Happyish 1x01

Im Vorfeld der Produktionsgeschichte um die neue Serie Happyish von Shalom Auslander, der sich bisher vor allem einen Namen als Buchautor gemacht hatte, erreichte ihn, die Produzenten des Formats sowie jeden Film- und Fernsehinteressierten auf der Welt eine äußerst tragische Nachricht. Charakterdarsteller Philip Seymour Hoffman, der für die Hauptrolle in „Happyish“ vorgesehen war und sogar in der ursprünglichen Fassung der Pilotepisode mitwirkte, verstarb nämlich am 2. Februar 2014. Daraufhin wurde dessen Position mit dem Briten Steve Coogan besetzt.
Im Nachhinein fragt man sich nun, nach der Sichtung der Pilotepisode, die der Sender Showtime bereits einige Wochen vor ihrer regulären Ausstrahlung am 26. April online zum Abruf bereitgestellt hatte, wie „Happyish“ wohl mit einem Philip Seymour Hoffman anstelle eines Steven Coogan ausgesehen hätte. Dennoch: Der britische Darsteller verfügt zweifellos über besonderes komödiantisches Talent. Dies hatte er unter anderem in seinen zahlreichen Auftritten als fiktive Moderatorenfigur Alan Partridge oder auch im Zusammenspiel mit seinem Kollegen Rob Brydon für die Serienreihe The Trip unter Beweis gestellt.
The joy of misery
Zugegeben, Coogan hat in den letzten Jahren, so zum Beispiel in dem herzlichen Drama „Philomena“ an der Seite von Dame Judi Dench, gezeigt, dass er trotz seiner trockenen Art und seinem bisweilen sehr zynischen Humor auch eher dramatische Töne treffen kann. Ganz ähnlich sieht es in „Happyish“ aus, wo er seine Stärken gekonnt einbringt und den Zuschauer nicht nur zum Schmunzeln oder gar lautem Lachen bringen kann. Darüber hinaus baut er auch einige sehr nachdenkliche Nuancen in sein Schauspiel ein, die seinem Charakter des depressiven Mittvierzigers und grantigen Werbers Thom Payne sowohl eine interessante Tiefe als auch eine bestimmte Vielfältigkeit geben.
Doch Coogan ist nun mal am besten, wenn er bissig und witzig sein darf - und so versteht sich „Happyish“ auf den ersten Blick wohl doch mehr als entlarvende Satire, während mit Philip Seymour Hoffman auf lange Sicht eventuell ein größeres, bewegenderes Drama möglich gewesen wäre als das jetztige unterhaltsame „Happyish“. Hoffmans Gravitas und wunderbare Fähigkeiten - sowohl als dramatischer als auch als komischer Darsteller - hätten aus Thom Payne wahrscheinlich einen grundverschiedenen Charakter gemacht.

An average prick
Natürlich kann die Serie in ihrer zehnteiligen ersten Staffel noch gewisse Wendungen nehmen, aus denen sich Geschichten entspinnen könnten, die ans Herz gehen. Die Pilotepisode steht aber ganz klar im Zeichen der Comedy, gestaltet sich durchaus beschwingt und weiß die Talente Coogans richtig einzusetzen. Thom Payne ist Ehemann, Familienvater und Angestellter einer großen Werbefirma. Zu seinem 44. Geburtstag stellt er sich jedoch die Frage, ob er mit seinem derzeitigen Leben wirklich glücklich ist oder ob er vielmehr in einem unbefriedigenden Trott feststeckt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.
Auf seiner Arbeitsstelle strömen tagtäglich neue blutjunge und hoch motivierte Kollegen in das oftmals moralisch fragwürdige Geschäft des Marketings und suggestiver Werbung. Die alte Garde, zu der Thom gehört, geht in diesem Haifischbecken der Leistungsgesellschaft immer mehr unter. Die Beziehung zu seiner Frau wirkt auf den ersten Blick intakt, doch auch hier hat der belesene Thom mit einigen Problemen zu kämpfen, wirkt sich sein depressives und frustriertes Dasein doch auf sein Sexualleben aus. Selbst die Beziehung zu seinem kleinen, in den Augen anderer eher verweichlichten Sohn könnte besser sein, wie in der Pilotepisode kurz angedeutet wird. So ist es schon verständlich, dass Thom sein Leben zum Besseren verändern möchte und vielleicht tatsächlich sein Glück mit einer neuen Beschäftigung oder einem frischen Lebenssinn finden könnte.
Play the game
Der Einstieg in die Folge zeichnet zunächst ein sehr sympathisches Bild von unserer Hauptfigur, die wir während einer kleinen Geburtstagsfeier mit Freunden beim Schäkern beobachten. Mit fortschreitender Laufzeit der halbstündigen Auftaktepisode wird jedoch deutlich, wie unzufrieden Thom tatsächlich ist und wie viele Frustmomente er alltäglich über sich ergehen lassen muss. Coogan greift hier auf seine Stärken wie den perfekten Einsatz von schwarzem Humor zurück, wodurch insbesondere die von Auslander flott geschriebenen Dialoge sehr gut zur Entfaltung kommen.
Dem Hauptdarsteller zur Seite werden dabei eine Riege an bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern gestellt, die das Format aufwerten, deren Figuren sich jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit erst über mehrere Folgen richtig entfalten werden. Kathryn Hahn (Transparent) gefällt gut in ihrer Rolle als Thoms Ehefrau Lee, die wie ihr Mann bei Weitem nicht so zufrieden wirkt, wie es von außen den Anschein macht. Sie und Coogan verfügen über eine gute Chemie miteinander, was sie zu einem sehr glaubwürdigen und auf ihre eigene Art charmanten Pärchen macht.
Joy ceiling
Zusätzlich geben sich Größen wie Ellen Barkin (The New Normal) (als selbstbewusste, geradlinige Freundin Thoms), Andre Royo (The Wire) oder auch der stets hervorragende Bradley Whitford (The West Wing) die Klinke in die Hand. Insbesondere letzterer und Barkin treten in ein paar starken Szenen auf, in denen sie Thom mit ihrem „Rat“ zur Seite stehen.
Während Whitfords Charakter seinem Freund und Arbeitskollegen rät, sich anzupassen, um seinen Job nicht zu verlieren, gleichzeitig aber auch dessen Selbstmitleid und Scheinheiligkeit kaum noch ertragen kann, bringt Barkins Dani das zentrale Thema der Serie hervorragend auf den Punkt: Thom (stellvertretend für jeden anderen Menschen) will immer mehr - immer glücklicher und erfüllter werden. Doch er hat seine Grenze zur absoluten Zufriedenheit längst erreicht. Mehr ist für ihn und seinen speziellen Charakter einfach nicht drin, also soll er doch jetzt sein Buch schreiben, das er schon immer schreiben wollte.

