikerin sind jedoch vorbei und so hofft sie auf die nächste Karrierechance. Gefühlt ist ihre Figur im Piloten am wenigsten ausgearbeitet.
Da müssen die Autorinnen der Serie, Britt Matt und Tracy Oliver („Girls Trip“, First Wives Club), noch etwas nachjustieren...
Are we really commuting for cock?
Harlem ist, wie es Run The World, Sex and the City oder Lipstick Jungle und Cashmere Mafia schon waren, eine Serie über Frauen abseits des Colleges, die sich in einer Großstadt in den Datingpool begeben. Diesmal ist man - zumindest zu Beginn - gar nicht auf der Suche nach etwas Festem, sondern durchaus offen für hook-ups, das macht Camilles Exposition auch unmissverständlich deutlich, wenn sie uralte Völker mit modernen Großstädtern des Jahres 2021 vergleicht. Die amerikanische Datingkultur ist natürlich auch immer eine Wissenschaft für sich, denn irgendwann hat sich dort eine Art und Weise etabliert, die man zwar aus der Popkultur kennt, aber nicht unbedingt aus dem echten Leben - oder aber man hat sie unwissentlich leicht adaptiert...
Die Kreativen von „Harlem“ probieren in ihrer ersten Folge eine Mischung aus aktueller Stimmung, Trends, Black Culture und Popkultur einzufangen. Das gelingt mal mehr und mal weniger. So gibt es im Auftakt gleich mehrere Shondaland-Anspielungen, etwa aus How to Get Away with Murder in Bezug auf Camille oder Olivia Pope aus Scandal, wenn es um die Garderobe von Quinn geht. Dazu besuchen sie im Kino einen Tyler-Perry-Film („Madea 3D“) und unterhalten sich dabei laut (immerhin nur während der Werbung). Doch was gibt einem dieses Namedropping als Zuschauer außer einen Hauch angedeuteter Lebensrealität und so manche Tropen und Klischees?
Die Dialoge sind auch nicht unbedingt innovativ oder spritzig, bis auf wenige Ausnahmen. Ich habe da teilweise „Run the World“ (oder Insecure, Vida und Dear White People, um auch mal andere Beispiele zu nennen) im Ohr und finde dort bessere und kurzweiligere Beispiele für ähnliche Lebensentwürfe.

Sex und Dating spielen eine recht große Rolle bei den Frauen, was man in einer solchen Serie sicherlich nicht zu kritisieren hat, weil man genau mit so etwas die Zuschauer zum Einschalten bewegt - und manchmal passiert es eben auch rein zufällig, dass zwei sehr ähnliche Formate auf Sendung gehen. Allerdings tritt mir Harlem bereits im Pilot etwas zu sehr in ausgetretene Pfade oder Stereotype ohne mir etwas Frisches zu bieten, was mich bei der Stange hält. Dazu kommen auch die Charaktertypen, die irgendwie fast immer da sind: die Schlaue, die gerne in einer Beziehung wäre, aber enttäuscht wurde; eine Person, die täglich neue Partner zu haben scheint; die Romantikerin und auch die, die nicht so recht weiß, wohin mit sich selbst...
Allerdings bin ich, streng gesehen, auch überhaupt nicht die Zielgruppe und ich finde es immer gut, wenn es mehr Auswahl für schwarze Frauen eines gewissen Alters gibt und diese nicht nur bei Sendern wie BET, ALLBLK oder OWN laufen, sondern eben auch bei den Amazon Prime Videos dieser Welt. Weil ich mir generell ähnliche Formate in der Vergangenheit durchaus gerne angeschaut habe, wollte ich „Harlem“ eine Chance geben, mich zu überzeugen. Will man es ebenfalls probieren, muss man auch nur rund eine halbe Stunde Zeit investieren und kann schauen, ob es einem zusagt oder ob man sich lieber mit etwas anderem unterhält.
Würde man ganz fies sein wollen, dann könnte man „Harlem“ außerdem vorwerfen, dass sich die Handlung im Piloten wie eine Sketchcomedy oder ein „Saturday-Night-Live“-Skit anfühlt, sowohl, was das Drehbuch als auch, was die Performances (hier vor allem Goode) angeht. Alles ist etwas sehr zusammengewürfelt, die Zusammenhänge sind lose skizziert und die Hyperlokalität erinnert an den Klassiker „The Californians“ (nur eben mit Harlem) oder Portlandia. Dann ist eine vermeintliche Stärke des lokalen Drehs vor Ort auch schnell mal eine Schwäche, weil sie vielleicht etwas überreizt wird. Als Person Mitte 30 frage ich mich auch, wie realistisch es eigentlich ist, wie oft sich alle vier Frauen spontan am gleich Ort treffen können. Das muss man bei vier Personen mit Jobs und einem eigenen Leben in der Großstadt auch erst einmal hinkriegen...
Fazit
„Harlem“ ist leider eine sehr durchschnittliche Großstadt-Dramedy, die mit Startproblemen um die Ecke kommt und deren Figuren dem Zuschauer nichts anbieten, was man nicht schon bei anderen Serien auf Anhieb besser zu sehen bekommen hat. Serien aus „Harlem“ (und mit weiblichem schwarzen Cast) sind natürlich trotzdem rar und wer eine Verbindung zu dem New Yorker Bezirk verspürt, kann und sollte sich ein eigenes Bild machen oder einfach das kurzweiligere Run The World schauen, dessen Cast und dessen Drehbuch überzeugender daherkommt.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Harlem“, auf dem Streamingdienst Amazon Prime Video:
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 3. Dezember 2021Harlem 1x01 Trailer
(Harlem 1x01)
Schauspieler in der Episode Harlem 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?