A sliver of happiness
Happyish macht so ein durchaus interessantes Fass auf, indem es mehr als einmal recht direkt die Frage stellt, was wir denn benötigen, um wirklich glücklich zu sein. Es ist vorstellbar, dass die Antwort darauf gewohnt einfach ist (Liebe, Zuneigung, Familie et cetera), mit Thom als tragikomischer Figur etabliert man jedoch einen Protagonisten, dem man auf der Suche nach seinem persönlichen Glück gerne ein paar Stunden zusehen möchte.
Die Kritik, die Serienschöpfer Shalom Auslander darüber hinaus an der schnelllebigen Arbeitswelt von heute übt, ist an manchen Stellen vielleicht etwas dick aufgetragen und eher weniger subtil integriert. Themen sind der Social-Media- und Jugendwahn sowie die großen Illusionen des Werbegeschäfts, das uns unsere Bedürfnisse vorgaukelt und Produkte anpreist, die niemand wirklich zum Glücklichsein braucht („Fuck ,Mad Men'!“). Coogan funktioniert jedoch prächtig als wütendes Sprachrohr für Auslander, der dem Briten zahlreiche amüsante Szenen schreibt, in der er in bekannter Manier glänzen kann.
So wird mit diversen Scheinidealen (Warum pumpt sich der Muskelmann wirklich auf? Weil er sportlich in Form sein möchte oder weil er in Wirklichkeit tieftraurig, einsam und deprimiert ist?) abgerechnet, mit der neuen Yuppiegeneration, die nach dem Credo „What would Steve Jobs do?“ lebt. Dass Auslander so einigen Teilen seiner Zuschauerschaft auf den Schlips treten wird, steht außer Frage. Dass er es bisweilen auf die Spitze treibt und Thoms Grantigkeit ihn gelegentlich recht selbstgefällig und blasiert erscheinen lässt, ebenfalls. Doch mir persönlich sagt diese Direktheit, aktuelle Streitthemen und Probleme in unserer Gesellschaft unverblümt (wenn auch etwas überzeichnet) anzusprechen, durchaus zu. So sehr, dass ich mir sehr gerne eine weitere Episode des Showtime-Neustarts anschauen werde.
Fazit
Was hätte sein können? Diese Frage schwebt hoch oben über der neuen Serie Happyish, in der der verstorbene Philip Seymour Hoffman die Hauptrolle hätte spielen sollen. Dieser hätte das Format womöglich auf ein anderes, dramatischeres und weniger auf Satire ausgerichtetes Niveau gehoben und es ist schon schade, dass uns eine solche Fernsehserie vergönnt bleibt. Doch die Neuausrichtung mit Steve Coogan hat auch ihre Vorzüge, da der Darsteller seinen eigenen Stil mitbringt und so vor allem die komödiantischen Aspekte des Formats (eine abgedrehte Traumsequenz Thoms mit ein paar Werbefiguren wirkt zunächst etwas deplatziert, ist dann jedoch insgesamt sehr amüsant) zum Vorschein kommen.
Es geht hier und da sicherlich etwas subtiler und weniger offensichtlich, wenn Shalom Auslander uns den Spiegel vorhält. Das gesellschaftskritische Element der Serie geht jedoch mit der Prämisse der Serie einher und ist eine relevante Komponente. Außerdem stellen Coogan und seine namhaften Schauspielkollegen für mich trotz der teilweise nihilistischen und sehr pessimistischen Einstellung ihrer Charaktere ein interessantes Ensemble dar, von dem ich gerne mehr sehen möchte. Mit Blick auf den Humor überzeugt mich „Happyish“. Ob man in naher Zukunft das Potential für ganz großes Drama, welches ohne Frage in der Serie schlummert, abrufen kann, wird sich noch zeigen müssen.
Serientrailer zur Showtime-Comedy „Happyish“:
Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 26. April 2015Happyish 1x01 Trailer
(Happyish 1x01)
Schauspieler in der Episode Happyish 1x01
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